Freeriden und Schnee beobachten auf der ruhigen Seite vom Arlberg.
Der Schnee auf den Skiern wiegt eine gefühlte Tonne. Die Knie stecken in einer amorphen Masse fest, irgendwo zwischen frischem Zement und angesoffenen Hydrokulturkugeln. „Grieß“ befindet der Warther Freeski-Profi und Student Alois Bickl dazu lapidar und kracht den tief verschneiten Hang hinunter. Ein Baum und ein Fels sind für ihn kein Hindernis, da springt er locker drüber. Bickls kurzer Stunt gibt uns eine Ahnung von dem Thrill in all den Extremskivideos, in denen sich Profis wie Bickl fast die Senkrechte hinunterstürzen.
Dem blutigen Freeride-Einsteiger hingegen erscheint „Grieß“ als reinste Untertreibung für bockigen Tiefschnee in 40 Grad steilem Gefälle. Muskeln und Konzentration sind in diesem extraschweren Schnee maximal angespannt. Man funktioniert nur in Zeitlupe. Schwung in Super-Slowmotion ansetzen, laaangsam drehen, fluchen, ins Gleichgewicht zurücktaumeln. In solchen Momenten ist es einem egal, völlig unbeholfen vor den anderen aus der Gruppe dazustehen. Sofern man denn steht und nicht zwischen Latschenwipfeln herumkugelt.
Wir befinden uns auf einem Nordwesthang, einem typischen, erklärt der Schröckener Berg- und Skiführer Josef Staggl. Mit ein bisschen Nachdenken hätten wir selber draufkommen können; wenn wir den Schnee genauer betrachtet hätten, weil Schnee- und Lawinenkunde eigentlich dazugehört, bevor man ins Gelände fährt. Wir hören: Dort, wo ein steiler Hang im Hochwinter keinen Sonnenstrahl sieht, weil die Strahlen noch zu kurz und zu flach daherkommen, kann auch Schnee erfrieren. Erfrieren, ja richtig. Dann werden die Schneekristalle grob, grießig, gewichtig. Wie in einem unabgetauten Tiefkühlfach. Manchmal gibt's als Erschwerniszulage noch Regen.
Schichtenaufbau
Ein Hang mit etwas Harsch liegt unserer konditionell gemischten Truppe schon besser. Bis auf die Stellen, in die der Wind hineingefahren ist, kleine Mulden gebildet, mit Schnee gefüllt und dazwischen Rippen festgepresst hat. Auch so eine Schneeoberfläche ist (ungleichmäßig) kompakt, aber potenziell gefährlich, denn die Frage ist immer: Welche Schneeschichten liegen darunter und wie gut sind die miteinander verbunden? Wie tief sinke ich ein und was trete ich unter mir los? Wie hoch ist die Spannung der Schneedecke und wer hat sie schon gestört?
Wenn man das Glück hat, Tage voller Pulverschnee auf dieser ruhigeren Seite des Arlbergs zu erwischen, fährt es sich wie in Watte. Aber auch da ist höchste Vorsicht geboten. „Lawinengefahrstufe null“, sagt Staggl, „die gibt's nicht“. Risiko der Stufe eins existiert im Gelände immer.
Für den Anfang sind die unterschiedlichen Qualitäten von Bruchharsch, Powder, Sulzschnee oder Firn nur reine Theorie. Um in der Praxis damit richtig – und das heißt: sicher – umzugehen, muss man immer wieder hinaus. In geführter Gruppe, nie im Alleingang. Dazu ist ein Gebiet wie Warth-Schröcken geradezu prädestiniert, erstens gibt es hier seit Langem geprüfte Berg- und Skiführer und seit Kurzem ein „saac“-Camp (snow & avalache awareneness camp), in dem man alles lernt, was beim Freeriden und Tourengehen (über)lebenswichtig ist. Andererseits hat das Gelände große topografische Vorteile: Viele kleinen Kuppen und Senken, verschiedenste Hangneigungen und Steilstufen, Almböden unten, felsigeres Gelände mit Rinnen und Graten weiter oben machen das Vorarlberger Skigebiet so abwechslungsreich wie interessant für Pistenumgeher. Solange die Verbindung nach Lech nicht gebaut ist – es handelt sich um nur einen einzigen Lift –, muss der Freerider dieses schöne Revier und das beschauliche Warth nicht mit vielen teilen.
Rucksackpflicht
Ohne Rucksack mit Lawinenverschüttetensuchgerät, -schaufel und -sonde lassen weder Ski- und Bergführer wie Josef Staggl noch Experten wie Klaus Kranebitter vom saac keinen Skifahrer losfahren. Dass in Warth die größten Verlockungen gleich direkt neben den Pisten liegen, wirkt trügerisch. Auch hier können jederzeit Gefahren lauern. Kranebitter ortet gerade in Sachen Geländekunde noch immer ein Defizit bei der Freeride-Szene. Bei den Seminaren im saac-Camp geht es darum zu lernen, „wie man einen Notfall verhindern und Spaß haben kann. Nicht, wie man Tote birgt“.
