124 Frankreich

Les Olympiades
Les Olympiades(c) Die Presse (Martin Amanshauser)
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Warum die Vietnamesen in Paris eine erstaunlich niedrige Sterberate haben.

„Die Bewohner von Les Olympiades haben die niedrigste Sterberate Frankreichs“, sagt Nguyen Van Thang, und als er das sagt, muss er lachen. „Kaum einer von uns Pariser Vietnamesen stirbt! Wollen Sie wissen, wieso?“ Ich möchte es natürlich wissen. Thang weiß das und lässt sich Zeit. „Es ist nicht deshalb, weil wir so gesund leben“, erläutert er und bestellt noch ein Bier, „obwohl Pho natürlich ein gesundes Essen ist.“ Wir sind im Restaurant „Pho 14“ im 13. Pariser Arrondissement. Das Lokal ist so etwas wie das inoffizielle Weltzentrum der vietnamesischen Reisnudelsuppe. Im Spätherbst und Frühwinter sitzen Franzosen und Vietnamesen auch noch bei eisigen Temperaturen an den Tischen im Freien. „Manche kommen mit Handschuhen“, erzählt Thang, „die Hände mögen frieren, aber Pho wärmt von innen . . . Außerhalb von Hanoi gibt es nämlich keine bessere Suppe als hier in Les Olympiades!“

Kein Wunder – hier lebt die größte vietnamesische Gemeinde Europas. Die meisten sind Nachfahren der „Boat people“, die vor dreißig Jahren ihre Heimat auf klapprigen, überfüllten Schiffen verließen. Eine knappe Million Menschen flüchtete – und ein Viertel davon ertrank im Südchinesischen Meer. Thang, einer von denen, die nicht ertranken, gehört zu den 90.000 ­vietnamesischen Flüchtlingen in Frankreich. Etwa 60.000 Menschen, meist Asiaten, leben in Les Olympiades, einem gigantischen Urbanisierungsprojekt aus dem Paris der Siebzigerjahre.

Die Wolkenkratzer, manche 104 Meter hoch, tragen die Namen von Olympia-Austragungsorten, Athènes, Helsinki oder Sapporo. Kleinere Gebäude heißen Squaw Valley oder Cortina. Thang lebt im Squaw Valley. Ich frage mehrmals nach, wieso denn nun keiner der Pariser Vietnamesen stirbt, doch Thang widmet sich einem anderen Thema – der Aussprache des Wortes Pho: „Die Franzosen sagen Fooo. Natürlich komplett falsch – c’est fou! Die Deutschen sagen Po – witzige Idee, aber das würde ja le cul heißen! Richtig spricht man Pho aus, wenn man den ersten Konsonanten des genitalen englischen Four-Letter-Word haucht . . . versuchen Sie es, nur zu!“ Ich mache vorsichtig: „Ffff, ffff . . . fuck?“ Thang mustert mich triumphierend: „Perfekt! Fuck ohne -ack! Sie haben es! Fuck ohne -ack!“

„Und wieso sterben die Pariser Vietnamesen nicht?“, erinnere ich Thang. „Ist ganz simpel“, erklärt er, während nun wirklich Pho serviert wird, eine Rindsbrühe mit frischen Reisnudeln, Steakscheiben und einem Beilagenteller mit aufgetürmten Einlagen: Minze, Thai-Basilikum, Sojasprossen, Chili, Limette und Koriander. „Wir haben wenige Familiennamen. Jeder Zweite in Vietnam heißt Nguyen – wie ich. Wenn einer dieser Nguyens stirbt, rückt ein anderer Nguyen nach. Die Aufenthaltsbestätigung bleibt ja in Kraft! Die Behörden erfahren nie davon . . . wäre auch schwer zu kontrollieren, wer jetzt welcher Nguyen ist, und woher gerade dieser spezifische Nguyen kommt.“

Martin Amanshauser, "Logbuch Welt", 52 Reiseziele
Bestellungen online oder Fax 01/514 14-277.


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