ie globale Wirtschaftskrise hat auch die türkischen Exporteure kalt erwischt. Imame sollen durch Predigten die Exporte ankurbeln. Ein neuer Kredit des IWF verspricht irdische Hilfe.
Istanbul. Allah ist groß – größer als alle Krisen. Das dachte sich wohl Mehmet Büyükeksi, der Vorsitzende der Vereinigung der türkischen Exporteure, als er sich in seiner Not an die Imame wandte. Doch er wünscht sich nicht öffentliche Gebete um mehr Export. Er fordert die Prediger auf, den Gläubigen ins Gewissen zu reden. Sie sollen besser und effizienter arbeiten, für Produkte mit mehr Qualität. Der Funktionär verfolgt eine fromme Idee: Gute Arbeit will er zur religiösen Pflicht erheben.
Der theologisch inspirierte Hilferuf kommt nicht von ungefähr. Die globale Wirtschaftskrise hat auch die türkischen Exporteure kalt erwischt. Der wichtige Textilsektor exportierte in den ersten drei Jännerwochen um ein Drittel weniger als vor einem Jahr. Die Autoindustrie, mit fast einem Drittel Anteil an den Ausfuhrerlösen der wichtigste Devisenbringer, hat eine Vollbremsung hingelegt. Vorbei sind die Zeiten immer neuer der Produktionsrekorde: Die Branche vermeldet einen Auftragsrückgang von 30 Prozent.
Der Sturm kommt zugleich aus Ost und West. In der EU, die den Türken 90 Prozent ihrer Ausfuhren abkauft, stehen die Zeichen auf Rezession. Und in Asien wächst die Konkurrenz. Die Türken arbeiten tatsächlich zu wenig produktiv. Daran ist, wie ein OECD-Ausblick im Oktober diagnostizierte, gerade der Aufholprozess schuld, den das Land in den letzten Jahren hingelegt hat. Die heimische Nachfrage wuchs wie von allein, beflügelt vom Wachstum der Bevölkerung. Darunter litt der Wettbewerb, und das macht – im Verein mit der schlechten Ausbildung der Jugendlichen – türkische Produkte weniger konkurrenzfähig.
Nicht so die türkischen Banken. Sie blieben von der Finanzkrise verschont. Das war kein Glücksfall, sondern eine Folge der Lehren, die die Türkei aus ihrem eigenen Banken-GAU 2001 gezogen hatte. Einlagensicherung, verstaatlichte Banken, Rettungspakete – das alles hatten die Türken schon vor acht Jahren kennengelernt.
Die Banken sind krisensicher
Heute sind die schwächsten Institute abgewickelt, alle anderen saniert und wieder in die Privatwirtschaft entlassen. Auch ein striktes Krisenmanagement führte dazu, dass sich in den Bilanzen keine Leichen in Form toxischer Papiere finden. Kredite sind zu rekordverdächtigen 17 Prozent kapitalgedeckt. Das staatliche Defizit wurde beinahe halbiert. Im vergangenen Mai verkündete der Wirtschaftsminister stolz die Unabhängigkeit vom Internationalen Währungsfonds (IWF) – die Notkredite waren zurückgezahlt, die Zeit des Bettelns scheinbar vorbei.
Aber nur für ein halbes Jahr – schon im November musste die Türkei von Neuem beim IWF vorstellig werden. Denn vom zweiten Akt der Krise blieb auch die Türkei nicht verschont. Wie in jedem Schwellenland ergriffen die institutionellen Investoren die Flucht. Die Lira geriet unter Druck.
Das Außenhandelsdefizit, bislang durch stetig fließende Direktinvestitionen aus dem Ausland gedeckt, steigt bedrohlich an. Dem Staat fehlen heuer bis zu 30 Mrd. Dollar, um seine Auslandsschulden zurückzuzahlen.
Hier soll ein neuer IWF-Kredit einspringen, die Verhandlungen stehen kurz vor dem Abschluss. Viele Geschäftsleute stört es gar nicht, dass ihr Land bald wieder unter der strengen IWF-Kontrolle stehen wird. Denn viele der Reformen der letzten Jahre sind seinen Forderungen zu verdanken.
Büyükeksi hingegen vertraut lieber auf die disziplinierende Kraft der Religion. Mit seinem Anliegen ging er zu Staatsminister Said Yazicioglu, in dessen Sold die Imame stehen. Dieser äußerte Bedenken: Den Gläubigen missfalle es, wenn in den Moscheen zu allem Möglichen aufgerufen werde.
Der laizistische Staat setzt in der Krise nicht auf Strafpredigten, sondern auf profane Mutmacher. Auf den neuen, seit Jahresbeginn verteilten Lira-Banknoten sieht man wie gewohnt Staatsgründer Kemal Atatürk – aber zum allerersten Mal mit einem Lächeln.
Auf einen Blick
■Gesunde Banken: Die Finanzkrise hat die Türkei fast unbeschadet durchtaucht. Der Grund: Ihre Banken wurden nach der schweren Liquiditätskrise von 2001 erfolgreich saniert und krisensicher gemacht.
■Kranke Wirtschaft: Durch den Abzug ausländischer Kapitalgeber verschlechtert sich die türkische Handelsbilanz. Die Exporte der Fahrzeug- und der Textilindustrie in die EU brechen ein. Von der mangelnden Produktivität und dem fehlenden Wettbewerbsdruck profitiert die asiatische Konkurrenz.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.01.2009)