Serotonin macht Heuschrecken zur Plage

Heuschreckenplage
Heuschreckenplage(c) AP (Alexander Zemlianichenko)
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Die gespenstische Verwandlung der Wüsten-Heuschrecken zur fliegenden Plage hat neurochemische Gründe. Serotonin steuert beim Menschen den Schlaf und bei Schrecken die Verwandlung.

Die schlimmste aller biblischen Plagen bedroht heute noch 20 Prozent der Landmasse der Erde, die Wüstenheuschrecke, Schistocerca gregaria. Periodisch verheert sie Regionen in Afrika und China, auch in Australien, dort war im November ein sechs Kilometer langer Schwarm in der Luft. Was dann den Himmel verdunkelt, kann pro Quadratkilometer 80 Millionen Individuen enthalten, jedes frisst an einem Tag so viel, wie es wiegt, um die zwei Gramm: „Sie sprengen daher über die Höhen der Berge, wie ein mächtiges Volk, das zum Kampf gerüstet ist. Völker werden sich vor ihm entsetzen, und jedes Angesicht erbleicht.“ (Joel 2, 5)

Dabei sind sie zunächst ganz harmlos und sehen auch freundlich aus, sie sind grün und leben am Boden, in Wüsten, jedes Individuum für sich, strikt von anderen getrennt. Bis irgendwann Regen kommt und Pflanzen gedeihen lässt, dann explodieren die Populationen. Die drängen sich, wenn alles wieder trocken wird, um das letzte Futter. Dann wandeln sich die Einsiedler zur Masse, sie verändern sich – am deutlichsten in der Farbe, sie werden gelb/schwarz –, und zwar so dramatisch, dass man bis 1921 glaubte, grüne und gelbe seien verschiedene Arten. Aber es sind verschiedene Lebensabschnitte, und der Hunger bringt den Wandel, auch den des Verhaltens: Nun marschieren sie gemeinsam los, in kilometerbreiten Bändern, und eines Morgens steigen alle in die Lüfte und fliegen los, mit 20 Kilometer pro Stunde, bis zu 160 Kilometer pro Tag.

Wie Dr. Jekyll und Mr. Hyde

Diese Variante der Jekyll/Hyde-Geschichte wird durch die räumliche Enge ausgelöst bzw. dadurch, dass die Tiere einander berühren, an den Hinterfüßen, der taktile Reiz löst alles aus, man weiß es seit einigen Jahren, man kann es auch im Labor nachspielen: Berührt man eine grüne, flugunfähige Wüstenheuschrecke an den Hinterbeinen, ist sie zwei Stunden später gelb/schwarz und kann fliegen. (Pnas, 98, S.7)

Neurochemisch in Gang gebracht wird die Wandlung durch etwas völlig Unerwartetes: Serotonin, das ist ein Botenstoff und Neurotransmitter, der in unserem Körper viele Funktionen hat. Er steuert etwa den Schlaf – Schichtarbeiter und Vielflieger wissen es. Dass auch Insekten Serotonin haben, war bekannt, aber erst eine Gruppe um Stephen Rogers (Oxford) hat nun seine Schlüsselrolle bei der Heuschrecken-Verwandlung bemerkt: Reizt man die Beine, verdreifacht sich der Serotonin-Spiegel in zwei Stunden, der Wandel kommt; spritzt man den Tieren Serotonin – ohne Reiz –, passiert das Gleiche; blockiert man ihre Serotonin-Rezeptoren, kann man reizen, so viel man will, es passiert nichts. (Science, 323, S.627)

Könnte man daraus eine neue Strategie zur Abwehr der Schwärme entwickeln? „Kurzfristig nicht“, erklärt P. Stevenson (Uni Leipzig) in einem Begleitkommentar: Man müsste irgendeinen Serotonin-Hemmer auf die grünen Heuschrecken spritzen, aber die leben ja isoliert in Wüsten, man findet sie nicht. Und selbst wenn, könnte man aus Umweltgründen nicht großflächig etwas verspritzen, was auch auf Menschen wirkt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.01.2009)

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