Jeder Hang ab einer bestimmten Neigung – über 30 Grad – kann sich unter bestimmten Bedingungen – Regen, Wind, Neuschnee – in eine Falle verwandeln. Im Windschatten hinter einem Grat, in Mulden und in Rinnen, und seien sie noch so klein, kann sich gefährlicher Treibschnee ansammeln. Oberflächenreif kann unter einer Neuschneedecke zum Kugellager mutieren. Starke Temperatursprünge können Schwimmschnee erzeugen. Und selbst wenn man einen Hang nach der modernsten Methode auf seine Lawinengefahr hin gecheckt hat, heißt das noch nichts: Im steilen Gelände im glitzernd weißen Backcountry liegen verschiedenste Gefahrenpunkte oft nah beieinander, an vielen kann ein Schneebrett oder eine Lockerschneelawine losgetreten werden.
Sicher: Je verspurter ein Gelände ist, desto verfestigter ist meist auch sein Untergrund. Insofern schaffen viele Freerider eine gute Basis für weitere – in Warth-Schröcken ist das speziell der Fall. Doch wenn Regen, massive Windverfrachtungen, Neuschneemengen und Temperaturschwankungen dazukommen, sind die Karten auf unpräparierten Hängen wieder neu gemischt.
Schneerekordmenge
Das kleine idyllische Warth im Bregenzerwald ist eine extreme Schneeschüssel. Dass hier Fritz Schlierenzauer im Schnitt elf Meter Schnee pro Winter misst, war der „Daily Mail“ bereits eine Rekordschlagzeile wert. Dabei sind elf Meter noch gar nichts. 1967 lagen in Österreichs schneereichstem Skigebiet sage und schreibe 24 Meter in Summe. 2007 war mit fünfeinhalb Metern ein Ausreißer nach unten. Noch sind heuer die elf Meter nicht erreicht, der richtig große Schnee käme erst im Februar und März, erklärt Schlierenzauer. Seit über 30 Jahren betreibt er beim Körbersee eine Messstation, die die Lawinenwarnzentrale in Bregenz mit lebenswichtigen Daten über den Arlberg versorgt.
Im Morgengrauen stampft der Hotelier und Schnee-Experte hinaus, um die (Neu-)Schneehöhe zu messen, wichtig auch, weil sich daraus die Einsinktiefe eines Skifahrers ermessen und damit das Verhalten der Unterlage ermitteln lässt. Zweimal im Monat macht Schlierenzauer ein Schneeprofil, er sticht eine Grube aus und überprüft im Querschnitt, wie sich die einzelnen Schneeschichten entwickeln. „Schnee ist immer in Bewegung“, erklärt er, und beschreibt, wie die sechseckigen Kristalle bald ihre Zacken verlieren, immer runder werden, sich mit den anderen verbinden. Ist die Umwandlung zu dichtem Altschnee vollzogen, wäre das ein guter Zeitpunkt für eine Skitour. Doch das bleibt nicht so. Denn Schnee wandelt sich weiter um, er verdampft am Boden, steigt auf und friert an kalten Schneeschichten wieder an. Aus Schneekörnern werden Becherkristalle, die untereinander kaum mehr zusammenhalten. Schwimmschnee und Hohlräume am Boden werden gefährlich, weil instabil.
Das viel zitierte „Gespür für Schnee“ mag eine Platitüde sein. Die Leute hier heroben am Arlberg reden gerne über den Schnee. Weil sie sich damit sehr gut auskennen, die Natur beobachten und gerne von den präparierten Pisten weggehen. Schon damals, als Skitourengehen lange noch nicht „Hike and Ride“ hieß. Es wundert, dass die Warther nicht viel mehr Vokabular für Schnee haben, wo sie doch so viel davon abbekommen.
Bis die letzte Flocke in Warth-Schröcken geschmolzen ist, kann es bis schon Mitte Juni dauern. „Wir haben ein halbes Jahr Winter“, sagt Fritz Schlierenzauer, der in seinen Beobachtungen klimatische Verschiebungen bemerkt: „Ein neues Phänomen: Das Mittelmeertief gewinnt Einfluss.“ Bei all der schneereichen Nordweststaulage, es ist ihm schließlich nicht egal, wo der Schnee herkommt.
UNVERSPURTES ODER PRÄPARIERTES
■Info Warth-Schröcken: www.warth-schroecken.com
TB Warth: T 05583/35150
TB Schröcken: T 05519/2670
■Anreise: Mit dem Auto ab Wien über Salzburg oder Innsbruck via Reutte und das Lechtal (Achtung: Die Verbindung zwischen Lech und Warth ist im Winter wegen Lawinengefahr gesperrt).
Oder: Flug Wien-Friedrichshafen mit Intersky. weiter mit Auto oder Shuttle durch den Bregenzerwald
■Übernachten: Sporthotel Steffisalp, cooles Viersternehaus,
T 05583/3699, www.steffisalp.at
Hotel Adler, gemütlich auf 1675 m, T 05583/4264, www.hoteladler.at
■Im Tiefschnee:
SAAC Lawinen- und Sicherheitscamps: kostenlose Lawinen-Safety-Camps als Basis. Weiterführend:
3 1/2-tägiges SAACnd Step Camp; 13. bis 16.3., www.saac.at
Hike-&-Ride-Touren und Kurse mit Skischulen Warth und Schröcken. Info: www.warth-schroecken.com
■Auf der Piste: Die Freeride-Kompetenz von Warth-Schröcken soll das präparierte Skigebiet nicht in den Schatten stellen, die Pisten sind ebenfalls sehr variantenreich. 14 Lifte/66 Pistenkilometer; Tageskarte: 36,50 (Ew.), 18,50 (Kind)
("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.02.2009)