Ich sehe Thomas Bernhard nie mit erhobenem Zeigefinger vor uns treten, sondern stets als einen Abgewandten. Er steht an der Küste eines Meeres, auf das er unbeirrbar hinausblickt, und wir stehen bestenfalls dahinter. Inventar einer Leser-Autor-Beziehung.
Liebe wie Ablehnung sollten besser schweigen. Was Thomas Bernhard angeht, so ist er außerdem tot; und ziemt sich vor solcher Abwesenheit nicht Stille? Wenn ich dennoch einige Gedanken über Thomas Bernhard aufschreibe, so nur deshalb, weil ich mit meinem Autor ins Klare kommen möchte, weil sein Werk mich nicht entlässt. Gewiss gibt es andere, die mit ihrem Thomas Bernhard auch noch nicht fertig geworden sind. Die, wie ich, von Thomas Bernhard durch 20 oder mehr Leserjahre erhellt und verwirrt wurden. Wenn ich aber nun, wie es angebracht wäre, meinen Aufsatz ehrlich benennen würde: „Thomas Bernhard und ich“, so würde schon gar keiner ihn lesen wollen. Dennoch bedeutet alles Welterfahren nichts anderes, als das eigene „Ich“ vor die äußeren Bilder zu setzen. Der Leser erkennt sich im Ich des Schreibenden, deshalb greift er zum Buch, und nur über diesen Umstand darf ein Schreibender hoffen, mit seiner Arbeit nicht ganz ins Falsche zu zielen.
Wie erklärt sich also mein und so vieler Leser nahezu bedingungsloses Verfallensein an Thomas Bernhard? Kaum ein literarisches Opus ist geschlossener, unangreifbarer und leuchtend-kälter als das seine. Ich hatte mich, als ich die Umstände seines Begräbnisses erfuhr, das jede Öffentlichkeit ausschloss, zuerst einmal gefreut, als hätte der Schriftsteller mit seinem Tod ein Versprechen eingelöst. Ich hatte mich gefreut, dass mein mir wichtigster Autor die Gedanken seiner Bücher in die Klauseln seines Testaments übertragen hatte. Das ist selten: Ein konsequentes Leben, ein konsequenter Tod. Die Verfügungen, die sein Werk vor Österreich schützen sollten, klangen hart und unversöhnlich, wie sehr sie auch von den Verlegern, Theaterleuten und Germanisten inzwischen missbraucht und übergangen worden sind. Wer länger lebt, der siegt immer. So spielen österreichische Bühnen natürlich Bernhards Stücke, so wird sein Werk, in sinnlose Exzerpte zerrissen, natürlich an Schulen gelesen und in Seminaren diskutiert. Immerhin, sein Tod (am 12. Februar 1989 in Gmunden in Oberösterreich) wurde der Öffentlichkeit wenigstens erst bekanntgegeben, als Thomas Bernhard auf dem Friedhof von Grinzing bei Wien in aller Stille schon beerdigt war. Mit aufrichtiger und schöner Betroffenheit – einer tieferen als in seiner Heimat – haben vor allem Spanien und Frankreich seinen Tod als immensen Verlust betrauert. Da ich mich selber dem mediterranen Kulturkreis inniger verbunden fühle als dem Land meiner Herkunft, habe ich es immer als besondere Auszeichnung angesehen, wenn ein deutscher Text ins Spanische, Französische, Italienische usw. übersetzt und dort auch wirklich gelesen wird. Ich empfand es immer als Bestätigung meiner eigenen Liebe zu den Tochterkulturen Roms, dass ein Schwieriger wie Thomas Bernhard kaum anderswo verständiger aufgenommen wurde als in Spanien, Frankreich und Italien. Den anspruchsvollen Lesern dieser Länder galt er nicht als Fremder, er genoss bei ihnen poetisches Heimatrecht, und er wusste es dankbar.
