"Die Glocken von Innsbruck läuten den Sonntag ein", bebildert vom Komponisten Ruedi Häusermann. Eintönig, trotz feiner unheimlicher Texte von Händl Klaus.
„Hauhechel, Hirtentäschel, Hahnenfuß, Ruchgras, Dreizahn, Zittergras...“ Probieren Sie doch einmal selbst einen „experimentellen“ Text zu verfassen. Ist gar nicht so schwer. Das Lexikon hilft. Die Natur ist ein viel geliebter „Held“ der Literatur. Generationen arbeiteten sich ab an den Alpen und dem Menschenschlag, der sie bewohnt. Zum Tiroler Händl Klaus (39) führen zum Beispiel Wege von Adalbert Stifter oder der fast vergessenen Marie von Ebner-Eschenbach. Klaus erlebt einen Hype. Sein stilisierter Heimatfilm „März“, in dem es um rätselhafte Selbstmorde geht, läuft im Stadtkino. Natürlich sind die Verbindungen zwischen den alten und den jüngeren Autoren nicht linear. Es entwickelt sich schon etwas weiter.
In den Geschichten, die Händl Klaus bei der Uraufführung von „Die Glocken von Innsbruck läuten den Sonntag ein“ – seit Freitag im Burg-Kasino – selbst vorliest, kollidiert eine scheinbar idyllische Stimmung mit äußerster Brutalität. Ein Mädchen verliert seine Eltern bei einem Bergunfall: „Die rohe Grit“ kommt in ein Heim. Sie ist immer heiter. Erst denkt die Umgebung an einen Schock, mit der Zeit irritiert ihr Frohsinn. Was stimmt nicht mit diesem Kind? Womöglich sind die Eltern nicht zufällig gestorben, sondern weil sie es nicht ertrugen? Abgesehen von der schönen Sprache, die sich durchaus nicht in der Aufzählung von Pflanzen erschöpft, sind diese auf den ersten Blick schrulligen Texte ziemlich einprägsam. Ist es nicht gerade die Heiterkeit und Lebhaftigkeit von Kindern, die Erwachsene oft nervt? Dann ist da das glückliche Paar, dessen Söhne erwachsen sind, das sich nun wieder einander zuwenden kann – und spazieren geht. Nachher prügelt der Mann die Frau. Warum? Man erfährt es nicht. Die alltägliche Grausamkeit in der Beziehung – und im Leben: Kinder werden aufgeklärt, gleichzeitig erzählt man ihnen von Kinderschändern. „Am letzten Sonntag unseres Lebens“ verbrennt eine Kleinfamilie ihre Katzen... Ein Vater wird beerdigt. In seinem Heimatort lebt kein Mensch mehr.
Warum wird nicht verraten, nur, dass die Söhne ihn nicht retten konnten, obwohl einer von ihnen Arzt ist. „Die Glocken von Innsbruck...“ tragen den Untertitel: „Ein szenisches Konzert“. Ruedi Häusermann hat es komponiert und inszeniert. Der Schweizer hat viel mit Christoph Marthaler gearbeitet, der ebenfalls ursprünglich Musiker war. Häusermann wirkt wie ein Epigone. Die musikalische und szenische Illustration ist einfallslos, besonders, wenn man die vielen Formen bedenkt, in denen das Thema Land & Leute schon auf der Bühne erschienen ist. Anfangs denkt man, man ist zu früh gekommen: Es werden die Requisiten hergeräumt und endlos am Boden Linien gezogen, bis ein Raster entsteht.
Minimal Music und Projektionen
Die Akteure singen, schieben Klaviere herum und klimpern darauf, meist Minimal Music. Einer schreibt auf dem Overheadprojektor die Szenen auf. Ein Scheinwerfer simuliert den Sonnenaufgang in den Bergen. Der Vater mit Lorbeerkranz wird herumgeschoben. Die Bodenplatten werden versetzt. Es wird fotografiert. Die Schauspieler posieren vor projizierten Zeichnungen.
Die Aufführung dauert zwei ermüdende Stunden. Fast alle harrten Freitag aus bei diesem eher misslungenen Versuch, eine Partitur als Theaterstück zu präsentieren: mit wenig Witz, viel Verschrobenheit – und noch mehr Leerlauf. Der Marthaler-Stil ist ja mittlerweile auch schon ein wenig verbraucht. Aber das war wenigstens einmal eine Innovation, was man von dieser Kreation wirklich nicht behaupten kann.
BURGTHEATER DIESE WOCHE
■„Die Glocken von Innsbruck“ sind am 4./5. Februar zu sehen. Viel Kleinkunst diese Woche in der Burg vor der Calderón-Premiere „Das Leben ein Traum“ am So. 8. 2. Neues Soloprogramm von Ignaz Kirchner am Mi. 4. 2. im Vestibül (Kafka). Info. 51444/4140
("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.02.2009)