Darwin: Evolution im Zeitraffer

Graeme Sawyer holds a 40cm (15 inch) long cane toad near Darwin
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In Australien kann man zusehen, wie Arten sich an die Umwelt – und aneinander – anpassen.

Als die „Beagle“ auf ihrer nächsten Erdumrundung im September 1839 an der Nordküste Australiens Station machte, nannten Besatzungsmitglieder den Ankerplatz „Port Darwin“, zu Ehren des Gefährten der Fahrt von 1831 bis 1836. Heute kann man dort Evolution im Zeitraffer beobachten: 1935 wurden an der Ostküste Australiens 500 Tiere ausgesetzt, die es auf dem Kontinent nicht gab, man hatte sie aus Hawaii importiert: Zuckerrohrkröten (Bufo marinus). Sie sollten Käfer dezimieren, die dem Zuckerrohr zusetzen, in Hawaii tun sie das auch ohne Probleme.

In ihrer neuen Heimat hingegen wurden sie rasch eines, sie vermehrten sich stark und machten sich über alles her, nur nicht über die Käfer. Und sie begannen zu wandern, derzeit stehen sie – hunderte Kilometer weiter im Norden – vor Darwin, dort tobt die Schlacht, Frontberichte stehen im Netz, manche Bewohner fahren mit ihren Autos die Straßen ab und zerquetschen, was sie können, bessere Waffen hat man nicht, man denkt schon wieder darüber nach, welche Lebensform – Feinde der Feinde – man nun gegen die Kröten importieren könnte, Viren etwa (www.frogwatch.org.au).

 

Schlangen reagieren mit Veränderung

Die Kröten fanden in Australien ein Paradies, eine Umwelt voller Ressourcen und fast ohne Feinde. Die heimischen Kröten sind der riesenhaften Konkurrenz (bis zu ein Kilo) um Futter und Reviere nicht gewachsen, und den wenigen Jägern setzen die Zuckerrohrkröten stark zu, sie sind giftig. Darunter litten zunächst Schlangen, aber sie haben reagiert, mit Koevolution, in nur 70 Jahren: Die Selektion hat unter den krötenjagenden Schlangen die ausgelesen, die entweder so klein sind, dass sie keine Kröten fressen können – oder so groß, dass sie das Gift in ihrem Körper überstehen.

Derzeit sind die nächsten Jäger gefährdet, Krokodile, sie werden wohl auch Antworten auf die neue Umwelt finden – die Kröten sind Umwelt für ihre Jäger so wie die für sie –, bisher hat noch keine Art eine andere ausgerottet, das blieb dem Menschen vorbehalten oder von ihm mitgebrachten Tieren: Bis vor Kurzem fraßen verwilderte Ziegen etwa die Galápagos-Insel Santiago kahl. Auf so abrupte Änderung der Umwelt können die heimischen Arten – vor allem die Schildkröten – nicht reagieren, sie brauchen Hilfe, der Mensch kommt und korrigiert seine Eingriffe in die Evolution mit Gewalt, Gewehr und Gift: Auf Santiago hat man gerade die letzte von 80.000 Ziegen zur Strecke gebracht.

Auf Inseln geht das, bei den Kröten in Australien wäre das aussichtslos, sie marschieren voran, immer rascher: Die in der vordersten Linie haben ihre Körper vergrößert, bis an die Grenzen, ihre Knochen können sie fast nicht mehr tragen und werden deformiert (ist ein Territorium „besetzt“, werden die Bleibenden in den nächsten Generationen wieder kleiner). Auch das Klima kann sie nicht aufhalten: Dort, wo sie herkommen, können sie in Temperaturbereichen von unter fünf und über 37 Grad nicht leben. In Australien haben sie es gelernt.