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„Ein Ort namens Gaza“

Die Ignoranz der lateinamerikanischen Linken gegenüber dem Nahen Osten kennt keine Grenzen.

Nicht weit von hier, an einem Ort namens Gaza, in Palästina, im Nahen Osten, gleich hier um die Ecke, marschiert eine gut ausgerüstete und trainierte Armee, jene der Regierung Israels, sie verbreitet Tod und Zerstörung...“ Als Subcomandante Marcos von der Zapatistischen Armee Anfang Jänner, als die jüngste Eskalation zwischen Israel und der Hamas voll im Gang war, seine von Pathos triefende Rede zur Lage in Gaza hielt, erklärte er gezählte viermal, dass er weder eine Ahnung vom Konflikt habe noch die Region kenne, und entschuldigte sich wiederholt für seine Ignoranz. Nichtsdestotrotz fuhr er fort anzudeuten, dass „dort“ u. a. Kinder, Frauen und Alte von Israelis massakriert würden, dass die „Überlebenden“ von den mordenden Soldaten später gesucht, aufgestöbert und letztendlich „gesäubert“ würden.

Dass der autoritäre und von der europäischen Linken als „Antiimperialist“ abgöttisch verehrte Staatschef Venezuelas, Hugo Chávez, nicht hinter dem Subcomandante zurückstecken würde, war vorauszusehen. Chávez, der in den letzten Jahren durch wiederholte antisemitische Aussagen und durch seine enge Kooperation mit dem iranischen Präsidenten Ahmadinejad aufgefallen war, entschied sich kurzerhand, den israelischen Botschafter auszuweisen. Ihm folgte nicht minder unentschlossen Evo Morales, der Präsident Boliviens, der als Hoffnungsträger der fortschrittlichen Kräfte Lateinamerikas angetreten war und sich nun, wohl v. a. aus wirtschaftspolitischen Gründen, allen noch so unappetitlichen Aktionen von Chávez unterordnet.

Dass Morales nun einen Schritt weitergeht, und Israel vor den Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag zerren will, zeigt, wie weit selbst ein Morales bereit ist zu gehen, um seinen Freunden und Geschäftspartnern im Iran und in Venezuela zu imponieren. Den Haag reagierte auf die Ankündigungen lapidar, dass eine solche Klage nicht in seinen Zuständigkeitsbereich falle. Doch davon ließ sich auch eine weitere linke Regierung in Lateinamerika nicht beeindrucken. So verlangt nun auch Ecuador, dass Israel wegen „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ angeklagt werde. Auslöser waren dafür nicht etwa die jüngsten Berichte über den Einsatz von Phosphorbomben, die durchaus als Kriegsverbrechen betrachtet werden können. Vielmehr wurde bereits zuvor Israel jedes Recht auf Verteidigung gegen die Raketen der Hamas abgesprochen.


Antiisraelische bis antisemitische Hetze

Während des Gazakrieges fanden in ganz Lateinamerika propalästinensische Demonstrationen statt. Die Sandinisten in Nicaragua marschierten unter „Gaza = Auschwitz“-Plakaten, in Mexiko wurde die US-Botschaft belagert und mit Schuhen beworfen, in Venezuela marschierten Hunderte mit „Stoppt den Holocaust in Gaza“-Taferln, und aus Brasilien schreibt eine Freundin, die in eine solche „Antikriegsdemonstration“ in Sao Paulo geraten war: „Ein Mann schrie permanent in ein Megafon, dass Ordnung gehalten werden solle: zuerst die Kinder, dann die religiösen Führer, dann die politischen Führer! Dazu gab es Transparente mit zerbombten Kinderkörpern und etliche Riesenposter von Chavez in Salutierpose und ein Dankeschön...“ Über die islamistische Terrororganisation Hamas erfährt man in diesen Kreisen nichts.

Wohin diese geballte Ladung Dummheit, und die antiisraelische bis antisemitische Hetze, die in Lateinamerika vor allem von linken Parteien und Gruppierungen ausgeht, letztlich führt, zeigt eine Kurzmeldung in einer uruguayischen Tageszeitung. Am 12. Jänner wurde das linke Jüdische Kulturzentrum Jaime Zhitlovsky in Montevideo mit Molotowcocktails angegriffen und der Eingangsbereich zerstört. Diesmal gab es keine Verletzten. Die Täter konnten unerkannt entkommen.

Mary Kreutzer ist Politikwissenschaftlerin, Publizistin, Redakteurin der Menschenrechtszeitschrift liga und Obfrau der Liga für emanzipatorische Entwicklungszuammenarbeit (LeEZA).


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("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.01.2009)