Sie sehen, ich habe ein Radiogesicht

Unter den zu Recht unbeliebten neuropathologischen Mucken ist die Prosopagnosie: die Unfähigkeit, sich Gesichter zu merken.

Das ist durchaus nicht immer eine Umschreibung für Grußunlust oder eine Ausrede für Herren, die den Damen lieber auf die Herzgegend gaffen als in die Augen blicken.

Nein, das ist ein real existierendes Leiden, die Hirnforschung lokalisiert es: hinter den Ohren, im Gyrus fusiformis. Dort ist das Facebook des Hirns: Nervenzellen, die auf das Erkennen von Gesichtern spezialisiert sind, offenbar in vielen Fällen 1:1, sodass einem Gesicht genau ein Neuron entspricht. Die US-Fernsehschauspielerin Jennifer Aniston hat ihr Stücklein Ewigkeit dadurch erobert, dass Neurologen 2005, als sie auf der Höhe ihres Ruhmes war, in Gehirnen von Testpersonen je ein Neuron fanden, das genau dann aktiv war, wenn ihnen ein Bild von ihr gezeigt wurde: Sie nannten es „Jennifer-Aniston-Zelle“.

Die TV-Serie, in der Aniston spielte, hieß passend „Friends“, es ging – erraten – um Freundschaften. Sie machte Aniston zum „face“; das heißt nicht nur „Gesicht“, sondern auch „bekanntes Gesicht“. In den sozialen Netzwerken der Mods z.B. war (ist?) „the face“ der Chef einer Partie. „I am the face, she has to know me“, sang Roger Daltrey in „Sea and Sand“, auf dem gewaltigen Who-Album „Quadrophenia“.


Ich weiß, du kennst mich, aber ich kenn dich nicht – noch nicht“: So pflegte sich ein (damals noch lange nicht berühmter) Literat in Literatencafé-Surrogaten bei den Mädchen an den Nebentischen einzuführen, er hatte gar nicht selten Erfolg damit.

Als Berühmtheitsindex eines Menschen könnte man ja eine Differenz definieren: die Anzahl derer, die sein Gesicht kennen, minus der Anzahl der Gesichter, die er kennt (kennen muss). Die Reziprozität, die uns das Internet-Facebook, diese sonst vorbildliche Versuchsanordnung der mathematischen Soziologie, vorgaukelt – ich kenne dich, du kennst mich, ich bin dein Freund, du bist mein Freund–, ist im echten Leben selten.

In diesem Sinn steht jeder Prosopagnostiker unter Generalverdacht: Ist er ein sozialer Hochstapler? Will er nur zuerst gegrüßt werden?

Objekte prosopagnostischer Fehlleistungen, seien sie echt oder vorgetäuscht, neigen jedenfalls zum Beleidigtsein. Außer sie sind weise genug, um ihr Schicksal mit Demut zu tragen. Wie ein der Welt durchaus nicht unbekannter Bekannter, als gleich drei Semiprominente hintereinander seinen freundlichen Gruß nur mit irritiertem Kopfnicken beantworteten: „Weißt du“, sagte er ohne Groll, „ich glaub, ich hab einfach ein Radiogesicht.“


thomas.kramar@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.01.2009)

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