"explodiert" im Vestibül: Platzen plötzlich

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Albern, lustig, ernst und bunt- "explodiert", eine Uraufführung vom Schweizer Andreas Liebmann. Es handelt von einer seltsamen Krankheit: In Europa explodieren Menschen.

Uraufführungen waren früher selten, dann wurden sie zu Ereignissen hochstilisiert, heute sind sie inflationär geworden. Neue Dramatiker schießen wie Pilze aus dem Waldboden vielfältiger, aber kleiner Förderungen und Preise. Erst werden die Jungtalente hoch gejubelt, doch bald heißt es: Ex, hopp und weg. Da geht es in der Kunst grad so zu wie bei Starmania und im Dschungelcamp.

Ein Schwerpunkt des neuen Dramas ist der Alltag. Aus diesem ist auch „explodiert“ vom Zürcher Andreas Liebmann (36) entstanden. Es handelt vom Zerfall einer Familie und einer geheimnisvollen Krankheit: In Europa explodieren Menschen ohne Fremdeinwirkung, einfach so. Nur in Europa. Womöglich atomisiert sie die Vielzahl von Chancen, Möglichkeiten, Pflichten? Wer offen auf das Leben zugeht, hat es leichter als wer sich in Erstarrung und Rückzug flüchtet, so die Devise des Autors. Die Story ist simpel: Eine Frau verlässt ihre Familie, um für zwei Monate in der Mongolei auf musikalische Tournee zu gehen. Der Mann stimmt zu, doch bald bereut er, dass er die Frau gehen ließ. Denn nicht nur platzen plötzlich (ein Gert-Jonke-Titel) die Leute – der Mann verliert auch jede Orientierung.

Liebmann reicherte seine Story mit allerlei witzigen Slapstick-Szenen und saftigen Karikaturen an. Clowns als stumme Zeugen des Geschehens verleihen der Aufführung einen Hauch von Ionesco. Cornelia Rainer (26) jongliert souverän mit dem bunten, verspielten, manchmal auch grotesken Textgebilde. Die Schauspieler sind einfach wunderbar, selbst jene, die sonst im Burg-Ensemble eher weniger auffallen.

Peter Wolfsberger tut einem richtig leid, wie er, von der Frau sitzen gelassen, plötzlich am Lebenssinn zweifelt. Als Musiker hat er wenig Erfolg, bisher war er ein Familienmensch, wo soll er jetzt hin? Zum Glück springt seine jüngere Tochter Anna (entzückend: Pauline Knof) ein. Sie reist mit Papa nach Sizilien, doch der Ätna ist nicht so interessant wie der italienische Schaffner: Patrick O. Beck spielt ihn und auch noch mehrere andere Rollen wie den Freund der zweiten Tochter Christa (Stefanie Dvorak), der mit deren Erotik ziemlich überfordert ist.

Lyrisch, seelenvoll, dann wieder voll sprühender Energie malt Petra Morzé die Ehefrau und Mutter, die Morgenluft wittert, von der sie schließlich verschlungen wird. Morzé erinnert jetzt ein wenig an Wessely/Hörbiger (Paula und Christiane). Der Untertitel des Stückes lautet: „vorschlag für einen theaterabend“. Ein guter Vorschlag.