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Venezuela: Geliebter Führer? Zehn Jahre Chávez

(c) EPA
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Der oberste Revolutionär des Landes hält sich für unersetzlich und will seine Herrschaft in der Verfassung absichern. Der sinkende Ölpreis engt seinen Spielraum ein.

Rio de Janeiro/Caracas. Venezuela ohne Hugo Chávez? Das können sich viele Menschen in Caracas kaum noch vorstellen. Seine sonntägliche Mammut-Suada im TV, die permanenten Kampagnen unter roten Fahnen; die Sozialarbeiter, Lehrer und Barfußärzte, die auf Chávez schwören und helfen, selbst wenn es an Heften oder Medizin fehlt. Aber auch: die permanente Frage, welches Geschäft gerade Fleisch, Eier oder Brot hat; die Stromausfälle und die Angst, nachts auszugehen. Es scheint, als wäre es immer so gewesen.

Und so soll es nach dem Willen des Machthabers auch bleiben. Seit dem 2. Februar 1999, dem Tag, an dem Chávez vor zehn Jahren in den Palácio de Miraflores einzog, herrscht in Venezuela eine neue Zeit – eine Atmosphäre von karnevalesker Euphorie und gleichzeitig deprimierender Lethargie – je nachdem, wie man zum „Sozialismus des 21. Jahrhunderts“ steht, den Chávez ausgerufen hat.

 

Das große Vorbild: Castros Kuba

Dieses Projekt ist noch lange nicht fertig: Er will es zu Ende führen, ein zweites Kuba schaffen. Das Alte soll zerstört werden, das Neue, der Sozialstaat von Gefolgsleuten des allein bestimmenden Führers, wird durch das Erdöl finanziert. Seit aber der Preis für ein Barrel in den Keller gesunken ist, hat es Chávez mit der Revolution besonders eilig. Deshalb soll wieder einmal die Verfassung geändert werden, einzig und allein, damit er oben bleiben kann. Das Volk darf, immerhin, am 15. Februar darüber abstimmen.

Warum sollen die Leute dazu „Sí“ sagen? „Erstens: Weil Chávez uns liebt. Und Liebe wird mit Liebe vergolten. Zweitens: Weil Chávez zu Untaten unfähig ist. Er schlägt die Verfassungsreform vor für das Wohlergehen von uns allen, dem Land und der Revolution! Drittens: Weil wir somit Chávez stärken, und er uns stärkt!“ – so geht es weiter mit den zehn Geboten an alle Genossen der Sozialistischen Partei, Chávez‘ Fußvolk.

 

Zum „Sí“ geprügelt

Am 2. Dezember 2007 hatte der Populist mit dem roten Barett schon einmal versucht, die Untertanen zu überzeugen, er müsse über die von der Verfassung eingeräumte Zeit hinaus regieren. Doch eine knappe Mehrheit der Venezolaner war dagegen. Beim zweiten Versuch haben nun seine Gefolgsleute eine Kampagne losgetreten, der sich keiner in Venezuela entziehen kann. Wer zu deutlich seine abweichende Meinung vorbringt, dem prügeln Schlägertrupps der Chávez-Jugend das „Sí“ mitunter kräftig ein. So brutal wie sein Idol Fidel Castro geht Hugo Chávez indes (noch) nicht gegen Abweichler vor; er versucht es mit Brot und Zirkusspielen, spannt die prominente Fußball-Crack-Ruine Diego Maradona für seine Zwecke ein.

Ob die Volksabstimmung sauber verlaufen wird, kann keiner sagen, und die Opposition ist schwach und zerstreut. Wenn Chávez die Abstimmung gewinnt, kann er ab 2012 nochmal sechs Jahre kandidieren, regieren, befehlen. Und so weiter. Er hält sich für unersetzlich. Und dafür sollen ihn die Venezolaner lieben.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.02.2009)