Peter Turrinis „Wirtin“ in der Regie von Janusz Kica: Verunglückt, trotz eines teils guten Ensembles. Sandra Cervik in der Titelrolle rettet den Abend.
Was macht der Italiener, wenn er mit einer Frau ins Bett will? Er schwingt ausufernde Reden. Vermutlich machen das alle Männer, aber Italiener sind besonders bekannt für blumige Liebeserklärungen. Der Cavaliere Rippafratta in Peter Turrinis „Wirtin“ ist ein hundsgemeiner Grundstückspekulant und Frauenhasser. Unglücklicherweise verliebt er sich in die Wirtin. Bevor er sich auf sie stürzt, redet er wie ein Wasserfall – und wird dabei ständig gestört.
Der Rippafratta ist eine der effektvollsten Rollen dieses Stückes. Dass er in der Josefstadt mit Ulrich Reinthaller besetzt wurde, war keine gute Idee. Der ehemalige Burg-und Fernsehschauspieler kann zwar einen Anzug tragen und die Föhnwelle werfen, seine Ausdrucksmittel aber sind allzu bescheiden. Er rollt mit den Augen, fuchtelt mit den Händen und ist wenig authentisch.
„Die Wirtin“ ist eine geistreiche Commedia-dell'Arte-Literaturparodie. Nach Dialektstücken wie „rozznjogd“ oder „Sauschlachten“ wollte Turrini aus der schäbigen Dialektecke heraus und das bürgerliche Publikum mit Bearbeitungen bekannter Werke wie „Der tolle Tag“ nach Beaumarchais oder eben der „Wirtin“ nach Goldoni gewinnen. Das Drama (1973) verrät genaue Kenntnis von Milieu und Mentalität, schließlich ist Turrini ein halber Italiener. Die Erotik ist derb, aber witzig, die Botschaft bissig. Diese gelungene Klassikervariation provozierte seinerzeit, jetzt aber weniger, also passt sie bestens in die Josefstadt.
Lauter bunte Pappfiguren
Regisseur Janusz Kica hätte der Geschichte von der Wirtin an der Adria, die von Männern umschwärmt wird, die an ihrem Geld und ihrem Körper, kaum aber an ihr selbst interessiert sind, den letzten Reißzahn ziehen können. Das tat er nicht. Was aber wollte er? Die Aufführung ist attraktiv, näher betrachtet aber haben Turrinis knallige Figuren viel von ihrer spontan-ungehobelten Wirkung eingebüßt. Stattdessen wird mit bemühtem Pepp Komödie gespielt, als wäre man in der Rotenturmstraße.
Sandra Cervik kann natürlich keiner etwas anhaben. Sie ist die Wirtin, doch ihre wunderbaren Talente der Verführung wirken erstmals angestrengt, nicht nur, weil sie mit kunstvoll verknoteten Beinen nieder knien und wieder aufstehen muss. Vielleicht wurde ihr Temperament in die falsche Richtung gedämpft. Die Schauspieler kämpfen generell gegen eine gläserne Aura verstaubter Historie an, wie sie der echten Commedia dell'Arte heute anhaftet, wenn ihr nicht von einem Genie wie Giorgio Strehler (1921–1997) Leben eingehaucht wird. Dabei ist die Aufführung optisch unglaublich bunt, trotzdem umgibt sie ein Grauschleier.
Xaver Hutter gefällt als Kellner Fabrizio, seine Biografie ist interessanter als sein Spiel. Fritz Muliar (Baron von Ciccio) ist Fritz Muliar. Das ist noch selten schief gegangen. Florian Teichtmeister experimentiert mit hektischen Bewegungen am verarmten Marchese von Albafiorita herum und sollte langsam einen neuen Stil finden. Die zwei Schauspielerinnen Dejanira und Ortensia (Alexandra Krismer, Eva Mayer) machen viel Wind, der ungefähr so mitreißt wie Adria-Sturm im Oktober, den man vom Café-Restaurant verfolgt. Dieses hat Kaspar Zwimpfer (Bühne) gebaut, mit Plastikplanen, die den weiten Blick auf die herbstliche Adria kaum beeinträchtigen, von unten ragt das Cockpit einer Yacht ins Bild. Sehr schön. Man kriegt gleich Heimweh nach Lignano, Bibione, Grado & Co. Das Josefstädter Publikum schien sich über die gezähmte „Wirtin“ zu amüsieren, einige Theaterleute blickten steinern, ahnend: Hier stimmt was nicht.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 31.01.2009)