Der Schriftsteller John Updike starb im Alter von 76 Jahren an Lungenkrebs. Er war ein meisterhafter Erzähler des amerikanischen Bürgertums. Weltbekannt wurde er mit der "Rabbit"-Reihe.
Nach 1516 Seiten, nach vier Romanen, die John Updike von 1960 bis 1990 veröffentlicht hat, stirbt sein Held Harry „Rabbit“ Angstrom an einem Herzinfarkt, nach einem Basketball-Match – einem Sport, in dem der Frührentner einst ein Star war. Zum Sohn, dem schwarzen Schaf in der zerfallenen Familie, der in Panik verfällt, sagt er: „Well, Nelson,“ . . . „all I can tell you is, it isn't so bad.“ Die Tetralogie endet mit einem endgültigen Wort dieses Alter Ego des braven amerikanischen Bürgers, dessen Aufstieg und Verfall der Leser miterleben durfte: „Enough“.
John Updike, der am Dienstag im Alter von 76 Jahren in Danvers, Massachusetts, an Lungenkrebs starb, hat mit mehr als 50 Büchern ein erfülltes Leben als Schriftsteller gehabt, vielleicht hat er durch das Vielschreiben auch kompensiert, dass er in seiner Jugend stotterte und an Schuppenflechte litt. Die Mutter förderte seine Erzählleidenschaft . Gut 20 Romane und Sammlungen von Kurzgeschichten hat er veröffentlicht, eine Reihe von Essay- und Kritik-Bänden sowie sieben Gedichtbände.
Bis auf den Nobelpreis, für den er stets gehandelt wurde, hat Updike alles gewonnen, von Pulitzer-Preisen (für „Rabbit is Rich“, 1981, und „Rabbit at Rest“, 1990) bis zu National Book Awards. Die meisten seiner Bücher waren Bestseller, er traf den Nerv des Lebens in der amerikanischen Vorstadt. Das kannte der in bescheidenen Verhältnissen auf einer Farm aufgewachsene Sohn eines Lehrers und Diakons aus Reading, Pennsylvania, bald genau. Er erhielt ein Stipendium für Harvard, beendete das Englisch-Studium mit „summa cum laude“. In seiner Abschlussarbeit beschäftigte er sich mit dem metaphysischen Dichter Robert Herrick. Dann durfte er sogar ein Jahr zum Studium nach Oxford. Dort brachte seine erste Frau Mary Pennington eine Tochter zur Welt. 1955 wurde er Redakteur beim „New Yorker“. Bald aber gab er diese Stelle auf und widmete sich ab 1957 ganz dem Schreiben. 1958 erschien der Gedichtband „The Carpentered Hen“, 1959 der erste Roman: „The Poorhouse Fair“.
Religion, Kunst, Sex
Updikes Rezept: Ein blendender, etwas beflissen wirkender Stil voller Symbolik, ein bisschen Religion und Kunst, vor allem aber – Sex. „The Couples“ (1968), eine Studie des liberalen Bildungsbürgertums tief in den moralischen Wirren des späteren 20. Jahrhunderts, hatte allein in den USA eine Erstauflage von zwei Millionen Exemplaren. Was war denn das Spannende an diesem heute schon leicht vergilbten Roman, der damals Skandal erregte? Die miniatürliche Darstellung des Geschlechtslebens normaler Spießbürger galt als anstößig; Updike ergötzte eine ganze Generation mit einer Chronik der läufigen Ereignisse, er schrieb die neuenglische Version des Reigens in diesem Zyklus über zehn Ehepaare. Ihr von der Sucht nach Hedonismus geprägtes Paarungsverhalten ist aber auch von Furcht, Sünde und Tod geprägt. Updike kannte sich aus in Kierkegaards Philosophie.
Der Teufel bei den Puritanern
Zu seinen berühmtesten Werken zählte das köstliche, von Hollywood verfilmte Satyrspiel „The Witches of Eastwick“ (1984): Der Teufel kommt zu den Puritanern an die Ostküste, nach Eastwick, um sich fortzupflanzen. Dazu bringt er drei wunderbaren Frauen, die gerade solo sind und aus deren Perspektive wir das Geschehen erfahren, einige Tricks bei. Luzifer aber lernt seine Lehrmeisterinnen kennen. Der Mann ist das Opfer, und mag er auch als Teufel Gestalt annehmen! So viel zum Machismo. Es gab Anfeindungen von feministischer Seite. 24 Jahre später hat Updike im Vorjahr eine milde Fortsetzung veröffentlicht: „The Widows of Eastwick“. Aus weiblicher Perspektive ist auch der Briefroman „S“ (1988) erzählt. Die Heldin schließt sich einer Kommune an, der Autor spießt dabei die Bhagwan-Sekte auf.
In zweiter Ehe war Updike seit 1977 mit Martha Bernhard verheiratet, mit ihr und ihren drei Söhnen lebte er diskret im ruhigen Georgetown, Massachusetts. Bis zuletzt war er produktiv und vielseitig, auch streitbar. Vielleicht sind seine späten Jahre am besten im Erinnerungsroman „Villages“ (2004) widergespiegelt, einer Schilderung des Alterns, seiner Ängste und seines Begehrens, die manchen Kritiker wegen ihrer Offenheit irritierte. Immer noch irritiert.
John Hoyer Updike wurde 1932 in der Kleinstadt Shillington, Pennsylvania, als einziges Kind eines Diakons geboren. Er studierte englische Literatur in Harvard. 1954 erschienen erste Kurzgeschichten im „New Yorker“. Mit seinem dritten Roman, „The Couples“ („Ehepaare“) gelang ihm 1968 ein Millionenseller (Thema: liberaler Mittelstand samt sexuellen Gepflogenheiten). Seine „Rabbit“-Romane haben Harry Angstrom zur Hauptfigur (Firma, Ehe, Älterwerden). Updikes persönlichstes Buch ist seine Memoirensammlung „Self-Consciousness“. Der Autor war lange Jahre immer wieder für den Literaturnobelpreis im Gespräch.
("Die Presse" Printausgabe vom 28. Jänner 2009)