Kokoschkas unheimliche Gabe

Passen Sie gut auf Ihr Gesicht auf. Es soll Leute geben, die daraus die Zukunft lesen können.

Ein hochgelehrter Kollege, dessen ich an diesem Freitag nicht ansichtig wurde, hat mir, ehe er in den Urlaub entschwand, das beeindruckende Wort „Prosopagnosie“ erklärt, das mir irgendwie mitten im Leben entschwunden war. Kaum aber habe ich es vorgestern schwarz auf weiß erblickt, kam es mir schon wieder vertraut vor. Wer Gott nicht erkennt, ist ein Agnostiker. Wer sich hingegen mit Gesichtern schwertut, ist ein Prosopagnostiker.

Wie aber nennt man die Fähigkeit, in einem Gesicht nicht nur die Vergangenheit, sondern auch die Zukunft lesen zu können? Nennt man solche Leute ganz hybrid Prosopfuturisten? Und kann man diese Kunst in Zeiten der Wirtschaftsmisere auch gewerblich nutzen, weil man das Entsetzen im Auge seiner Investmentberaterin früher sieht als sogar diese selbst? Oskar Kokoschka soll die unheimliche Gabe besessen haben, Menschen prophetisch zu malen. Erst viel später würden sie sich zu diesen Gesichtern entwickeln. Er soll sogar Schlaganfälle bei völlig gesund scheinenden Honoratioren um Jahre vorgezeichnet haben.

Ich finde das belastend, wenn nicht sogar beziehungsfeindlich. Unlängst habe ich auf dem noch beinahe unerforschten Feld der Prosopfuturistik eine Enttäuschung erlebt. Im Kino läuft ein romantischer Film, eine hübsche junge Frau steht am Sterbebett ihrer steinalten Mutter. Die atmet schwer und macht einen eher bitteren Eindruck. Sie ist vom Leben gezeichnet. Aber erst als ihr Gesicht noch einmal in Nahaufnahme zu sehen ist, erkenne ich: Das muss doch Cate Blanchett sein, dieses anmutige Mädchen, in das ich mich schlagartig verknallt habe, als sie die junge Königin Elizabeth spielte. Sogar die wilde Queen Bess war mir damals viel sympathischer, es kam mir fortan völlig logisch vor, dass die Intrigantin Maria Stuart hart bestraft werden musste.

Als alte Frau in „Benjamin Button“ erinnerte mich nun Cate Blanchett eher daran, wie Barbara Bush in 20 Jahren ausschauen wird, als an eine dynamische junge Herrscherin. Und es kam noch schlimmer. Als sie dann in rührseligen Rückblenden eine fantastische Tänzerin spielte, die Brad Pitt ruck, zuck flachlegte, gefiel sie mir gar nicht mehr so gut. Sie sah für mich bereits so aus, als ob sie demnächst von Kokoschka gemalt werden würde.

Jetzt frage ich mich: Was für eine Sorte Agnosie ist mein sicher tadelnswertes und oberflächliches Verhalten, das wahrscheinlich unbewusst durch perfide Anti-Aging-Kampagnen in der Kinowerbung hervorgerufen worden war? Oder schlimmer noch – handelt es sich gar um einen unheilbaren Fall von Gerontophobie? Ich durchblicke das nicht ganz. Eines aber weiß ich schon: Das Jüngerwerden liegt im Trend. Nicht die Agnostiker, sondern die Nostalgiker beherrschen dieses Feld. Und ihre Chirurgen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 31.01.2009)

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