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Neu im Kino: Nixons zweiter großer Absturz

Frank Langella
(c) Universal
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Theaterdonner in zwiespältigen Verfilmungen von Bühnenerfolgen: "Frost/Nixon" (über eine TV-Konfrontation zwischen Richard Nixon und Talkshow-Moderator David Frost 1977) und "Glaubensfrage".

Zwei der prestigeträchtigsten Filme dieses Winters hieven mit gegensätzlichen Methoden Bühnenstoffe auf die Kinoleinwand: Für Frost/Nixon hat Hollywood-Erfolgshandwerker Ron Howard (The Da Vinci Code) das gleichnamige Theaterstück des Briten Peter Morgan im Wortsinn verfilmt, als großes Historienspektakel über eine TV-Konfrontation zwischen Ex-Präsident Richard Nixon und Talkshow-Moderator David Frost 1977. Dass schon die Vorlage rund um dieses Duell ganz nach den Prinzipien eines Sportfilms gestrickt war, hat wohl nicht geschadet.

Mit Glaubensfrage wiederum hat John Patrick Shanley seinen preisgekrönten Broadway-Renner selbst adaptiert: als recht theatralische Abfolge von Rededuellen, zwischen die er ein paar visuelle Schnörkel streut. So unterschiedlich der stilistische Zugang, so austauschbar das Resultat: Beide Filme werden ihren hochtrabenden Ansprüchen nicht gerecht, amüsieren aber (teilweise) als extravagante Schauspielerübungen.

 

Streep als zischende Nonne

Zwar ist Meryl Streeps zischende Nonne in Glaubensfrage die eindeutig exzentrischere Darbietung, aber Frank Langellas Interpretation von Nixon bleibt im Gedächtnis: Andere haben den US-Präsidenten echter verkörpert (am amüsantesten Beinahe-Doppelgänger Dan Hedaya 1999 in der Komödie Dick), aber Langella stößt zu etwas vor, das vielleicht die nahezu mythische Faszination dieses pathologischen Charakters für eine Kulturindustrie erklärt, die Nixon-Exegesen am laufenden Band betreibt. Langella verzichtet auf einige der einprägsamen Manierismen Nixons, die Karikaturisten so schätzten – die gestreckten Backen, der ungute Lacher – , spielt den Politiker trotz Augenrollen und Watschelgang als kühle, auch körperlich imposante Erscheinung: Ein gefallener Gigant, ein pathetisches (Selbst-)Bild Amerikas nach Vietnam und Watergate.

Howard inszeniert den Ausgang des Interviews mit Frost als Nixons zweiten großen Absturz, genießt das absurd krasse Bild, als der gedemütigte Ex-Präsident auf dem letzten Weg zur Limousine stehen bleibt, um das Hündchen einer Zuseherin zu streicheln. Aber die Anmutung, dass Nixons widerwillige Watergate-Eingeständnisse auch nur annähernd so bedeutsam sind wie Watergate selbst, ist natürlich noch viel absurder. Da zeigt sich das wahre Problem des Films: Schon das zugrunde liegende Ereignis hatte nicht die Bedeutung, die ihm in diesem glatten Unterhaltungsstück angedichtet wird – und Frost/Nixon hat sie schon gar nicht.

Da hilft es wenig, dass sich Regie-Entertainer Howard ins Zeug legt: Viel Zeitkolorit, ein exzellentes Ensemble in Nebenrollen, herausragend Kevin Bacon als entschlossen-dienstfertiger Nixon-Berater und der gewohnt amüsierte Oliver Platt in Frosts Recherche-Team. Aber Handwerksprofi Howard steuert zu Morgans Stück nur Schauwerte bei, keine Substanz. Allzu absehbar verläuft der (von Sportmetaphern begleitete) Schaukampf zwischen dem überlegen an seiner Rehabilitation arbeitenden Nixon und Frost (blass: Michael Sheen). Der TV-Talker, der alles auf den Coup mit dem Nixon-Interview gesetzt hat, scheint in aussichtsloser Lage – bis ein (erfundener) betrunkener Anruf Nixons das Blatt wendet.

Das große Finale wird dann als Anfang vom Ende verkauft, und eine resignierte Großaufnahme des düpierten Nixon – ein Bild sagt mehr als tausend Worte, weh! – als Geburtsstunde des hereinbrechenden Infotainment-Medienzeitalters. Zumal Frost/Nixon selbst eher der damaligen vorauseilenden Event-Berichterstattung (samt Vorab-Interviews mit Interviewer Frost) zum TV-Duell ähnelt, wirkt das doch unredlich.

 

Mit der Rhetorik eines Windbeutels

Irgendwie redlich, aber viel langweiliger ist die Kaskade von Verbalgefechten in Glaubensfrage. Shanleys Stück war eine Allegorie (Originaltitel: „Doubt: A Parable“). Von deren Kern lenken im Film nur ein paar bedeutungsschwangere und hinreißend ungeschickte Ideen ab: schräg gestellte Kamera, metaphorische Wetterumschwünge und Ritualhandlungen. Das Dilemma ist dramatisch: Die strenge Oberschwester (Meryl Streep) einer Schule verdächtigt 1964 einen Priester (Philip Seymour Hoffman), dass er sich einem Schützling – dem einzig farbigen Schüler – sexuell genähert hat. Der Priester setzt sich zur Wehr, dann wird Zweifel gesät, nach Prinzipiellem gefragt, in gedrechselten Wortfolgen, die große Ideen mit der rhetorischen Kraft eines Windbeutels vermitteln.

Etwas belebt wird das in Geltungsdrang erstarrende Drama von schauspielerischen Gegensätzen. Streep spielt die Nonne wie in einer Horrorfarce; vielleicht vernünftig bei einer völlig verhärteten Figur, der es egal ist, welcher Papst auf dem Bild im Klassenzimmer ist, solange da eines hängt – und die den Pfarrer vielleicht nur wegen seiner säkularen Anwandlungen hasst. Die anderen Darsteller spielen hingegen im halb realistischen Register gestelzten Kunstkinos. Das sorgt für Reibung, zumindest bei ersten Konfrontationen von Streeps Schrille mit Hoffmans Eitelkeit und Bedacht. Aber bis zum finalen Paukenschlag kann ein Vollblutschauspieler wie Hoffman die Instinkte nicht unterdrücken. Das Match der Virtuosen überwältigt das Drama. Man denkt weniger an Glaubensfragen als an zwei Jäger, die streiten, wer das größere Hirschgeweih zu Hause hat.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.02.2009)