Matthias Hartmann: „Ich lerne das Leben nie im Leben“

(c) Die Presse (Michaela Bruckberger)
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Der künftige Burgtheater-Direktor Matthias Hartmann über seinen Hass auf Gesinnungs-Uniformen, den Schmerz der Kreativität, das Absurde in Zürich und das Abgründige der katholischen Mentalität in Österreich.

Die Presse: Sie werden in relativ jungen Jahren Direktor des Burgtheaters, nach kurzen Intendanzen in Zürich und Bochum. Sind Sie ein unruhiger Mensch? Wie hat sich das ergeben?

Matthias Hartmann: Eigentlich bin ich beruflich sehr konstant, seitdem ich nach einigen Fehlversuchen am Theater gelandet bin. Ganz früher wollte ich mal Grönemeyer werden, dann schlug ich eine kaufmännische Laufbahn ein. Im zweiten Bildungsweg habe ich schließlich mein Abitur nachgemacht, bin zugleich im Theater gelandet und seitdem immer dort geblieben. Ich bewundere Menschen, die mutig von einem zum nächsten Beruf gehen. Aber das Theater ist der einzige Ort, an dem ich überleben kann.

Wann haben Sie das Theater kennengelernt?

Hartmann: Ich war mit 14 Jahren zum ersten Mal dort, davor habe ich mich nie sonderlich dafür interessiert. Es gab „In 80 Tagen um die Welt“. Das hat mich beeindruckt, aber nicht so sehr, dass ich sagen würde, ich bin dadurch ein anderer geworden.

Dann muss es eine Initiation gegeben haben.

Hartmann: Ich bin einmal von hinten in ein Theater geraten. Das war ein magischer Moment. Mir wurde schlagartig klar, dass Theater der einzig richtige Ort ist, an dem es alle meine Talente im Sinne von Fähig- und Unfähigkeiten zu kompensieren galt. Das war in Berlin. Ich wollte Hospitant werden, um herauszufinden, was Theater ist, und ging zur Berliner Schaubühne, weil dort der berühmte Peter Stein war. Dort hat ein berühmter Dramaturg sich meiner angenommen, aber nach einem Gespräch gemeint, ich solle erst noch einmal wieder kommen, wenn ich studiert habe. Dann bin ich auf die Straße raus, zu einem Taxifahrer, und habe gefragt, ob es hier noch ein Theater in der Nähe gäbe. Er hat mich zum Schillertheater gebracht. Der Taxifahrer ist für mich wegweisend gewesen im Leben.

Da sind Sie dem Heribert Sasse begegnet?

Hartmann: Man hat mich ins Betriebsbüro geschickt, wo allerdings niemand war. Dann habe ich an der Türe geklopft, an der „Künstlerische Direktion“ stand. Da saßen viele Leute um einen Tisch, unter anderem Klaus Bachler. Ich habe gesagt, dass ich Hospitant werden möchte. Die Leute fühlten sich offensichtlich gestört und meinten, ich solle mich schriftlich bewerben. Ich wollte aber nicht gehen, das kam denen zu recht sehr penetrant vor. Schließlich erbarmte sich die damalige Sekretärin der künstlerischen Direktoren, Frau Mühlhöfer, mittlerweile Betriebsdirektorin in Düsseldorf. Sie fragte mich nach meiner Telefonnummer und rief tatsächlich nach einigen Tagen an. Sie sagte, in dem Gespräch, das ich gestört hatte, ging es darum, dass der Regieassistent von Heribert Sasse nun nach Holland gehen würde, und ob ich mir zutraue, Regieassistent zu werden.

Sie haben Ja gesagt?

