Geisteswissenschaften: Ein Wesen voll Sorge um die anderen

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Vor hundert Jahren wurde die französische Philosophin Simone Weil geboren.

In ihrem Hochmut liegt zugleich Demut: „Gott ähneln, aber dem gekreuzigten Gott“, schreibt Simone Weil in ihren „Cahiers“ (eine sehr selektive Auswahl ist unter „Schwerkraft und Gnade“ erschienen, dt. 21989). Dieser Satz spiegelt das Schicksal der Philosophin wider, die 1943 im englischen Exil an Herzmuskelschwäche starb – bewusst in den Tod ging. Man kann auch sagen, sie starb am Mitleiden mit den Menschen. Am Ende verweigerte die an Tuberkulose Erkrankte, die ständig Kopfschmerzen hatte, das Essen. „Tod durch Hunger. Das seltsame Opfer einer französischen Lehrerin“, schreibt der „Kent Messenger“.

Die Denkerin aus jüdischem Großbürgertum hatte an der Pariser École Normale Supérieure studiert. Ihr Vater war Arzt, ihr Bruder ein genialer Mathematiker. Simone Weil unterrichtete ab 1931 an einem Gymnasium in Le Puy, arbeitete aber auch in Fabriken, etwa bei Renault, engagierte sich sozial, sie unterrichtete Arbeiter. Macht und Besitz waren ihr suspekt.

Als Anarchistin beteiligte sie sich 1936 am Spanischen Bürgerkrieg. Für kurze Zeit kämpfte sie in der „Kolonne Durruti“. Doch ab dieser Zeit näherte sich die Atheistin auch dem katholischen Glauben. Ob sie sich am Ende von einer Freundin taufen ließ, bleibt spekulativ. Ihr kurzes Leben war voller Spannungen. Als „Philosophin – Gewerkschafterin – Mystikerin“ wird sie im Untertitel einer Biografie von Dorothee Seelhöfer bezeichnet (topos, 2009).

Unmittelbar vor dem Einmarsch der deutschen Truppen im Juni 1940 flüchteten sie und ihre Eltern aus Paris. In Marseille studierte sie asiatische und griechische Philosophen, Häresien, aber auch Naturwissenschaften. Sie kümmerte sich um die vom Hitler-Regime Verfolgten. Dann begleitete Weil die Eltern 1942 ins Exil in die USA, fuhr zurück nach London, arbeitete für die Forces de la France libre.

Dort entstand das Fragment „Die Einwurzelung“ (dt. 1956), über die Ordnung nach dem Krieg. Es ist so wie die politische Schrift „Unterdrückung und Freiheit“ (dt. 1975) vergriffen. In „Cahiers. Aufzeichnungen“ (dt. 1993–98, Hanser) entfaltet sich eine vielschichtige Persönlichkeit, radikal und mit Brillanz die finsteren Zeiten reflektierend. Sie war voll Sorge im besten Sinne: „An die Existenz anderer menschlicher Wesen als solcher zu glauben, ist Liebe.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.02.2009)

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