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Firmen glauben weiter an den Osten

(c) AP (Robin Buckson

Österreichs Osteuropa-Pioniere investieren trotz Hiobs-Botschaften weiter. Die besten Chancen hat Rumänien. Forscher Bretschneider vertraut auf die „Zweitwirtschaft“.

Wien.Lesen Manager keine Zeitungen? Man könnte es auf den ersten Blick fast glauben, wenn man einen Blick auf eine aktuelle GfK-Umfrage wirft. Tag für Tag überbieten sich Medien mit neuen Krisenmeldungen, ja Untergangsvisionen für die Wirtschaft Mittelosteuropas: Währungen brechen ein, Staaten droht der Bankrott, das starke Engagement österreichischer Banken entpuppt sich plötzlich als hoch riskant.

Aber jene heimischen Firmen aus Industrie, Gewerbe und Handel, die in den letzten Jahren dort kräftig investierten, lassen sich ihre Zuversicht einfach nicht nehmen. 200 Geschäftsführer und Unternehmer wurden befragt. Das Ergebnis: Viele legen ihre kurzfristigen Expansionspläne auf Eis, aber kaum jemand ganz ad acta. 50 Prozent wollen bei den Investitionen mittelfristig zulegen, nur 13 Prozent auf die Bremse steigen.

Krise hin oder her: Die Hauptsache ist, der Markt hat weiterhin Nachholbedarf. Die wichtigste Rahmenbedingung sind stabile rechtliche Verhältnisse – weit vor Investitionsanreizen, billigen Arbeitskräften oder einer Mitgliedschaft in der Eurozone. Denn nichts fürchten Firmen mehr als das Risiko, durch staatliche Eingriffe rasch Geld zu verlieren.

Den besten Schutz dagegen bietet ein EU-Beitritt – und davon profitiert besonders Rumänien, das vor zehn Jahren für Investoren noch kaum ein Thema war. Aktuell wie mittelfristig ist es für Österreichs Ost-Manager das attraktivste Land für Investitionen.

Beim Potenzial folgen Russland, Polen und Tschechien. Am fünften Platz landet die Ukraine – und dieses Ergebnis macht stutzig. Denn zum Befragungszeitpunkt Mitte Dezember hatten sich die tiefe Rezession und der drohende Staatsbankrott des Landes medial noch nicht herumgesprochen. Würden die Firmen heute, wo sich die Krise zuspitzt, anders antworten?

Nein, meint GfK-Chef Rudolf Bretschneider: „Die Manager informieren sich nicht nur über Medien, sondern haben das direkte Feedback vor Ort. Und die meisten Faktoren der Krise, wie der Verfall der Währungen, waren vor acht Wochen schon präsent.“ Außerdem sei das Konsumentenvertrauen zwar zwischen Oktober und Dezember gefallen, aber im letzten Monat stabil geblieben.

 

Mehr Konsum trotz Rezession?

Dass Statistik und Stimmung, Makro- und Mikroökonomie im Osten nicht zusammenpassen, ist für Bretschneider nichts Neues: „Es ist ein grober Kurzschluss, auch von vielen Ökonomen, fehlendes Wachstum mit fehlendem Konsum gleichzusetzen.“ Er erinnert an die 90er-Jahre, als viele Volkswirtschaften der Region Jahr für Jahr um fünf bis zehn Prozent schrumpften: „Aber die Zahl der verkauften Waschmittelpackungen sprach eine andere Sprache.“

Bretschneiders Erklärung für dieses seltsame Phänomen: In Mittelosteuropa gibt es neben der offiziell erfassten eine „Zweitwirtschaft“. Dazu zählt der Marktforscher nicht nur die Schwarzarbeit, sondern auch Tauschwirtschaft, Eigenversorgung und die Überweisungen jener, die in den Westen gingen – allein in Rumänien zwei Millionen. Überhaupt seien die Osteuropäer Meister im Improvisieren und hätten schon manche Krise gut durchtaucht.

Ein leiser Zweifel bleibt: Befragt wurden nur Firmen, die zumindest in einem Ost-Land schon investiert haben. Üben sie sich in Zweckoptimismus, nach dem Motto „Ich muss daran glauben, sonst muss ich dran glauben“?

Ein entsprechend differenziertes Fazit zieht denn auch Severin Heinisch, Geschäftsführer der PR-Agentur Hochegger, die die Studie in Auftrag gab: „Großinvestitionen auf die grüne Wiese wird es in nächster Zeit sicher weniger geben.“ Früher ungebremst optimistisch, seien Österreichs Ost-Pioniere nun pragmatisch geworden: „Sie lassen sich nicht irre machen. Aber kaufmännische Vorsicht hat in der Krise Konjunktur.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.02.2009)