Volkstheater: Liebe vor der großen Revolution

(c) AP (Hans Punz)
  • Drucken

„Die Reifeprüfung“ – ausnahmsweise kann die Bühne einmal mit dem Film mithalten. Debütant Claudius von Stolzmann brilliert als Ben. Auch sonst: toll.

Was für ein Hit! 1963 veröffentlichte Charles Webb, der sonst weiter nicht literarisch aufgefallen ist, den Roman „Die Reifeprüfung“. 1967 kam der Film von Mike Nichols mit Dustin Hoffman ins Kino, auch am Broadway und im Londoner Westend wurde die Story gespielt. Die Konstellation war seinerzeit revolutionär: Ehefrau und junger Lover, aber! Am Vorabend von 1968 rüttelte die Geschichte jedoch auch an soliden Werten: Ausbildung, Karriere, intaktes Familienleben. Musterknabe Ben, den Harvard ebenso wie Yale angenommen hätte, macht Pause, versucht sich als Aussteiger. Was er dabei erleben hätte können, schildert z.B. T.C. Boyle in „Drop City“ (dtv): Kommunenleben, freie Liebe, Drogen. Das wäre für Ben vermutlich nichts gewesen. Sein Aufbegehren ist mehr ein Strohfeuer. Er macht nur Pause vom Establishment.

Im Volkstheater werden einmal wieder liebevoll die Sixties restauriert, 1968, da war VT-Chef Michael Schottenberg süße 16. Die Idee ist nicht dumm, die ehemaligen Revoluzzer sind heute Senioren, jedoch abenteuer- und unternehmungslustig. Hier dürfen sie sich tief in ihre Jugendzeit fallen lassen, ohne Angst vor einer Bruchlandung.

Felix Prader, früher an der Josefstadt, außerdem einst Regieassistent von Größen wie Peter Stein oder Klaus Michael Grüber, hat inszeniert. Der gebürtige Schweizer verschont das Publikum mit Fisimatenten und sorgt in unauffällig souveräner Weise für einen spannenden Ablauf. Schlichtweg hinreißend ist Claudius von Stolzmann als Ben. Stolzmann hat an der feinen Ernst-Busch-Hochschule in Berlin studiert. Endlich hat das Volkstheater einmal einen rundum authentischen jungen Helden mit Sixpack und echter Leidenschaft. Im Taucheranzug tritt er gegen seine spießigen Eltern an, grandios: Beatrice Frey im Pepitakleid und der patente, aber doch zu leicht erschütterbare Papa, Johannes Seilern, der zwischen kameradschaftlicher Solidarität mit seinem rebellischen Buben und Entsetzen über die Gefahren, in die dieser sich begibt, schwankt.

Susa Meyer ist eine wunderbar melancholische Mrs. Robinson, mit Strapsen und Whiskyflasche stakst sie über die Szene, die passiv-aggressive Ausgabe der wüsten Martha aus Albees „Wer hat Angst vor Virginia Woolf?“. Madame Robinson krallt sich Ben jäh, in einer Aufwallung. Sie ahnt sehr wohl, lange dauern wird diese äußerlich so formelle, sexuell offenbar zügellose Affäre nicht, aber als sie zu Ende ist, kann sie es doch nicht fassen, wehrt sich mit allen Kräften.

Erkennen Sie die Melodie? Klar!

So gemein sind alle zu ihr: der selbstsüchtige Gatte, der nicht mit ihr schläft, sie aber doch keinem anderen überlassen will – Erwin Ebenbauer versteht es immer wieder, Sentiment zu wecken, für gute wie für üble Charaktere; und Ben, der sich doch glatt mit der kleinen Robinson verflüchtigt; Katharina Straßer entzückt, man möchte schon fast sagen, gewohnheitsmäßig, wenn sie auch anfangs ein wenig angestrengt wirkt; diese Elaine ist nebenbei eine wahre Traumfrau, sie verbindet Intelligenz mit geringer Ambition, macht ihren Abschluss in Berkeley, wird aber bald Bens Kinder hüten. Das mögen, mochten Männer, nicht nur in den 60er-Jahren. Und so reizend naiv und herzenswarm, wie dieses Mädchen ist, einmalig. Ihre Talente wird sie brauchen für den schwierigen Ben, den die Liebe wohl kaum für alle Zeiten über die prinzipielle Widrigkeit des Daseins hinwegtrösten wird.

In Nebenrollen überzeugen Thomas Bauer, speziell als gehässiger Hausmeister, Günther Wiederschwinger u.a. als seifiger Empfangschef und Lynsey Thurgar als aufregende Go-go-Tänzerin in Rot. Herren und Damen bekommen an diesem Abend einiges Hübsche zu sehen. Werner Hutterli hat die Bühne ziemlich karg-modern ausgestattet. So lebt man eher heute als gestern, nur John Wayne im knallroten, tragbaren TV-Gerät erinnert an Western, Lassie & Co. Die eleganten Kostüme von Ingrid Erb bleiben in der Zeit, Elaines Hängerkleid ebenso wie Mrs. Robinsons weit schwingender Mantel.

Diese Produktion ist im besten Sinne genau, nicht museal, sondern auf sympathische Weise gründlich ausbalanciert und durchdacht, wie beim Film, z.B. in „Married Life“ von Ira Sachs mit Pierce Brosnan (2007), wo es um Katastrophen des Ehelebens Ende der 40er geht. Gute Kunst ist auch ein Beitrag zur Kulturgeschichte, ein lebendigerer als Bücher oder Unterricht.

Die Aufführung atmet, sie lebt, wirkt geschlossen, sinnlich, beleuchtet bis in die hintersten Ecken. Da stimmt einfach alles – bis auf die Fische. Die sollte man nicht zu häufig füttern. Das Publikum jubelte. Ausnahmsweise eine Aufführung, die man sich zweimal anschauen könnte. „Mrs. Robinson“ von Simon & Garfunkel plätschert, wenn nicht gerade „Born to Be Wild“ das Ohr erschüttert. Da können auch jene mit, die nach der Jugendzeit die Popmusik eher peripher durchgenommen haben.

VOLKSTHEATER DEMNÄCHST

„Die Reifeprüfung“ nach Charles Webb von Terry Johnson wird am 10., 17., 19.2. gespielt. Die nächste Premiere ist am 27.2.: Tschechows „Drei Schwestern“; mit Anna Franziska Srna, Claudia Sabitzer, Heike Kretschmer; Regie: Thomas Schulte-Michels. Diese Woche u.a.: „Die Fledermaus“ (9.2.) und „Tod eines Handlungsreisenden“ von Arthur Miller mit Heinz Marecek (14.2.).

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.02.2009)

Lesen Sie mehr zu diesen Themen:


Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt
Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.