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„Er wollte sozusagen ein Geweih für die Wand“

Der für den Oscar nominierte Autor Peter Morgan über Medien, Macht, Manipulation und Eitelkeit.

Die Zeitgeschichte lässt Peter Morgan nicht los. Der britische Autor, für den Wien – wegen seiner Frau Lila, einer gebürtigen Schwarzenberg – eine zweite Heimat ist, hat die Drehbücher zu The Queen und The Last King of Scotland (beide 2006) geschrieben – über das britische Königshaus in der Krise (als 1997 Lady Di starb) und über Ugandas Diktator Idi Amin. Jetzt ist Watergate dran: Frost/Nixon heißt das Drama, mit dem Morgan 2006 am Broadway reüssierte und das jetzt in die Kinos kommt. Für Regisseur Ron Howard hat er das Drehbuch zu diesem Stoff geschrieben. Es ist für den Oscar nominiert. „Ich weiß, dass ich keine Chance habe“, sagt der 45-Jährige bescheiden in einem Round-Table-Gespräch.

Was hat ihn auf die Idee zu dem Stück gebracht? „Ich habe 1994 eine Dokumentation über den Talkmaster David Frost gesehen. Er sprach über seine TV-Karriere und kurz auch über seine Interviews mit (dem 1974 seines Amtes enthobenen US-Präsidenten) Richard Nixon. Diese Interviews waren eigentlich verloren.“ Morgan war von der Mediengeschichte fasziniert: „Frosts Verbrechen war so wie das von Nixon. Er war auf die Interviews nicht vorbereitet, wollte das Ganze nur aus Eitelkeit machen. Er wollte ein Bild mit sich und Nixon haben, sozusagen ein Geweih für die Wand.“ Und er habe Nixon bezahlt, was im Journalismus verpönt sein muss. „Nixon wollte 600.000 Dollar plus Gewinnbeteiligung. Er war ein Verbrecher, er brauchte Geld für die Rechtsanwaltskosten nach Watergate.“ Wer das Duell gewonnen habe, Frost oder Nixon, sei Sache der Interpretation. „Frost hat das Interview geschnitten und als Sieg verkauft. Der wichtigste Moment im Film war: Die Sünden wurden im Close-up vergessen.“


Stark an Boshaftigkeit interessiert

Aber hat nicht auch Morgan manipuliert, mit einem sehr persönlichen Telefongespräch, das der betrunkene Nixon angeblich mit Frost tief in der Nacht geführt haben soll? „Minister James Schlesinger hat einmal über Nixons Blackouts gesprochen, die durch Tabletten und Alkohol verursacht wurden. Nixon hat nachts ständig telefoniert, er konnte sich am nächsten Tag nicht daran erinnern, das hat seinen Stab nervös gemacht“, beschreibt Morgan den Präsidenten als Sicherheitsrisiko. „Ich wollte das Katz-und-Maus-Spiel beschreiben, wollte die Ähnlichkeiten der beiden zeigen.“

Wie hat David Frost auf den Film reagiert? Morgan: „Erst hat er ihn gehasst, jetzt liebt er den Erfolg.“ Im Theaterstück wird eine klaustrophobische Situation beschrieben. „Frost hatte drei Talkshows auf drei Kontinenten. Er hat mit der Concorde gelebt, war ein echter Globetrotter. Das Gespräch mit Nixon inszenierte er wie einen Kampf.“ Was ist der Unterschied zwischen dem Stück und dem Film? „Beim Theater gab es hinter den Protagonisten große Bildschirme mit riesigen Nahaufnahmen. Das Drehbuch ist aber in den Dialogen dem Stück ähnlich .“

Bei Morgan kommen in den Drehbüchern so oft gemeine Leute vor, „weil wir vielleicht stärker an gebrochenen Charakteren, an Boshaftigkeit interessiert sind. Nixon wollte gewinnen und auch, dass die Leute ihn gernhaben. Er wollte kein Verbrecher sein. Es war eine Tragödie. Auch Idi Amin, dieses Findelkind, war ein verletzter Mensch. Er entwickelte den Zorn eines Pubertierenden. Die Inder hat er aus Uganda rausgeschmissen, weil er den Engländern, die ihn erzogen hatten, wehtun wollte.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.02.2009)