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Meinung: Schakfeh agiert wie die FPÖ

Der Präsident der Islamischen Glaubensgemeinschaft reagiert auf seriöse Kritik mit dem Vorwurf der Hetze.

Die Studie des Islamwissenschaftlers und Soziologen Mouhanad Khorchide, aus der hervorgeht, dass jeder fünfte islamische Religionslehrer in Österreich auf die eine oder andere Weise Probleme mit der Demokratie hat, ist alarmierend. Auch und vor allem für die Islamische Glaubensgemeinschaft, die für die Bestellung dieser Lehrer verantwortlich ist. Nachgerade erschreckend ist allerdings die Reaktion des Präsidenten der Glaubensgemeinschaft, Anas Schakfeh.

Sie weist genau jene Mischung aus Schein-Problembewusstsein, Vorwurfskultur und Abwieglermentalität auf, die das Verhältnis zwischen dem offiziellen Österreich und dem offiziellen Islam seit Jahren prägt, während sich draußen im wirklichen Leben die Probleme stauen:
•Schakfeh räumt mit leichtem Hang zum Euphemismus ein, dass die Ergebnisse der Studie „gewiss nicht angenehm“ seien. Ebenso wenig „angenehm“ sei allerdings der „skandalheischende Umgang mancher Medien“ mit den Ergebnissen der Studie, die einer „breiten Öffentlichkeit“ bisher ja „nur in Auszügen bekannt“ sei. Was soll das? Die Daten sind eindeutig, und sie sind erschreckend. Wer die Berichterstattung darüber als „skandalheischend“ denunziert, behauptet, die Medien konstruierten einen Skandal, wo keiner ist. Dieser Vorwurf ist absurd.
•Anas Schakfeh äußert die Sorge, dass „negativen Stereotypen und Ängsten gegen Muslime“ in einer Weise Nahrung gegeben werde, „dass ernste Auswirkungen auf das gesellschaftliche Klima in Österreich die Folge sind.“ Will der Präsident der Islamischen Glaubensgemeinschaft allen Ernstes behaupten, nicht die mangelnde Identifikation islamischer Religionslehrer mit der Demokratie sei ein Problem für das gesellschaftliche Klima in Österreich, sondern die offene Diskussion über dieses Faktum?
•Fast skandalös ist Schakfehs Hinweis darauf, dass man es „in der Selbstverständlichkeit, die Freiheit der Wissenschaft zu respektieren“, verabsäumt habe, „in die Formulierung der Fragestellungen einzugreifen“. Es seien nämlich „irritierende Wendungen“ darunter gewesen, „die suggestive Antworten“ vorgeben – was „wohl auch nicht im Sinne eines fundierten Ergebnisses“ sein könne. Schakfeh hätte gefragt: „Sind Demokratie und Islam vereinbar?“ und hätte damit das gewünschte Ergebnis – nämlich nicht 78, sondern 100 Prozent Zustimmung – erreicht. Dass eine solche Fragestellung keine aussagekräftigen Antworten bringt, weiß jeder erstsemestrige Soziologiestudent.

Der Präsident der Islamischen Glaubensgemeinschaft sagt also nichts anderes, als dass es ein Fehler gewesen sei, die Freiheit der Wissenschaft zu respektieren, weil „fundierte“ Ergebnisse nur durch den Eingriff des institutionellen Auftraggebers in die wissenschaftliche Fragestellung hätten erzielt werden können.

Das ist indiskutabel. Und es zeigt, dass die offizielle, wenn auch offensichtlich mit eher mangelhafter Legitimation ausgestattete Vertretung der österreichischen Muslime ein doppeltes Spiel spielt: Im offiziellen „Dialog der Kulturen und Religionen“ wird ganz allgemein die Vereinbarkeit von Islam und europäisch-demokratischer Kultur postuliert. Im politischen Alltag wird jede auch noch so gut belegte Feststellung, dass dieses Postulat in unzureichendem Maß mit der Wirklichkeit in Einklang zu bringen ist, weggewischt, indem man den Überbringern der schlechten Nachricht Islam-Hetze vorwirft. Ungefähr so macht das auch die FPÖ, wenn es um ihre mangelnde Abgrenzung zum Rechtsextremismus geht.

Das ist doppelt problematisch: Es bestätigt das vorhandene, überwiegend unzutreffende Vorurteil, die österreichischen Muslime würden sich offiziell zu Menschenrechten, Demokratie und Rechtsstaat bekennen, während sie innerlich auf die Möglichkeit warteten, ihre eigenen, an der Scharia angelehnten Vorstellungen verwirklichen zu können. Und es schwächt jene, die seit langem daran arbeiten, auch auf theologischer Ebene so etwas wie einen „europäischen Islam“ zu entwerfen, wie das etwa das Institut für islamische Religionspädagogik an der Wiener Uni tut.


Leider hat Anas Schakfeh in der österreichischen Politik kongeniale Partner für seine Strategie des aktiven Nichtstuns: Bundeskanzler Werner Faymann belässt es bei der Nullaussage, man solle „nicht mit neuen Paragrafen wacheln“. Die zuständige Unterrichtsministerin Claudia Schmied wiederum will sich, wie immer, „zunächst einmal ein klares Bild über die Wirklichkeit machen“. Wenn sie damit sagen will, dass sie bisher kein klares Bild über die Wirklichkeit hat, ist das möglicherweise nicht überraschend, jedenfalls aber nicht sehr ermutigend.


michael.fleischhacker@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 31.01.2009)