Hartmann: Da hab ich mein Glück in die Hand genommen und gesagt: Ja! Von da an war ich vier Jahre lang Regieassistent. Später dann und aufgrund meiner Musikalität habe ich sehr stark gespürt, wie man Dinge so auf der Bühne in Bewegung setzt, dass sie Spannung generieren, auch jenseits des Inhaltes. Das ist meine Begabung, die mich verwöhnt. Und deshalb ist sie gleichzeitig auch mein Fluch. Wegen dieser Fähigkeit haben mir Leute später schnell große Klassiker anvertraut und damit diesem Verwöhntsein weiter Vorschub geleistet. Sie haben mir große Stoffe angetragen und große Theater zur Verfügung gestellt. Dann kamen die Rückschläge. Da habe ich folgerichtigerweise anfangen müssen, auf das Theater anders zu schauen. Ich bin risikobereiter geworden und habe erkannt, dass gerade das Scheitern die wichtigste Triebkraft für das Theater ist.

Hatten Sie Vorbilder als junger Mann?

Hartmann: Es gehört zur Unbedarftheit eines Jungregisseurs, dass er sich alles zutraut und immer glaubt, besser zu sein als die anderen. In der Zwischenzeit bin ich natürlich achtsamer geworden. Mein Respekt gilt vor allem ausländischen Regisseuren, die ich in letzter Zeit bewundert habe, Robert Lepage, Alvis Hermanis, Jan Lauwers und Simon McBurney. Das sind für mich vier wirklich große Künstler. Was mich interessiert am Theater, ist, den Ursprung als das eigentlich Moderne am Theater wieder zu erkennen. Theater ist schon immer ein Ort gewesen, der durchs Behaupten entsteht, also im realistischen, illusionistischen Erzählen dem Film nicht das Wasser reichen kann.

Aber im Theater ist der Zuseher mittendrin.

Hartmann: Genau! Deshalb sollte man unmittelbar, lebendig, und nicht als Illusion, sondern das Publikum antizipierend arbeiten. Der Anachronismus des Theaters ist seine eigentliche Chance. Ich mache einmal im Jahr ein Stück, das die Traditionen des Theaters, aus dem wir kommen, pflegt, indem es sich auf den Text stürzt und mit guter und fundierter Schauspielerarbeit beschäftigt.

Welche Texte eignen sich besonders dazu?

Hartmann: Da eignen sich Autoren wie Bernhard, Fosse, Beckett, Kleist, also Sprachkomponisten. Dabei wird man als Regisseur eher zum Dirigenten, der die Partitur transparent und lebendig macht, statt als kofabulierender Partner den Abend zu erfinden. Den Abend gibt es schon. Wenn ich hingegen Dramatisierungen von Romanen mache wie „1979“ (nach Christian Kracht) – das gedenke ich mitzunehmen nach Wien – oder die Adaption eines Stückes wie „Sex“ (nach Justine del Cortes), dann nehme ich Material, arbeite damit und baue es einen Abend ganz anders zusammen. Da habe ich eine eigene Bildsprache entwickelt, an der ich weiter arbeiten will.

Man kann also davon ausgehen, dass Sie relativ oft auch selbst Regie führen werden?

Hartmann: Zweimal im Jahr mindestens.

Worauf freuen Sie sich in Wien? Und wie war es denn bisher in Zürich?

Hartmann: Ich glaube, ich bin fast der einzige Theaterdirektor, der hier freiwillig gegangen ist. Die Züricher haben keine glückliche Beziehung zu ihrem Theater. Das ist ein ganz wichtiger Aspekt. Die Strukturen sind absurd. Es gibt ein ständiges Gemenge mit dem Verwaltungsrat dieses Theaters, der sich als das Organ versteht, das das strategische Geschäft des Theaters bestimmt. Ich kümmere mich um den operativen Teil. Man versucht, die Konstruktion einer Aktiengesellschaft zu leben, die mit der Praxis des Theaters nicht vereinbar ist. In Zürich ist das Theater auch eher „nice to have“, man leistet es sich, aber man möchte dann – wie beim Fußball – gewinnen und Ruhe haben. Theater kann vor allen Dingen nur dann gut sein, wenn es antizipiert, dass es scheitert. Hingegen die Morbidität, die Abgründigkeit, und das katholische Ablasshandeln der österreichischen Mentalität kann mit dem Theater weitaus besser umgehen.

Hat es für Sie eine politische Dimension?