Thomas Bernhard hatte Bewunderung für Sprache und Land gerade gegenüber Spanien im höchsten Maße erwidert. Wichtiger noch, er fühlte sich dort wohl. Wer einmal in den Cafes der Altstadt von Madrid ausruht oder im Umkreis der Plaza Mayor auf der Schattenseite der Straßen wandert, der wird Thomas Bernhards Verwandtschaft zu dieser Stadt und dem umliegenden Hochplateau Kastiliens schlagartig begreifen. Auch Lissabon entspricht, anders und doch im gleichen Sinne, dem geistigen Klima und Tonfall seiner Werke. Österreich und der in allen seinen Schriften gegenwärtige – nur scheinbare – Österreichhass, das waren keine handfesten Realitäten für Thomas Bernhard, wir lesen da eine Chiffre, ein öffentliches geheimes Codezeichen für metaphysisches Unbehagen an der Welt. Wenn Thomas Bernhard dagegen mit Vorliebe nach Spanien fuhr, durch Madrid schlenderte und sich dort seine Lieblingsplätze suchte, dann setzte er damit keine Symbole, sondern suchte und fand das Leben. Er hatte in Spanien stets (auf)gelebt; dass die Luft Kastiliens seinen kranken Lungen wohltat, kam als guter medizinischer Umstand hinzu, doch ist alles Vordergründige nur von geringer Bedeutung. Wien, das Wien der Habsburger – nicht das unerhebliche gegenwärtige –, und Madrid, die spät gegründete Hauptstadt des Auch-Habsburgers Felipe II, waren zwei Pole einer Achse, um die sich einst Europa drehte. Thomas Bernhard Weltschau huldigte diesem vergangenen Zauber. Er war freilich nicht nur ein Österreichhasser und auch nicht nur ein Liebhaber Spaniens, seine Position war weder engstirnig noch romantisch.
Ein Österreicher, der aus seinem verwässerten, verzuckerten, Norden, Osten und Süden vermischenden Land kommt, sieht Spanien als blendenden Riese der grellsten Kontraste. Sinnlichkeit ist in Spanien sinnlich, die Keuschheit ist keusch, Licht und Reichtum kennen weder Schatten noch Armut – und umgekehrt. Es ist diese überdeutliche Scharfschrift, das nie ermattende Entweder-Oder, die überwältigende Schwarz-Weißmalerei, womit wir in Thomas Bernhards literarischen Werk ebenso wie in Spanien rechnen müssen, ja oft damit erschlagen werden. Österreich ist dehnbar wie Gummi, Spanien dagegen besteht aus Granit. Ich stelle mir vor, dass Thomas Bernhard in Spanien eben das gefunden hatte, was wir in seinen Werken finden: Statik und Würde. Und wie wir, seine Leser, zu ihm halten, so hielt er zu dem Land, aus dem er die Grundmuster seines Lebens ablas. Natürlich berührte oder veränderte Spanien sein Schreiben nicht. Nichts beeinflusste sein Künstlertum nach außen hin, aber es mag sein, dass er sich in Spanien weniger einsam fühlte. Für mich selber gilt, dass ich Spanien deutlicher und inniger erlebe, seit mir die Parallelen zwischen diesem Land und Thomas Bernhard bewusst geworden ist.
Er, der Erzfeind des Provinziellen, war Europäer, so wenig er diesen Begriff, der zur Zeit ja nur billig oder größenwahnsinnig – ohne Vision – gehandelt wird, zum Aushängeschild brauchte. Thomas Bernhard benutzte keine Slogans. Er war Europäer, ohne dass er sich dazu bekennen musste, weil sein absolutes, unausweichliches Werk die Klarheit und das Todesbewusstheit unseres Erdteils präzise und ins Geistige überhöht spiegelt. Es gibt neben Europa keinen anderen Kontinent, der den Tod so sehr zu seinem vertrautesten Anliegen erhoben hat. In Asien, Afrika, Südamerika sterben zwar in manchen unglückseligen Gegenden die Menschen elend und vor der Zeit dahin, als hätte wirklich nur der Tod die Macht über sie. Sie mögen dem Sterben und ihrem Elend vor dem Sterben mit Grauen oder stumpfer Gleichgültigkeit begegnen, aber nur die Alte Welt begreift den Tod als einen Verführer, lebt mit ihm auf Du und Du. Dieser irrsinnige Einfall, den Tod als Freund zu begrüßen und sein „Es ist genug“ als Auszeichnung zu erfahren, ist das Markenzeichen Europas. Thomas Bernhards Werk ist ein einziger Totentanz – anders und überzeugend-grandioser, als dies etwa, falls überhaupt, für Thomas Mann zutrifft, dessen Lebenswerk eher schmeichelnd als zutreffend so bezeichnet wurde. Thomas Mann flirtet allenfalls mit dem Tod, wohingegen Thomas Bernhard ihn ruft, beordert, ihm in die Fratze starrt, ihn dingfest macht.
