„Geschmack für schöne Farben und Töne“

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Variation und Selektion bestimmen über das Überleben und die Chancen zur Reproduktion.

„Struggle for life“, das ist, nebst den Finken, die zweite Assoziation, die sich zu Darwin einstellt; manche verstehen es als ewiges Fressen und Gefressenwerden, andere als Legitimation von Mord und Totschlag. Aber damit – mit dem sogenannten „Sozialdarwinismus“ – hat es nichts zu tun, und mit dem Fressen nur sehr bedingt: Dass ein Raubtier eine Beute schlägt, ist das Normalste von der Natur, daran muss kein Gedanke verschwendet werden, schon gar keiner von Darwin. Ihm ging es um anderes; „struggle“ heißt nicht nur „Kampf“, es heißt auch „Anstrengung“. Und anstrengen muss sich jedes Individuum jeder Lebensform, wenn es (a) überleben und (b) sich fortpflanzen will.

Denn von jeder Lebensform kommen zu viele Individuen zur Welt (dazu die nächste Folge der Serie), deshalb muss jedes einzelne die Besonderheiten nutzen, die es von Geburt an hat, die winzigen Unterschiede zu anderen Individuen der gleichen Art („Variation“). Sie müssen sich in der Umwelt bewähren, werden von ihr ausgelesen – die Form der Nüsse etwa bestimmt die der Vogelschnäbel –, das ist die „natürliche Selektion“. Darwin entwickelte sie am Modell des Tierzüchters, der von jedem Wurf die auswählt, deren Eigenschaften er wünscht; er entscheidet nach dem Aussehen. Drei Unterschiede liegen auf der Hand: Die Natur ist blind, sie wünscht sich nichts, ihr ist auch das Erscheinungsbild gleich, dafür moduliert sie feiner und tiefgreifender, „sie kann auf jedes innere Organ einwirken, auf jede Schattierung der körperlichen Verfassung“.

Dabei kommt manches zustande, über das man prima vista nur den Kopf schütteln kann, die drückenden Geweihe der Hirsche etwa oder die mit Recht so heißenden Schleppen der Pfauen. Auch diese Merkmale kommen vor ein Gericht, und das urteilt ganz und gar nicht blind, allerdings milder, es geht nicht ums Überleben, sondern um die Chancen der Reproduktion, „ich nenne das die sexuelle Selektion“. Sie kommt in zwei Varianten, in der einen kämpfen (meist) die Männchen miteinander, mit Waffen wie dem Geweih, in der anderen putzen sich (meist) die Männchen auf und paradieren vor den Weibchen, mit Ornamenten, üppigen Farben, prächtigen Stimmen.

Luxus eben. Wer sich etwas so Unpraktisches leistet wie der Pfau – präziser: der Pfau, der seine Konkurrenten überbietet –, zeigt damit, dass er es sich leisten kann, dass er bei besten Kräften ist und sie dem Nachwuchs vererben wird. So die gängige Hypothese, Darwin sah es mit mehr Poesie: „Eine große Zahl männlicher Tiere, wie alle unsere prächtigsten Vögel, sind der Schönheit wegen schön geworden; dies ist aber nicht zum Vergnügen des Menschen bewirkt worden, sondern durch sexuelle Selektion: Die schöneren Männchen sind immer vorgezogen worden. Wir können schließen, dass ein ähnlicher Geschmack für schöne Farben und musikalische Töne sich durch einen großen Teil des Tierreichs hindurchzieht.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 31.01.2009)

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