Experten warnen vor einem „Wasser-Bankrott“ in 20 Jahren. Schon im Jahr 2025 könnte der Wassermangel 30 Prozent der jährlichen Getreideernte ausfallen lassen.
Davos. Die Teilnehmer des Weltwirtschaftsforums sind sich einig: Der Welt steht das Wasser bis zum Hals. Doch leider gilt das nur im wirtschaftlichen, nicht im wörtlichen Sinn. Abseits der Debatten über die Rezession wird in Davos intensiv ein Problem diskutiert, das nicht die nächsten Jahre, sondern Jahrzehnte dominieren dürfte: die Wasserknappheit.
Basis ist die bisher umfassendste Studie zum Thema. Erst sie zeigt, so UN-Generalsekretär Ban Ki-moon, „die ganze Dimension des Problems“ – und mögliche Lösungen. Projektleiterin Margaret Catley-Carlson präsentiert sie als Kochrezept: „Man nehme eine Welt von sechs Milliarden Menschen. Man finde Zutaten, um weitere zwei Milliarden zu ernähren. Man füge die Nachfrage nach mehr Nahrung, Tierfutter und Treibstoffen dazu. Dabei verwenden Sie nur die Menge an Wasser, die der Planet seit seiner Schöpfung hat. Rühren Sie sehr vorsichtig um.“ Wenn dabei etwas schiefgeht, drohen Kriege. Klappt die Zubereitung, entstehen neue, hoch profitable Wirtschaftszweige.
Die Ergebnisse der Studie: Schon im Jahr 2025 könnte der Wassermangel 30 Prozent der jährlichen Getreideernte ausfallen lassen. Dabei steigt die Nachfrage nach Nahrungsmitteln bis 2050 um bis zu 90 Prozent – durch mehr Menschen und höheren Wohlstand, der auch zu mehr Fleischkonsum führt. So verschärft sich das Problem: Durch das Futter fürs liebe Vieh braucht das Menü eines Fleischessers die doppelte Wassermenge von dem eines Vegetariers – 5400 Liter pro Tag.
Das alles ließe sich noch organisieren, stünde die Landwirtschaft mit ihrem höheren Bedarf alleine da. Doch weit gefehlt: Der Durst der Städte, Industrien und Energieerzeuger wächst viel schneller. 40 Prozent des Wassers, das die USA abzapfen, fließen in die Energieproduktion – und deren Bedarf wird um 165 Prozent steigen.
Wie aber kommt es zur Knappheit in vielen Regionen? Das Wasser bildet ja einen Kreislauf, seine Gesamtmenge bleibt immer gleich. Das Problem liegt im stark steigenden Bedarf in wasserarmen Regionen Asiens. Dazu kommen die Auswirkungen des Klimawandels. Er führt etwa dazu, dass es die größten Süßwasserspeicher in 90 Jahren nicht mehr geben wird: die Gletscher im Himalaja. Sie versorgen über große Flüsse zwei Milliarden Menschen kontinuierlich mit Wasser. Ohne diese Gletscher wird die entsprechende Wassermenge zwar auch ihr Ziel erreichen – als Regen. Der aber wird unregelmäßig fallen, oft nach langer Dürre und zu viel auf einmal. Statt nutzbar zu sein, wird er zu Überschwemmungen führen.
Noch ist es nicht so weit. Die Gefahr ist unsichtbar und das lässt die Politiker schlafen. Die Experten wollen sie mit ihrem Alarmruf wecken, nicht zufällig in Davos, wo sich 40 Staats- und Regierungschefs ein Stelldichein geben.
Große Chancen für Investoren
Das Problem ist, wenn rechtzeitig erkannt, lösbar. Zum Beispiel durch eine schlauere Aufteilung der landwirtschaftlichen Produktion. Heute sind drei der zehn größten Nahrungsexporteure wasserarme Länder und drei der zehn größten Importeure wasserreiche. Dazu kommt die schlechte Infrastruktur: Die Hälfte vom kostbaren Nass geht verloren – es wird verschwendet, entweicht durch rostige Rohre, verdampft.
Die Studie nennt den Grund: Der Staat verkaufe seinen größten Schatz oft viel zu billig. Solange sich die Knappheit des knappen Gutes nicht im Preis widerspiegelt, sei das Problem nicht zu lösen. Allerdings plädieren die Autoren nicht für eine Privatisierung des öffentlichen Gutes Wasser. Vielmehr könne nur der Staat heute schon Reformen anstoßen – aber dazu braucht er privates Kapital.
So dürfte in den nächsten 20 Jahren Wasser ein wichtiges Thema für Investoren werden. Versorgung, Reinigung, Entsalzung – die Bandbreite ist groß. Bei Wasserfonds könnten bald schon die Erträge sprudeln, so wie heute noch das Wasser aus den Quellen.
auf einen blick
■Die Landwirtschaft verbraucht noch 40 Prozent des genutzten Wassers, aber der Anteil für Industrie und Energie wächst stark.
■Der Mensch konsumiert unmittelbar nur drei Prozent.
■Verdunstend geht die Hälfte des abgezapften Wassers verloren.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 31.01.2009)