So wie die Menschen des Mittelalters ihren Totentanz auf die Glasfenster der Kathedralen und auf hölzerne Tafeln malten, so wie sie ihr Leben in allen seinen Äußerungen als einen Totentanz erfahren und ergeben-sanft, orgiastisch-schrill getanzt haben, so hat Thomas Bernhard Sterbensanruf und Todestaumel noch einmal ausgelotet. In seinem Medium, der Sprache, für unser Jahrhundert und, wenn es Leser dann noch geben sollte, für kommende. Ich halte Thomas Bernhard für einen Autor der Zukunft. Kalt, präzise, ohne Weinerlichkeit und Schicksalszappelei muss ein zeitgemäßer Totentanz daherkommen. Thomas Bernhard hat die deutsche Literatur um eine Dimension erweitert, die vorher nicht selbstverständlich war: Er spricht vom Tod ohne Besserwissen, Furcht, Ungeduld, Sehnsucht, Raunen, Grausamkeit, kurz: ohne Menschliches damit zu vermengen. Als habe der Tod auch ohne unsereinen seinen Sinn.Er spricht vom Tod, wenn er vom Leben spricht, und das ist keine banale Kunst. Wer mathematische oder auch nur lateinische Klarheit liebt, der steht innerhalb unserer deutschen, österreichischen, nördlichen Kulturen ewig als ein Getäuschter da. Auskunft ist nicht zu haben: Es wird alles auf der Stelle ungenau, trotz der angeblich herrschenden Ordnung, auf die sich der Norden etwas zugute hält. Auch das ursprünglich streng Gedachte verfließt zu rasch im Nebel einer Gefühlsgeschwätzigkeit, die in der Musik – bei Schubert, Schumann, Brahms, Wolf, Mahler – alle Antworten erteilt, in der Literatur jedoch Verbindlichkeit schuldig bleibt. Wer Klarheit sucht und deutsch spricht, der muss Thomas Bernhard für einen Erlöser halten.
Nirgendwo in seinem umfangreichen und somit rasch geschriebenen Werk wird er ungenau, er rast dahin und rutscht nicht aus. Seine Meisterschaft verstört manche Leser; sie wollen sich ihr nicht aussetzen oder sind ihr nicht gewachsen. Solche Überforderte bezichtigen Thomas Bernhard gern des Manierismus. Der Autor, sagen sie, habe sich eine Mode geschaffen, die als Erfindung ursprünglich Bewunderung verdiente, aber in der er es sich dann breit und bequem gemacht hätte. Er hätte mit seiner „Masche“ ewig und risikolos weiterschreiben können, lautet die Kritik, und der Autor hätte schon nach den ersten Büchern nichts Neues mehr zu sagen gewusst. Wo ein Werk sich nicht ständig erneuere, da höre die Kunst auf, wird zuletzt gern feierlich verkündet. Thomas Bernhards Gegner urteilen nach einem ungeschaffenen Gesetz, demzufolge Schriftsteller auch Jongleure und Akrobaten sein müssen. Thomas Bernhard war nicht vom Zirkus. Kann jemand sich denn modisch „erneuern“, ohne seinen Rang und seine Auftrag aufs Spiel zu setzen? Beim Lesen seiner Bücher – und bei keinem anderen Schriftsteller habe ich mit solcher Ungeduld auf den jeweils neuesten Titel gewartet – begeisterte mich gerade die verlässliche Stetigkeit von Stimmung und Aussage. Sie war die Droge, die einen Thomas Bernhard auslieferte. Ich bin als Student und angehender Autor gar nicht selten von Salzburg aus mit der Bahn die 130 Kilometer nach München und wieder zurück gefahren, weil ein neues Werk Thomas Bernhards in Münchner Buchhandlungen schon vorhanden war, wohingegen ich im österreichischen „Ausland“ eine weitere Woche auf das Buch hätte warten müssen; so viel zur Droge Thomas Bernhard.
