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Papst: Einsamer Theologe im Sturm

Papst Benedikt XVI
(c) AP (PLINIO LEPRI)
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Benedikt XVI. und das Machtsystem im Vatikan: Ein Filter, um Auftritte zuvor auf politische Folgen zu prüfen, fehlt. Wie konnte ein deutscher Papst einen Holocaust-Leugner rehabilitieren?

Letztlich sind auch Päpste recht einsame Menschen. Bei Benedikt XVI. fiel das nach dem Weihnachtssegen auf: Da gerieten ihm die Blätter seiner vielsprachigen Glückwünsche durcheinander, seine Hände waren in der Kälte des Petersplatzes klamm geworden. Die Würdenträger um ihn schauten mit gefalteten Händen nur fromm drein – bis dem Papst auf Bayrisch der verzweifelte Ruf entfuhr: „Na, wer hilft mir denn?“

Bei Benedikt, sagen Vatikan-Kenner oft, ist die Einsamkeit indes chronisch und selbst gewählt. Dabei machen gerade einsame Beschlüsse wie die allgemeine Wiederzulassung der 400 Jahre alten Tridentinischen Messe, die Regensburger Rede mit dem Mohammed-Zitat, die Rehabilitierung von der Kirche abtrünniger Traditionalisten und die Ernennung von Pfarrer Gerhard Maria Wagner, der „Harry Potter“ für Satans Werk hält, zum Linzer Weihbischof, immer mehr Probleme – und zwar der ganzen katholischen Kirche.

 

Früh schlafen, wenig plaudern

Johannes Paul II. war gern unter Leuten, lud zu Frühmessen in seine Privatkapelle, aß mittags oft in Gemeinschaft – da gab's nicht immer nur fromme Floskeln, sondern es ging auch mal ein freundlich offenes Wort über den Tisch.

Benedikt reduzierte die Zahl der Privataudienzen und isst höchstens mit engsten Mitarbeitern. Im Vatikan hat sich das kleine Kabinett Benedikts und seines Generalsekretärs Georg Gänswein fast abgeschottet, und früh, nach den Abendnachrichten, geht der Papst schlafen. Gut, sagen die Mitarbeiter, Benedikt ist fast 82; wenn er nicht so haushielte mit seinen Kräften, wäre er überfordert.

Das heißt aber auch, dass für Gespräche und Klärung komplexer Sachverhalte kaum Zeit ist. Man müsse ihm nicht viel erklären, sagen seine Leute, er habe immense Intelligenz und einen unbegrenzten geistigen Horizont. Das aber scheint das Problem zu sein: Vor lauter Ehrfurcht vor seiner Größe wagt die Umgebung keine deutlichen Worte. Ein Korrektiv schaltete Benedikt selbst ab: Zu seinem Nachfolger als Chef der Glaubenskongregation wählte er nicht einen starken Theologen, sondern US-Bischof Levada, von dem fast keine theologischen Schriften stammen. Damit ist eben die kritische Instanz, die Ratzinger 23 Jahre lang für Johannes Paul II. war, entfallen.

 

Es fehlt ein politischer Filter

Benedikt schreibt Theologie und Grundsatzreden lieber alleine. Und werkt an Band zwei seines Jesus-Buchs. „Ratzingerisch schnell“ zwar, heißt es, aber dennoch: Auch Studierzimmerarbeit kostet Zeit.

Johannes Paul II. und sein Stab hatten politisches Gespür: Nicht auszudenken, was ohne es in der Umbruchzeit des Ostblocks hätte passieren können. Benedikt will aber Theologe, Kultur-Theologe sein. Politisches trat er ab an Kardinalstaatssekretär Tarcisio Bertone, den Ratzinger in der Glaubenskongregation als „Mann fürs Grobe“ schätzte, der aber auch Theologe ohne Welterfahrung ist, nicht einmal gelernter Diplomat, und ohne (wenigstens beim Amtsantritt 2006) nennenswerte Englischkenntnisse.

Ein Filter, um Benedikts Auftritte zuvor auf politische Folgen zu prüfen, fehlt. Im Vatikan verteidigt man sich, ein Papst dürfe sich nie „politischer Korrektheit“ beugen; aber unnötig Porzellan zu zerschlagen ist auch nicht seine Aufgabe. Andere Fachleute im Vatikan werden umgangen: Als die Glaubenskongregation 2007 ohne Anlass einschärfte, protestantische Kirchen dürften „nicht Kirchen im eigentlichen Sinn genannt werden“, zeigte sich Kardinal Walter Kasper, „Ökumene-Minister“ des Vatikan, verblüfft: Keiner hatte ihm gesagt, dass so etwas kommen werde.

Und hat Benedikt anfangs die Chefs der Kurien-Behörden zu gemeinsamen Beratungen geholt, ist davon nichts mehr zu hören. Nach solchen Debatten aber, heißt's, wäre die Rehabilitation der Traditionalisten anders ausgefallen: vorsichtiger, klüger; dann hätte nicht ein einzelner Kardinal (Dario Castrillón Hoyos) die Sache durchgedrückt.

 

Nicht nur Medien sind schuld

In einem aber geben auch Papstkritiker nicht nach: Benedikts Haltung gegenüber Juden sei ohne Makel. Sie erinnern an den Besuch im KZ Auschwitz vor drei Jahren, an seine Worte in der Generalaudienz vom vorigen Mittwoch, wo er das „abscheuliche Gemetzel an Millionen Juden“ nicht nur auf „blinden rassistischen“, sondern auch „religiösen Hass“ zurückgeführt hat.

Im Vatikan findet man es „lästig“, dass der Papst immer „von außen“ gedrängt werde, Sachen klarzustellen oder Sätze zu wiederholen, die er längst in aller Klarheit gesagt habe. Jetzt aber – und das ist neu – gibt man nicht nur „den Medien“ die Schuld daran.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.02.2009)