Hartmann: Ich kann dieses politische Theaterverständnis, das meine Väter gehabt haben, nicht mehr teilen. Im Theater wurde das Thema der Schuld, wie bei Ödipus zum Beispiel, schon immer diskutiert. In diesem dialektischen Vorgang wurde Theater interessant, nicht im reinen Zuweisen von Schuld. Das ist absolut langweilig. Das Theater, das Schuld zuweist, also behauptet, ich bin ein Guter, weil ich auf die Bösen mit dem Finger zeige, ist mir heute eine zu einfache Formel. Theater ist ein Ort, an dem Dinge diskutiert werden und an dem Lebensmodelle nachgespielt werden. Mich interessiert es, Stoffe zu öffnen, und nicht Thesen zu vertreten. Menschen, die ins Theater gehen, leisten eine Form von Mitarbeit. Um ein Erlebnis zu haben, müssen sie ihrer Fantasie eine Brücke bauen und schauen, anders schauen. Alles, was ich gelernt habe, habe ich im Theater gelernt. Ich lerne das Leben nie im Leben. Ich lerne das Leben immer nur auf der Probe. Deswegen brauche ich das Theater.

Was wird sich am Burgtheater ändern?

Hartmann: Ich habe ganz kurz überlegt, ob ich nicht anfange mit einem Shakespeare-Zyklus. (Lacht.) Nein, ich bin dem Theater gegenüber viel zu neugierig. Das, was man alles tun könnte, die perspektivisch unbegrenzten künstlerischen Möglichkeiten, die man am Burgtheater hat, das alles reizt mich viel zu sehr, als nur um der linearen Kommunizierbarkeit wegen jetzt irgendeine medial gut kommunizierbare Nische zu belegen, um zu sagen: „Mein Theater zeichnet sich durch dies oder jenes aus.“


Wenn Sie sich selbst kritisch anschauen: Was sind Ihre Assets, was bringen Sie ein?

Hartmann: Es war mir immer zu einfach, ein Image von mir jenseits meiner Arbeiten auf der Bühne virtuell aufzubauen. Schon auf der Waldorfschule ist mir aufgefallen, dass Frauen mit lila Webröcken augenscheinlich bessere Menschen waren als Frauen ohne lila Webröcke. Ich habe einen absoluten Hass auf alles Gesinnungsuniformierte, egal ob links oder rechts. Wenn ich Leute sehe, die durch ihre ganz bestimmte Kleidung ihren reaktionären Konformismus, ihre Intellektualität oder ihr Künstlertum hervorheben wollen, kriege ich sofort einen Kotzreiz.

Was bedeutet es, Theaterkünstler zu sein?

Hartmann: Die Menschen geben verhältnismäßig viel Geld aus für ihr Theater und glauben, wir Künstler sind die Kreativen, wir haben es gut. Wir kriegen Geld dafür, dass wir etwas Schönes machen dürfen. Und das ist natürlich ein großer Irrtum. Denn kreative Vorgänge sind schmerzhaft, die daran arbeiten, sind sehr oft depressive Menschen, die an den Abgründen ihrer Seele arbeiten, sonst würde kein einziges Kunstwerk entstehen. Es ist immer ein Krankheitsbild von Menschen, die das Leben nicht anders überleben. Man wird aber mit dem, was man leistet, nie glücklich, es sei denn, die Menschen freuen sich darüber. Das tröstet einen, mehr schafft man nicht. Ich jedenfalls nicht. Ein glücklicher Theaterkünstler, der sagt, er sei so gerne Regisseur, ist für mich suspekt.

Zur Person

Mit der Saison 2009/10 übernimmt Matthias Hartmann (45) die Direktion des Wiener Burgtheaters. Der Theatermacher aus Osnabrück verlässt das Schauspielhaus Zürich, das er seit 2005/6 leitet, deshalb frühzeitig. Seine Lehrjahre begann er 1985 als Hospitant am Berliner Schillertheater. In den Jahren 2000 bis 2005 war Hartmann Intendant des Schauspielhauses in Bochum.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.01.2009)

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