Warum Thomas Bernhard mir zum wichtigsten Autor meiner Lebenszeit zwischen 18 und 40 wurde, vor dieser Frage stehe ich oft. Es wäre jedoch sinnlos, mit dem unzulänglichen Werkzeug der Text- oder Werkanalyse nach einer Antwort zu suchen. Ich kann mich der vielen Bücher des Autors, deren jedes ich allerdings gelesen und zumeist wiederholt gelesen habe, nicht im Einzelnen entsinnen. Inhalt und Handlung, wovon es in diesem litaneiähnlichen Werk zum Glück wenig gibt, sind mir im Titelzusammenhang keineswegs geläufig, die Namen der handelnden Personen habe ich zwar nicht vergessen, aber auf mein Gedächtnis schwören möchte ich nicht. Sie vermengen sich in meinem Kopf zu einer lebendigen Bevölkerung, vielleicht so, wie im 14. Jahrhundert die Menschen von Reims oder Chartres die Steinskulpturen von Heiligen und Königen, die ihre Kathedrale füllten, als Mitbewohner ihrer Stadt empfunden haben. So bleibt von Thomas Bernhards Lebenswerk vor allem ein Rauschen mehr der Empfindungen als der Gedanken in mir zurück, und der Glaube an die tiefe Richtigkeit seiner Weltschau. Sie als pessimistisch, negativ, übertrieben zu bezeichnen, das wäre lächerlich und dumm wie jeder Versuch des Moralisierens überhaupt. Thomas Bernhard überredet uns zu keiner Ethik und keiner Moral, aber er setzt diese beiden sehr wohl voraus. Auch bietet er eines der tiefgreifendsten Beispiele für Konsequenz und Treue zu uns selber und damit zur Welt, das in der Literatur zu finden ist.
Manche Kritiker haben Bernhards Werk als reaktionär bezeichnet, sie begreifen nicht, dass die Kunst unter Umständen politische Kategorien hinter sich lässt. Jeder sieht und urteilt nach den eigenen Möglichkeiten, aber wo Thomas Bernhards Rede einsetzt, da haben die Maßstäbe der meisten längst aufgehört. Da herrscht Dünnluft, fast schon Weltraumkälte, dort ist gut sein, wenn man erst an der verbrauchten Luft unseres gängigen Lebensalltags zu ersticken droht.
So rechnet es dieser Leser zum Beispiel Thomas Bernhard hoch an, dass er uns mit sozialen Belangen und Gerechtigkeitsjammern im herkömmlichen Sinne verschont. Ja, die Welt ist ungerecht, reden wir von anderem, sagt, widerstrebend, Thomas Bernhards Werk. Er lässt uns in Ruhe mit allem, was recht und billig ist. Dieses im Deutschen geläufige Idiom zeigt nur zu gut – Weisheit der Sprachen! – die Bezüge hinter unseren Wertungen. Das Billige gilt demzufolge für richtig, aber nicht für unseren Autor.
Er stellt dagegen die Grundverfassung seines Werkes, derzufolge Prosa und Bühnenwerk mit nur ganz wenigen Ausnahmen im luftleeren Raum der Milliardäre, der unendlich Reichen oder unendlich Kranken oder der Fürsten von Saurau spielen, damit ein Selbstvergleich des Lesers mit den literarischen Figuren erst gar nicht aufkommen kann. Denn Bernhard führt uns weder eine tragedie humaine noch eine comedie humaine vor – beiderlei würde im ausgehenden 20. Jahrhundert der allgemeinen Taubheit und Blindheit ohnedies nichts bewirken. Sein unausweichliches, modernes und doch stets auf das Mittelalter zurückverweisende Werk ist Gleichnis einer Ewigkeit, die freilich weder die unbegreifliche Gottes noch die imaginäre des Menschen darstellt. Sartres, Becketts, Ionescos Weltvermessen wäre da schon näher, aber es taugt nicht zum Vergleich.
