Des Neandertalers Kern bleibt im Dunkeln

(c) AP (Frank Franklin II)
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Die oft schon angekündigte Sequenzierung des Genoms verzögert sich – publicityträchtig – weiter.

Es wäre zu schön gewesen, hätte just an Darwins 200.Geburtstag eines der großen Rätsel der Evolution gelöst werden können – das unseres Verhältnisses zu unserem Bruder, dem Neandertaler. Es hat nicht sollen sein: Die auf dem Feld der Paläogenetik weltführende Gruppe um Svante Pääbo (MPI Evolutionäre Anthropologie, Leipzig) hat neuerlich um Geduld bitten müssen und dies – eben an Darwins Geburtstag – auf einer Pressekonferenz mitgeteilt.

Ein solches Vorgehen war früher tabu – man publizierte Forschungsergebnisse, wenn man sie hatte, und zwar in einem Fachjournal –, aber mit den Genomen wurde es Mode: Das war bei dem des Menschen so, wo zwei konkurrierende Gruppen jahrelang in Pressekonferenzen den Wettlauf um die erste Sequenzierung anheizten; das ist beim Neandertaler so, wo Pääbo 2006 mit dem „Genom“ aufhorchen ließ. Es war dann nur ein winziger Abschnitt, und er war mit DNA von Homo sapiens verunreinigt, das ist das große Problem der Paläogenetik.

Am größten ist es dort, wo es vielleicht einmal eine umgekehrte „Verunreinigung“ gegeben hat: Haben wir Gene vom Neandertaler, haben sich unsere Ahnen mit ihnen reproduziert, erfolgreich? Dass sie Sex miteinander hatten, darf man annehmen: Sie lebten 15.000 Jahre in Europa nebeneinander. Die Neandertaler waren seit Jahrhunderttausenden da, als vor etwa 40.000 Jahren H. sapiens kam. Dann gingen die Neandertaler, die letzten vor etwa 25.000 Jahren, es gibt zwei Möglichkeiten: Entweder hat H. sapiens sie totgeschlagen oder er hat sie genetisch eingemeindet. Der dritte Kandidat, das Klima, hat wenig für sich, zwar war Eiszeit, aber die Neandertaler hatten mehrere überlebt.

Haben wir also Gene von ihnen? Im mitochondrialen Genom nicht, das hat Pääbos Gruppe letztes Jahr gezeigt; aber das ist nur ein winziger Teil des gesamten Genoms, der Großteil sitzt im Zellkern. Und das wurde auf der Pressekonferenz als „sequenziert“ präsentiert – etwas euphemistisch: Man hat „60Prozent“, und die hat man offenbar so grob, dass man die Gene noch nicht einmal mit denen von H. sapiens vergleichen konnte.

Haben wir Gehirn-Gene von ihnen?

„Vorläufige Ergebnisse deuten darauf hin, dass Neandertaler, wenn überhaupt, nur einen sehr geringen Anteil zu der bei heutigen Menschen gefundenen Varianz beigetragen haben“, erklärte Pääbo. Warten wir die endgültigen Ergebnisse ab, immerhin nannte Pääbo auch Kandidaten (unserer Gene, die man nun beim Neandertaler suchen kann): Foxp2, Tau und Microcephalin. Foxp2 spielt bei der Sprechfähigkeit mit und ist, was den Neandertaler angeht, ein alter Hut: Pääbos Gruppe hat früher gezeigt, dass die Neandertaler die gleiche Variante hatten wie wir. Tau und Microcephalin sind spannender: Sie gibt es in Varianten, die nur die Europäer haben, und zwar seit etwa 30.000 Jahren, damals kamen sie von irgendwo auf H. sapiens. Spannend sind sie auch darin, dass beide mit der Entwicklung des Gehirns zu tun haben.

NEANDERTALER: Alte Brüder

Vor etwa 500.000 Jahren haben sich (in Afrika) die Vorfahren der Neandertaler von denen von Homo sapiens getrennt, sie wanderten nach Europa.

Vor etwa 40.000 Jahren kam auch H.sapiens, er fand 1856 erste Spuren des anderen Menschen, im Neandertal. Die nähere Verwandtschaft ist ungeklärt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.02.2009)

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