"Das Leben ein Traum": Karneval mit Calderón

Nicholas Ofczarek (Sigismund) und Christiane von Poelnitz (Rosaura)
Nicholas Ofczarek (Sigismund) und Christiane von Poelnitz (Rosaura)(c) APA (ROBERT JAEGER)
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Karin Beier verdreht das Stück. Interessant. Ihr Verständnis vom großen Welttheater des Barock hat viel mit Karneval und Trash zu tun. Nicholas Ofczarek beeindruckt stark.

Gewaltig-starkes Pferd, das mit dem Winde um die Wette fährt, rasch wie ein Blitz, doch ohne seine Helle, dem Vogel und dem Fische gleich an Schnelle...“ Wunderbar strömt die Sprache in Calderón de la Barcas „Das Leben ein Traum“ (1631/32). Im Burgtheater sind die Verse des Spaniers auf zwei pausenlose Stunden zusammengehackt. Soeren Voima hat sie eingedeutscht: „Da hat die Faust ein Äuglein wohl entdeckt, da hat der Arsch sein Eimerchen gefunden...“ Karin Beier, die am Burgtheater u. a. Schiller, Shakespeare und Gorki inszeniert hat und seit 2007 Intendantin des Kölner Schauspiels ist, lässt das katholische Besserungslehrstück als Spiel der Mächtigen ablaufen.

König Basilius wurde prophezeit, dass sein Sohn Sigismund ihn ermorden würde. Darauf verbannt er ihn in einen Turm. Probeweise wird der Bursche auf den Thron gesetzt. Er führt sich auf, wird darauf wieder eingesperrt, später aber auf Wunsch des Volkes neuerlich befreit. Nunmehr erscheint er wundersam geläutert. Soweit die traditionelle Lesart. Im Burgtheater ist von Katharsis keine Rede. Sigismund lernt durch üble Erfahrung sich anzupassen. Am Ende zweifelt er an allem, als König aber wird er funktionieren. Eine krasse Verdrehung, auch wenn im Programmheft imposante Überbauten zur Erklärung aufgetürmt werden.

Basilius kann die Macht nicht lassen

Die Bühne (Thomas Dreißigacker) ist ein Bunker. Schon wieder. Im Bunker windet sich ein Irrer (Autist?) – und damit könnte man mit dieser Aufführung schon fertig sein. Doch ganz so einfach ist es nicht. Wer Lust hat, bekommt hier Stoff zum Grübeln. Sind wir nicht insgeheim auf des armen Sigismunds Seite? War es nicht eine Schweinerei von seinem Vater, den Jungen wegen dummen Aberglaubens einzusperren? Wird nicht mit diesem Königssohn ein grausames Spiel getrieben? Kein Wunder, dass er wütet.

Eins steht rein praktisch fest: So schön Calderóns Wortkaskaden sind, sie wären heute höchstens als Hörspiel zu ertragen. Beier sorgt für Kurzweil, und das Ensemble ist sehr gut. Trotz aller Hyperaktivität schleichen sich jedoch Leerläufe ein, was allzu wilde Spektakel öfter an sich haben. Beier rückt Calderón in die Nähe von Shakespeare und „Schlachten“, jene wüste Königsdramen-Collage, die in Salzburg zu sehen war. So gut ist sie nicht, aber sie tut ihr Bestes.

Nicholas Ofczarek ist ein eindrucksvoller Königssohn Sigismund. Als Schwerstbehinderter wälzt er sich zu Beginn auf dem Boden, Menschen erschrecken diesen Isolationshäftling zu Tode, nur ein Kuss seines Wärters kann ihn beruhigen. Sein Vater schüttet ihn mit Erde zu, begräbt den Burschen lebendig. Der bestreut sich schließlich selbst mit Staub. Torfduft weht von der Bühne, die Szene ist unheimlich, abgründig. Später tobt Sigismund im Palast. Er wirft einen Diener durchs Sperrholz in den Schlossgraben, doch angesichts der Kreaturen, die ihn umgeben, neigt man dazu, diesem armen Entwurzelten recht zu geben, der deutlich zu spüren scheint: Hier ist alles falsch, noch falscher als im Gefängnis.

Nachdem Sigismund zurück in seinen Turm verfrachtet wurde, will er nicht mehr weg. Wenn alles nur ein Traum ist, was soll ihm dann die Welt? Er wird gezwungen, macht schließlich mit bei seiner neuerlichen Inthronisierung, aber nun ist er erwacht. Er weiß, hier heißt es parieren – und er heiratet auch nicht die Frau, in die er sich bei seinem ersten Ausflug ins Schloss verliebt hat, Rosaura, sondern die glamouröse Estrella. Ofczareks Performance ist grandios, aber auch die meisten anderen sind in Bestform: Christiane von Poelnitz als betrogene Rosaura, Myriam Schröder als aufstiegsgeile Estrella, Michael Wittenborn als komisch-tragischer Diener Clarin und Hermann Scheidleder als Kammerherr, der all seiner Würde beraubt wird, bevor er aus dem Fenster fliegt. Peter Simonischeks König Basilius geht auf zwei Krücken, klebt an der Macht und vermittelt den Eindruck, dass sein Gutmenschentum nur vorgespiegelt ist. Martin Reinke gibt den treuen Sigismund-Erzieher, Clotald, Johannes Krisch den intriganten Kavalier Astolf. Johannes Terne, der Arme, muss sich in lächerlicher Verkleidung als Revolutionär produzieren.

Beiers Verständnis vom großen Welttheater des Barock hat viel mit Karneval und Trash zu tun. Es scheppert und kracht, es regnet Konfetti, ein weißes Plastikpferd erscheint, es dröhnen die Mikrofone... Das Premierenpublikum, reichlich durchsetzt mit Schauspielern, schien über die Maßen begeistert. War wieder mal ordentlich was los im Burgtheater. Wer ungewöhnliche Klassiker-Aufführungen mag, dem könnte dieser Calderón durchaus gefallen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.02.2009)

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