Dieses unaufhörliche Auflösen großer Erbschaften, dieses Leben im ungeheuren Reichtum, das Flüchten in den Ruhm der Wissenschaften, während der Bruder an einer gefundenen Mütze zugrunde geht, das Bauen von Kegeln im Wald und die Kette unheilbarer Leiden, an denen seine Gestalten aussichtslos laborieren, dieser Maßstab Thomas Bernhards könnte unsereinen gar nicht auf den Gedanken bringen, uns im Guten wie im Schrecklichen auch nur mit einer einzigen Seite seiner Prosa messen oder vergleichen zu wollen.
Sein Bühnenwerk habe ich immer als Lustspiel genossen, wie ernst die Themen auch sein mögen. Hier ist Thomas Bernhard vor allem ein Spieler; er hat ja die Stücke gewiss auch um des Geldes willen geschrieben, die Prosa dagegen um der Prosa willen.
Er war ein Prosagenie, das genialische Ausflüge in die Lyrik und auf die Bühne unternahm. Ein Moralist war dieser Autor nicht, und damit auch kein Anklagender. Ich sehe Bernhard nie mit erhobenem Zeigefinger vor uns treten, sondern stets als einen Abgewandten. Er steht an der Küste eines Meeres, auf das er unbeirrbar hinausblickt, und wir stehen bestenfalls dahinter und sehen den auf das Meer Blickenden. Für uns hat er keine Augen, und wir, auf den Einsamen starrend, haben kaum Augen für das Meer. Das ist nicht schlimm, denn er beschreibt uns ja seine Aussicht. Wir müssen sie nicht selber sehen, wir hören die Erzählung: Worte sind mehr als Bilder.
Ich erinnere mich genau an jenen Tag in meinem ersten Semester an der Universität, als ein Studienfreund mir „Frost“ zum Geschenk machte. Der Roman war schon drei Jahre zuvor erschienen, aber ich hatte noch nie davon reden gehört, der Name seines Autors war mir unbekannt. Ich ging damit ins Studentenheim, in dem ich wohnte, und las das Buch in einem Zug durch. Als ich damit zu Ende war – ich weiß nicht wie viel Zeit ich damit verbrachte –, verschlang ich den Roman ohne einen Moment der Besinnung und nicht weniger fieberhaft zum zweiten Mal.
Das war nun eine Welt, die ich zwar niemals erträumt oder herbeigesehnt hatte, derlei wäre wohl auch nicht vorstellbar, aber in der ich mich seltsam heimisch fühlte. Ich fühlte mich keineswegs angewidert als Zeuge dieser Famulatur und dieses Famulanten, ungemütlich erschien mir vielmehr mein Alltag. Ich besorgte mir dann die schon vorhandenen und in den 23 folgenden Jahren die erscheinenden Werke Thomas Bernhards, bis zu seinem Tod. Ich unterstrich in diesen Büchern jeden mir wichtig erscheinenden Satz, es gibt kaum noch Stellen darin, die nicht unterstrichen wären, womit ich meinen Zweck der Hervorhebung durch Inflation zunichte machte. Ich habe aus jedem einzelnen Buch gewaltigen Mut und Hochmut bezogen, die Befähigung zum frechen Missachten meiner sogenannten Nächsten und meiner Heimatstadt, ein Talent, das ich nötiger brauchte als irgendein anderes, um mich zu retten. Erst als Thomas-Bernhard-Leser erkannte ich, wie eingeengt ich in diesem Österreich gelebt hatte, lesend wurden die Ursachen meines Unwohlseins in mir zu Sprache, und was mich zuvor als dumpfes Fernweh gequält hatte, wurde auf einmal Bewusstsein und damit Sieg. Ich schaute Eltern und Lehrern anders als früher ins Gesicht, mein Ungehorsam gewann an Souveränität, ich begriff meinen Widerspruch als Chance, nicht als Unglück. Ich spielte mit dem Tod und Todeswunsch und verachtete Überlebenstypen – Salzburg war voll davon – mit heilender Arroganz. Ich begriff mich zu Recht und mehr noch zu Unrecht als einen, dem die Empörung zustand. Als ich damals, etwa zur gleichen Zeit, auch noch das Werk des Dichters Georg Trakl für mich entdeckte, war ich doppelt gewaffnet und doppelt aus der Bahn geworfen, die meine Familie und meine Umstände mir gern vorgezeichnet hätten. Ich wurde durch Thomas Bernhard und Georg Trakl (nur noch Oscar Wilde sollte, Jahre später, ähnlichen großen Einfluss auf mich ausüben) zu dem freiwilligen (?) Exilanten, der ich bis heute bin.
