Warum ich kein Darwinist sein will

Wer sich gegen die Tyrannei der Gene auflehnen will, muss sie verstehen.

Darf ich Ihnen am 200.Geburtstag Darwins eine Frage stellen: Sind Sie Darwinist? Okay, Sie glauben, dass die Evolutionstheorie viel, sehr viel erklärt. Dass die Biologie ohne sie unverständlich, lichtlos ist. Das glaube ich auch. Aber was tun Sie, was Sie als Darwinisten auszeichnet?

Die Frage ist nicht ganz blöd. Aus einem Eigennamen und der Nachsilbe „-ist“ gebildete Wörter kennen wir vor allem aus der – meist linken – politischen Sphäre: Marxist, Leninist, Stalinist, Maoist... Und wenn einer z.B. Marxist sein will, dann reicht es nach allgemeinem Verständnis nicht, dass er „Das Kapital“ gelesen hat und findet, dass es den Kapitalismus gut analysiert. Nein, wir erwarten, dass er irgendwie nach seiner Überzeugung handelt.(Bei schwereren Fällen, z.B. beim Stalinisten, ist freilich fast allen lieber, wenn er darauf verzichtet.)

Liegt nur passives Wohlgefallen vor, ist eher die Wortbildung mit „-ianer“ angebracht. Der Hegelianer z.B. muss nichts tun, um den Weltgeist zu unterstützen; der Freudianer muss seine eigene seelische Zuydersee nicht trockenlegen.

Was also tut der Darwinist? Wie lebt er seine Überzeugung? Wenn er z.B. einen Weichherzigen dabei ertappt, wie er eine Maus vor dem Zugriff der Katze rettet: Hält er ihn fest und erklärt ihm, er möge nicht der natürlichen Selektion ins Handwerk pfuschen? Kann, darf, soll der Darwinist ein Tierschützer sein? Schwieriger noch: Wenn er draufkommt, dass er selbst in der Arena der Geschlechter eher ein Verlierer ist, fügt er sich dem Ratschluss der sexuellen Selektion? Oder versucht er trotzig, seine Gene erst recht weiterzugeben?


Ganz absurd wird es, wenn man versucht, vermeintliche darwinistische Maximen auf Probleme der Gesellschaft zu übertragen. Unlängst hat ein politischer Kommentator im Ernst gefordert, dass man besonders im Darwin-Jahr davon absehen möge, vom Konkurs bedrohte Firmen zu retten, schließlich walte hier die natürliche Selektion. Die er offenbar für eine segensreiche Schwester der „unsichtbaren Hand“ des Adam Smith hält, für eine Art Urkraft, der man nicht ins Handwerk pfuschen soll. Vergleichbar ist diese Haltung mit der eines „Newtonisten“, der sich weigert, sein Bierglas sicher in der Hand zu halten, um das freie Wirken der Schwerkraft nicht zu behindern...

Nein, der Darwinismus verpflichtet zu nichts. Schon gar nicht begründet er eine Moral. Im Gegenteil: Menschliche Moral wendet sich oft gegen (vermeintliche) „Gesetze der Natur“, sonst brauchte sie keiner. „Als einzige Lebewesen auf der Erde können wir uns gegen die Tyrannei der egoistischen Replikatoren (= der Gene) auflehnen“, schrieb der zu Unrecht als Hardcore-Darwinist verrufene Richard Dawkins.

Dazu ist es gut, die Mechanismen dieser Tyrannei zu verstehen. Kurz: Man sollte Darwinianer sein, um bewusst kein Darwinist zu sein.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.02.2009)

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