Mit der Erfindung der Fotografie erhielt auch die Wissenschaft neue Instrumente - und Perspektiven: Man konnte damit (zuvor) Unsichtbares sichtbar machen. Die Albertina dokumentiert.
Ende 1895 legte Conrad Röntgen die Hand seiner Frau auf eine fotografische Platte und belichtete sie mit den von ihm entdeckten „X-Strahlen“. Das Ergebnis war spukhaft – eine Knochenhand mit Ring und schattenhaftem Fleisch –, es machte Furore: Zum ersten Mal konnte das menschliche Auge etwas sehen, was es selbst nicht sehen konnte. Diese Öffnung des Blicks steht am Ende einer feinen Dokumentation, mit der die Albertina ab heute den Eingang eines neuen Mediums, der Fotografie, in die Wissenschaft nachzeichnet. Begonnen hatte es 60 Jahre früher, da hatte Daguerre die Technik fertig, sie fand rasch Eingang in die Forschung, zunächst dort, wo frühere Erfindungen die Grenzen der Sehkraft erweitert hatten, beim ganz Kleinen und beim weit Entfernten: Mitte des 17.Jahrhunderts hatte Leeuwenhoek erstmals durch (s)ein Mikroskop geblickt, zuvor schon hatten Astronomen Teleskope gen Himmel gerichtet (wem diese Ehre gebührt, ist unklar). Nun setzten die Fotografen ihre Apparate auf diese Apparate.
„Wahre Netzhaut des Forschers“
Das brachte nichts grundsätzlich Neues – früher hatte man mit der Hand gezeichnet, was die Linsen zeigten –, aber es brachte höhere Präzision und rigideren Ausschluss des Subjekts – mit all seinen Blicktrübungen – aus der Beobachtung. Das war das alte Ziel der Naturwissenschaft, es war erreicht: Die Natur „zeichnete mit ihrer Hand ihr eigenes Bild“, formulierte einer der Fotopioniere, ein zweiter sah in der fotografischen Platte die „wahre Netzhaut des Forschers“.
Die Ergebnisse machten staunen und nachdenken, etwa auf der Weltausstellung 1851 in London, wo die optischen Wunderkisten und ihre Produkte in der Abteilung „philosophical instruments and processes“ präsentiert wurden. Manche lehnten die „Sichtbarkeitsmanie“ ab, andere sahen die „wirkliche Welt hinter ihren Bildern verschwinden“ (Nietzsche, er meinte einen etwas breiteren Kontext); Dritte genossen einfach die auf Platten gebannten Mikroorganismen und Sterne – die waren gar nicht so einfach aufzunehmen, das Licht selbst des Mondes war für die Technik anfangs zu schwach –, Vierte fanden in den Selbstporträts der Natur neuen Halt: Die Welt war in Fluss geraten, die Französische Revolution hatte das Gottesgnadentum weggefegt, die Industrielle Revolution räumte den Rest der Tradition ab, dann ersetzte noch Darwin die Schöpfung bzw. ihre Ordnung durch graduelle Übergänge. Da kamen die Bilder der Natur eben recht, sie konnte man mit den Augen greifen, und mit ihnen die Welt.
Das Auge wurde auch selbst zum Thema, man zog Parallelen zwischen dem technischen Linsensystem und unserem natürlichen. Manche gingen so weit, dass sie die Netzhaut als fotografische Platte betrachteten, die das je letzte Bild speicherte – deshalb wollte man von den Netzhäuten der Mordopfer die Bilder der Mörder ablesen.
Mehr Erfolg hatte das Vordringen in eine andere Dimension, in die Zeit: 1878 konnte erstmals der Bewegungsablauf eines galoppierenden Pferdes in seine Phasen aufgelöst werden, damit war man in einer wirklich neuen Welt, in der auch das Flüchtigste – ein Blitz etwa – Dauer erhielt. Beides konnte das Auge selbst nicht leisten, auch frühere technische Apparate konnten es nicht. Nun sah man – mittels Chronofotografie – Bewegung; Künstler nahmen es auf, Monet, Degas und Manet etwa, später dann, ganz anders, die Futuristen. Und das Verfahren der Zerteilung einer Bewegung in Phasen ließ sich umkehren: So entstand der Film.
Geisterjagd mit Kameras
Dann kam die Erweiterung des Spektrums, hin zu den Wellenlängen, die unser Auge nicht sieht, Röntgen war nur der Anfang, spektakulär genug, die Herren vieler Länder ließen ihre Hände verewigen, Zar Nikolaus II. etwa, aber auch Getier kam zu Ehren – Fische vor allem –, vorzüglich verstand sich die Grafische Versuchs- und Lehranstalt in Wien darauf, deren Erbe die Albertina pflegt; dann kam, in erstaunlicher Breite, das nächste Unsichtbare, das Geisterreich: In der Ausstellung hängt viel fotomaterialisierter Spuk an der Wand.
Von dem kam man wieder ab, dafür wurden die bildgebenden Verfahren selbst zum Spuk: Wir können heute in entfernteste Galaxien schauen und tief in Gehirne, Gene leuchten bunt, alles muss zum Bild gerinnen. Das alles bietet Sicherheit und Unmittelbarkeit, alles erscheint so, wie es ist. Vielleicht scheint es nur so: Bilder aus dem All und dem Gehirn sind meist keine Bilder, sondern Daten, die erst von Computern zu Bildern verrechnet werden. Aber niemand kann prüfen – mit dem eigenen Auge –, ob da auch richtig gerechnet wird.
„Fotografie und das Unsichtbare“: 11. Februar bis 24. Mai, www.albertina.at.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.02.2009)