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„In 30 Jahren regionale Führungsmacht“

Der iranische Botschafter Ebrahim Sheibany über den Beginn der Ära Khomeini in seinem Land.

Die Presse: Herr Botschafter, was haben Sie aus der Zeit der Islamischen Revolution in Erinnerung?

Ebrahim Sheibany: Ich studierte damals in den USA und war in Studentengruppen aktiv. Niemand konnte glauben, dass der Monarchie nach 1000 Jahren ein Ende gesetzt werden konnte. Der Schah und die Pahlevi-Dynastie waren verhasst, weil sie mit Hilfe der Briten an die Macht gekommen war und bald von den Amerikanern unterstützt wurde. Im Jahr 1953 organisierte die CIA sogar einen Sturz unseres Premierministers, um den Schah wieder an die Macht zu bringen. Erstmals in unsere Geschichte würden wir unseren Präsidenten, unser Parlament, unseren Bürgermeister selbst wählen können.

Doch die Euphorie hielt nicht lange: Bald kam es zur Spaltung, viele Revolutionäre – vor allem auf Seiten der Linken – fühlten sich verraten. Viele wurden ins Gefängnis geworfen, andere exekutiert.

Sheibany: Der Anteil dieser Gruppen am Erfolg der Revolution war gering. Was etwa die Volksmujahedin betrifft: Es war von Anfang an das Ziel dieser Leute, nach der Revolution die Macht sich zu reißen. Das haben sie auch versucht. Als sie erfolglos blieben, haben sie mit Saddam Hussein paktiert. Das werden meine Landsleute nie vergessen. Sie haben unser Land jahrelang terrorisiert, keine Gruppe ist im Iran so verhasst wie diese.

Sie haben unseren Präsidenten getötet, unseren Premierminister, Mitglieder des Parlaments. Sie töteten auch Generäle und bald auch einfache Menschen, Kaufleute. Erst vor Kurzem hat die Europäische Union diese Gruppe von ihrer Terrorliste gestrichen – das ist für mich einfach schockierend und ist nicht gerade förderlich für unsere Beziehungen. Ich hoffe, dass die Europäer diese Entscheidung noch einmal überdenken.

Sind Sie nicht mit den schleppenden Fortschritt im Land unzufrieden?

Sheibany: Wir brauchten nach der Revolution zwei, drei Jahre, um das Land überhaupt flottzukriegen. Acht Jahre hat uns der Krieg mit Saddam Hussein gekostet. Wir haben nach der Revolution viel Zeit verloren – doch danach haben wir gute Fortschritte gemacht. Wir haben heute 3,6 Millionen Studenten, 18 Millionen Schüler, die Alphabetisierungsrate liegt bei 93,7Prozent. Ich will aber nicht verhehlen, dass es auch Probleme gibt. Wir haben seit mindestens zwei Jahrzehnten mit Sanktionen zu kämpfen.

Vor allem junge Frauen sind mit dem Leben in der Islamischen Republik unzufrieden. Gibt es denn keine Hoffnung für junge Leute auf politische Reformen?

Sheibany: Die Frauen, die Englisch verstehen und mit westlichen Journalisten sprechen, sind wohl keine typischen Vertreterinnen ihrer Geschlechtsgenossinnen. In meinem Land wird der Boden für mehr Freiheit vorbereitet – aber unser kulturelles Erbe wollen wir behalten.

Die Revolution war vor 30 Jahren – wie wird der Iran in 30 Jahren aussehen?

Sheibany: Der Iran wird dann die Führungsmacht in der Region sein. Iran wird wohlhabender, wir werden Wandel im sozialen Bereich sehen, Fortschritt in den Wissenschaften. Aber die Rolle der Religion wird weiter sehr, sehr wichtig sein.

Gastkommentare S. 30, Glosse S.31

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.02.2009)