Thomas Bernhard allein jedoch blieb über Trakl und Wilde hinaus mein begleitender Autor. Er war ein vorteilhafter Begleiter: Er wollte von keinem etwas, vor allem nicht von seinen Lesern. Er konnte jemanden, der sich ans Schreiben machte, zwar zum Entgleisen bringen – eine ganze Reihe von österreichischen und deutschen Autoren geriet in seine Fußstapfen –, aber nur vorübergehend und nur an der Oberfläche. Anders als Trakl und Wilde, deren Weltbild und Lebensform vor allem für junge Menschen verderblicher sein können als ihre Bücher, infizierte Thomas Bernhard im schlimmsten Falle (was ja sehr gut war) mit seinem Stil. Der aber ließ sich nicht durchhalten, er war einerseits zu meisterhaft in seiner Distanz und, wichtiger noch, es lag ihm die Aussichtslosigkeit Thomas Bernhards zugrunde, die zu teilen keiner imstande war. So merkten die Bernhard-Jünger sehr bald, dass ihre Versuche lächerlich waren, denn sie zerbrachen unter dem leisesten Anhauch des Lebens. Das Vorbild hat keine Schule geschaffen und keine Epigonen gehegt, der Gedanke daran wäre ihm zweifellos ebenso grauenhaft wie absurd gewesen.
Thomas Bernhard hat seine Bücher hinterlassen, ungern vielleicht sogar diese, denn er ahnte, dass wir sie kaum einzuordnen verstünden und sie nur ungenau lesen würden, aber er wusste: Der Planet muss tragen, was auf dem Planeten geboren wird. In den späten Sechzigerjahren hielt Thomas Bernhard noch öffentliche Lesungen, so auch in Salzburg. Einmal las er im Pausensaal des Kleinen Festspielhauses aus „Amras“ und „Ungenach“; teilnahmslos, er stellte sich danach weder dem Applaus noch irgendwelchen Publikumsfragen. Ich aber wollte an jenem Abend unbedingt mit ihm ins Gespräch kommen und verfolgte ihn bis auf die Straße zu seinem tannengrünen VW-Käfer. Doch er wollte nicht reden, winkte ab, flüchtete geradezu in sein Fahrzeug, und hätte mich vermutlich überfahren, wenn ich mich ihm noch länger in den Weg gestellt hätte.
Bald darauf suchte ich seinen riesenhaften Vierkanthof bei Ohlsdorf bei Gmunden im Oberösterreichischen auf, ich war fest entschlossen – und staune heute über meinen Mangel an Takt –, Thomas Bernhard zu begegnen. Beide Tore standen offen und gaben den Weg in den Innenhof frei, aber der VW-Käfer war nicht da, offenbar war der Autor nicht zuhause. Ich streunte um das Haus und blickte durch die Fenster, jeder Beobachter hätte mich für einen Einbrecher halten müssen, aber niemand kam. Ich weiß heute nicht mehr, was ich eigentlich von Thomas Bernhard wollte, was ich ihm gesagt hätte, wenn er mich hätte reden lassen. Vielleicht hätte ich ihm „mein Herz ausgeschüttet“; bei dieser Vorstellung schäme ich mich noch heute vor so viel Lächerlichkeit eines doch fast 20-Jährigen. Thomas Bernhard war gnädig gewesen: durch seine Abwesenheit hatte er mir die Blamage erspart, und sich selber die Belästigung.
