Damoklesschwert über Osteuropas Währungen

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Ob Rubel, Forint oder Zloty - die meisten Währungen Osteuropas verlieren seit Monaten rapide an Wert. Ausländische Investoren suchen das Weite und treiben die Abwärtsspirale damit weiter an.

Wien. Wenn Analysten in diesen Tagen von den Ländern Osteuropas sprechen, klingt das gar nicht gut. Sie überbieten sich in düsteren Prophezeiungen: Es steht uns eine schreckliche Zeit bevor, der schlechteste Fall ist eingetreten, alles wird noch viel schlimmer.

Der aktuelle Grund für die Kassandrarufe: Nach den Wachstumsprognosen sind jetzt auch die Währungen im freien Fall. Noch zu Jahresbeginn hatte niemand geahnt, dass Zloty und Forint in nur einem Monat um 15 Prozent einbrechen würden. Dem Rubel, den die russische Nationalbank seit Herbst in einem kontrollierten Sinkflug hält, droht eine Bruchlandung. Gerät aber die Geldbasis ins Trudeln, geht der Teufelskreis los: Investoren ergreifen die Flucht, Schulden steigen, der Realwirtschaft geht die Luft aus – was die Währungen weiter in die Tiefe reißt.

Westen zieht Kapital ab

Dabei hatte noch vor einem Jahr alles so gut ausgesehen. Ausländisches Kapital floss in Strömen in die Boomländer, angelockt vom ungebremsten Wachstum. Die besonderen Risken, Geld in Schwellenländern zu halten, waren kein Thema: Sie wurden abgegolten durch die Risikoprämie eines hohen Zinssatzes. Inländische Unternehmen und Haushalte wichen auf Fremdwährungskredite aus. So verschuldeten sich Privat und Staat immer stärker im Ausland.

Dann kam die globale Krise, und die Investoren zogen ihre Geldbestände aus den riskanten Märkten ab. Rubel, Zloty und Forint begannen zu fallen. Damit erhöhte sich die fremde Schuldenlast in Euro und Dollar. Der Ruf nach erschwinglichen Krediten in heimischer Währung wurde laut. Zugleich stockte die Konjunktur, weil die Rezession in Westeuropa die Exporte einbrechen ließ. Unter diesem doppelten Druck senken die Zentralbanken nun ihre Zinsen. Das aber führt erst recht dazu, ausländische Kapitalgeber zu vertreiben.

Wie gebannt starren Analysten und Spekulanten auf den Zloty. Polen ist in der Region der größte Markt mit freien Wechselkursen – und damit ein Indikator dafür, wie es um bald weniger liquide Währungen mit kontrollierten Kursen stehen wird. Die Kurve des Zloty verheißt nichts Gutes: Seit dem Höchststand im August ist er um 29,6 Prozent eingebrochen. Heute müssen die Polen 4,60 Zloty für einen Euro zahlen – so viel wie seit fünf Jahren nicht mehr.

Polen spart für den Euro

Dennoch will die Zentralbank nicht intervenieren. Denn sie braucht Reserven für die Euro-Einführung. Aus dem gleichen Grund setzt Polens Regierung alles daran, die Maastricht-Kriterien einzuhalten. Während sich die Länder Westeuropas mit teuren Konjunkturpaketen überbieten, verkündete der polnische Premier Donald Tusk diese Woche ein rigoroses Sparprogramm über 4,3 Mrd. Euro.

Doch die Chancen für den Euro-Termin 2012 schwinden. Denn zuvor müsste Polen den Zloty zwei Jahre lang in einem engen Korridor zum Euro halten – und bei einer Achterbahnfahrt wie im letzten Jahr würde das mehr kosten, als das Land an Devisenreserven einsetzen kann.

Weit weniger diszipliniert zeigt sich das hoch verschuldete Ungarn. Auch der Internationale Währungsfonds, der mit einem Notkredit für eine kurze Stabilisierung des Staates sorgte, konnte die ungarische Regierung nicht von überstürzten Zinssenkungen abhalten. Die Rechnung wurde ihr rasch präsentiert: Der Forint fiel auf den tiefsten Stand, den er je zum Euro hatte.

Kontrollierter Rubel-Sinkflug

Die Russen hingegen halten ihren Rubel – mit einer Kriegskassa voller Petrodollars – vorläufig unter Kontrolle. Doch auch mit einem Drittel dieser Reserven konnten sie nur einen ungebremsten Sturzflug wie bei der Krise von 1997 vermeiden. Wiederholt ließen sie die Luft aus dem Rubel raus, nun halten sie ihn in einem breiteren Band zu einem Währungskorb aus Euro und Dollar. Doch dessen obere Grenze von 41 Rubel wurde in dieser Woche gefährlich nahe gestreift – und vermutlich nur durch größere Interventionen der russischen Zentralbank nicht überschritten.

(c) Die Presse / HR

Aber das düstere Bild hat auch hellere Facetten. Der Währungsverfall hilft den osteuropäischen Exporteuren. Ihre Waren sind nun in der Eurozone preislich schwer zu schlagen. Doch damit der Effekt richtig wirken kann, muss erst die Konjunktur im Westen anspringen. Das kann dauern, und bis dahin bleibt eine Nachfragelücke, die Investoren nicht füllen wollen und der Staat nicht füllen kann. Und je heftiger Osteuropa nun stürzt, desto länger wird es brauchen, um wieder auf die Beine zu kommen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.02.2009)

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