Zechner: „Ich bin entsetzt und wende mich mit Grauen!“

Zechner
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Die ehemalige ORF-Programm-Intendantin und nunmehrige Musical-Chefin fürchtet den Zusammenbruch des Staatsfunks. Sie spricht über die Neuproduktion "Rudolf" und die harte Konkurrenz in Wien.

Die Presse: Was sagen Sie zum ORF?

Kathrin Zechner: Ich habe jetzt mit Absicht zehn Jahre keinen Kommentar mehr zum ORF abgegeben, aber jetzt muss ich es endlich einmal sagen: Ich bin entsetzt. Von außen betrachtet scheinen im ORF Leute tätig zu sein – und da nehme ich den Querkopf und Denker Wolfgang Lorenz explizit aus –, die sich zu vielen Herren beugen. Von dem, was da geschieht, wendet sich die ORF-Kennerin und -Liebhaberin Zechner mit Grauen. Dabei ist die jetzige Krise vermeidbar, wenn man Leute ins Management setzt, die fähig sind, einen so großen Medienkonzern zu leiten. Ich spreche jetzt bewusst in der Gegenwart! Und ich meine das ausdrücklich unabhängig von der Farbenlehre, weil es, egal in welcher Farbe, hervorragende Leute gibt, konservative, liberale, sozialdemokratische. Stattdessen scheint man in ein Zeitalter des kleinsten gemeinsamen Nenners einzutreten. Man sucht nicht die besten Köpfe, sondern die willfährigsten. Das ist tödlich und genant!

Könnte es sein, dass wir eine Zeit erleben, in der es den ORF nicht mehr geben wird?

Zechner: Wenn weiterhin derartig das Mittelmaß betrieben wird und man statt Innovation und Qualität zu suchen, tut, was allen im Land vertretenen Parteien passt, ja.

Am 26. Februar hat das neue Musical „Rudolf“ Premiere. Wie sind Sie dieser Geschichte zum ersten Mal begegnet – als Kind?

Zechner: Meine Großmutter mütterlicherseits war historisch sehr belesen und hat mir diese Geschichte ungefähr im Alter zwischen neun und zwölf nahegebracht – auf eine wenig romantisierende Weise. Trotzdem hat mich das sehr gepackt. Der erste Zugang war der Vater-Sohn-Konflikt. Was mir extrem leidgetan hat, war, dass sich ein mutiger, visionärer Prinz nicht gegen einen verbohrten, starrköpfigen, traditionalistischen Vater durchsetzen konnte. Das war für mich als junge Tochter eines starken Vaters sehr gut nachzuvollziehen. Die Dimension, was der Selbstmord des Prinzen für Europa bedeutet hat, die habe ich natürlich erst später verstanden.

Man könnte sagen, die Vereinigten Bühnen Wien machen beim Musical immer dasselbe. „Elisabeth“ ist sehr ähnlich wie „Rudolf“, die gleiche Zeit, das gleiche Thema: Freiheit.

Zechner: Bei „Elisabeth“ war die Rolle der sich emanzipierenden Frau faszinierend. Die Rolle eines Kronprinzen, der politisch gestalten hätte können, das ist ein ganz anderes Thema. Das Publikum interessiert sich nur dafür, ob etwas spannend und gut gemacht ist – und unser Leading Team ist die Crème de la Crème.

Was gefällt Ihnen am besten an dem Musical?

Zechner: Mir gefällt vor allem die Konstellation zwischen dem feinsinnigen, rebellierenden Rudolf, seinem Vater, seiner Frau und Mary Vetsera. Das ist ein spannendes psychologisches Quartett. Da sind einmal die Vorstellungen von Politik, Staat und Familienleben des alternden Franz Joseph, dann ist da Prinzessin Stephanie, die um Status und Ehe kämpft. Von außen kommt dazu die sehr junge und kämpferische Mary, der wir natürlich mehr Gewicht geben, als heute historisch belegbar ist.

„Elisabeth“ war ein großer Hit. Wie lange, glauben Sie, kann „Rudolf“ gespielt werden?

Zechner: Wir haben das ambitionierte Ziel, „Rudolf“ ein bis eineinhalb Jahre topausgelastet zu spielen. „Elisabeth“ ist sehr lange gelaufen, allerdings in einer Zeit, in der nicht rund um uns herum aufgrund der Attraktivität des Musicals alle dieses Genre für sich entdeckt haben. Außerdem war „Elisabeth“ einfach ein Jahrhundertwurf. So ein Dauerbrenner ist viel Anstrengung, Handwerk und Glück. Mit „Rebecca“ ist uns sogar der Sprung an den Broadway gelungen.

In Wien hat es doch immer Musical an mehreren Orten gegeben. Jüngst war zu lesen, die Vereinigten Bühnen rechnen heuer insgesamt nur mit einer Auslastung von siebzig Prozent bei Musicals. Was ist jetzt die Wahrheit?

Zechner: In den letzten zehn, verstärkt in den letzten fünf Jahren hat sich die Konkurrenz bei Musicals in Wien verstärkt. Ich freue mich, dass es uns gelungen ist, das Image des Musicals aufzuwerten und seine Vielseitigkeit zu zeigen. Aber in der Auslastung schlägt sich die erhöhte Konkurrenz natürlich nieder. Angesichts dessen und der wirtschaftlichen Lage sind 70 Prozent hervorragend. Wir streben wie immer mehr an.

Von welcher Konkurrenz genau sprechen Sie?

Zechner: Es gibt Musical im Museumsquartier und in der Stadthalle, in der Halle F, die für kleinere Rock-und Popkonzerte errichtet wurde. In der Volksoper gab es immer die klassische Form des Musicals, da ergänzen wird uns ideal, speziell jetzt, seit Robert Meyer Direktor des Hauses ist. Das Volkstheater spielt „Cabaret“. In den Kammerspielen gibt es ein schon sehr von der Operette entferntes, sehr modernes „Weißes Rössl“. Verstehen Sie mich richtig: Ich finde die Konkurrenz wünschenswert. Ich bin stolz, dass die Kollegen, die noch vor sechs Jahren erklärt haben, Musical sei tot, jetzt selbst Musical und artverwandte Musiktheaterformen spielen. Aber es wirkt sich eben auf unsere Auslastung aus, speziell jetzt in der Krise, in der die Leute bei Kino- oder Musicalkarten sparen, nicht aber bei Urlaub, Nahrungsmittel oder Auto.

Was suchen die jungen Leute, das Publikum von Starmania, Supermodel-Shows und Dancing Stars, beim altmodischen Musical?

Zechner: Das Musical generell ist nicht altmodisch – es gibt traditionelle und moderne Formen. Der Mensch hat ein natürliches Bedürfnis nach guter Unterhaltung. Lachen ist Lebensqualität. Entertainment kann provokant, berührend und humorvoll sein. Qualitätvolle Unterhaltung findet immer ihr Publikum. Beim Musical ist es speziell die Vielfältigkeit und Opulenz, die Mischung von Musik, Schauspiel und Tanz. Das lieben die Leute – und zu Recht.

Wie lange läuft Ihr Vertrag? Werden Sie in zehn Jahren auch noch Musical-Intendantin sein?

Zechner: Mein jetziger Vertrag läuft bis 2010. Ich kann mir vorstellen, ihn zu verlängern. Ob es so sein wird, wird man sehen. Jedenfalls macht mir dieser vielseitige, sich täglich erneuernde Job sehr viel Spaß.