Als wir einander zehn Jahre später doch noch begegnet sind und in einer Gmundener Konditorei Faschingskrapfen in großer Anzahl gegessen haben, war Thomas Bernhard in heiterer Stimmung. Beim Fortgehen meinte er, dass wir die Faschingskrapfen „um die Wette“ gegessen hätten, und wollte wissen, wer von uns beiden Sieger wurde. Auch hatte er mich bei Tisch im Scherz aufgefordert, ihm „ein paar Weibergeschichten“ zu erzählen. Umso erstaunlicher, als im Werk Thomas Bernhards die Liebe, die Erotik und das Sexuelle nicht vorkommen. Trotz des Fehlens dieser existentiellen Themen herrscht niemals ein Mangel, die Fülle seiner Prosa ist nicht weniger dicht und mitreißend. Auch das ist alles andere als selbstverständlich.
Sind seine Prosa- und Theaterfiguren nicht ohne Fleisch und ohne Sinnlichkeit, starren sie uns nicht trotz ihrer Leiden und Krankheiten und ungeheurer Erbschaften, die allein sie im Dinglichen verankern, als reine Geistgestalten entgegen? Thomas Bernhards Menschen erinnern an Justinian oder an die Kaiserin Theodora auf den byzantinischen Mosaiken Ravennas oder an die Heiligen auf den Wandmalereien der frühen romanischen Kirchen: Hier wie dort große Dramatik und Gegenwart bei allem Fehlen des Fleisches. Ich frage mich, ob diese Körperentbundenheit die Bedeutung seines Werkes für unsere Zeit nicht noch unterstreicht? Thomas Bernhard zeigt uns in einer Epoche des Ungeistigen die Qualen des Geistes anstatt jener der Sinne, zugleich erlöst er uns von den ersteren durch seine Übertreibungskunst. Das Schreckliche wird bei ihm, indem er es zum Schrecklichsten überhöht, erträglich. Als „meinen König der Untertreibung“ habe ich ihn in einem früheren Essay, auf seine Übertreibungskunst anspielend, auch bezeichnet.
Zum Gruß für den damals nicht mehr allzu fern scheinenden 60. Geburtstag Thomas Bernhards war der voreilige, in die Zukunft geschriebene Text gedacht, nur noch als seltsamer Nachruf konnte er gedruckt werden. Ich schrieb: „Nichts, was der Wahrheit dient, wird jemals genügend abgehandelt, und so ist dieser missverstandene Autor der ewige König der Untertreibung. Allem Insistieren zum trotz sagt Bernhard naturgemäß, um sein ureigenes Wort zu gebrauchen, niemals genug....Alles ist noch schlimmer, als er es sagt, aber es ist so: Er zieht nichts an den Haaren herbei, er dramatisiert nicht um des Effektes willen. Vielmehr versucht er geradezu kindlich, das Schreckliche durch Aussprechen zu verharmlosen.“
So retten wir uns in ihr Gegenteil, wenn die Wirklichkeit unerträglich wird. Ich gestehe, dass ich Thomas Bernhard nicht mehr so häufig zur Hand nehme wie früher. Ich befinde mich in einer Stimmung, die, ohne an Trost viel zu glauben, des Trostes bedarf. Und Thomas Bernhard schenkt keinen Trost, er leuchtet die Welt in ihrer Dunkelheit nur auf das erbarmungsloseste aus. Der Autor, der heute – ich spreche von lebenden Autoren – am überzeugendsten zu mir spricht, auch er ein Österreicher, ist Peter Handke. Man darf bei diesen beiden von Polen sprechen. Ich sehne mich nach des Letzteren Weltverwandeln durch Hinhorchen mehr als durch Reden, und fürchte ein wenig den verstorbenen, strengen Autor, der die grelle Absurdität des Lebens ans Kreuz schlägt. Trotzdem ist Thomas Bernhard bei mir, ich sage mich von ihm nicht los. Erst über die Erfahrung seiner Bücher gelangte ich zum Ernst einer Sehnsucht, die ihre Ziele nicht schon erreicht glaubt, nur weil sie sie benennen kann. Und die Liebe soll in den Büchern nicht fehlen. Eben weil Thomas Bernhard recht behält.
Erich Wolfgang Skwara. In Salzburg 1948 geboren. Schriftsteller, Professor of Humanities and German an der San Diego State University, Kalifornien. Prosa: u. a. „ Versuch einer Heimkehr“ (Suhrkamp), 2008: „Entwurf einer Wüste“ (Mitterverlag).
("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.02.2009)