Wo ich die ersten 18 Jahre verbrachte. Wo die Buttercremetorte auf dem Tisch stand. Wo ich mit Hans erwischt wurde. Wo meine Eltern begraben sind. Kindheitsstadt Linz. Rekonstruktion.
Als ich nach meiner Matura 1972längst die oberösterreichischeLandeshauptstadt mit der Absichtverlassen hatte, nie mehr in dieses hässliche, provinzielle, graue, niederziehende Linz an der Donau zurückzukehren, bekam ich 1985 in Paris Thomas Bernhards „Alte Meister“ und die darin enthaltene Passage über Linz in die Hände. „Es wäre ja undenkbar“, konnte ich da lesen, „dass aus dem kleinbürgerlichen Provinzloch Linz, das seit Keplers Zeiten ein tatsächlich zum Himmel schreiendes Provinzloch geblieben ist, das eine Oper hat, in der die Leute nicht singen können, ein Schauspiel, in dem die Leute nicht spielen können, Maler, die nicht malen, und Schriftsteller, die nicht schreiben können, auf einmal ein Genie hervorgegangen wäre...“ Wie recht er hat, dachte ich damals, und, nachdem ich 36 Jahre später doch nach Linz zurückgekehrt bin und inzwischen Genies aller Schattierungen hassen gelernt habe, denke ich heute umso mehr, wie recht er hat!
Als Kind war ich in Linz zu Fuß, mit meinem Tretroller, mit dem Fahrrad, mit der Straßenbahnlinie E oder, später, mit mei-
nen Eltern, in einem roten VW-Käfer, für den ich mich sehr genierte, unterwegs gewesen. Der VW-Käfer meiner Eltern war für mich in den Sechzigerjahren bestenfalls einemMoped gleichzusetzen,erst der Taunus meinerEltern war für mich ein Auto. Jetzt fahre ich, als mittlerweile längst insAlter gekommene Frau,mit meiner „Kombilimousine“, einem rotenMazda 2/1.4/AT/TE mit 59 Kilowatt, durch meine Kindheitsstadt. Wer nach langer Zeit zurückkehrt, ist selber schuld. Es wird kein Stein auf dem anderen geblieben sein. Trotzdem erkennt man zuerst das Gespeicherte, dann erst die neue Wirklichkeit. „Was die Tage verwehen, geht in der Erzählung weiter“, las ich kürzlich bei Alfred Kolleritsch („Befreiung des Empfindens“).
Geprägt bin ich die entscheidenden 18 Jahre in Linz worden. Ich glaube, dass der Mensch mit 18 fertig ist. Wenn nicht schon viel früher. Alles Weitere ist der Versuch, die längst vorhandenen Talente zu entdecken und auszubauen, die längst vorhandenen Verletzungen zu verkraften und mit ihnen zu leben. Oder die Talente nicht zu finden, sondern dort zu suchen, wo sie nicht sind, die Verletzungen nicht zu verkraften, sondern, schlimmstenfalls, zu vervielfachen.Wir wissen aus der Traumaforschung, wiedas funktioniert.
Mit ungefähr 14 begannen diese regelmäßig in gleicher Form wiederkehrenden Albträume: Ich liege in meinem Bett in meinem Zimmer in Linz. Ich liege in meinem Bett, es ist dunkel. Plötzlich merke ich, dass dieTürklinke heruntergedrückt wird. Ich weißsofort, es ist mein Mörder. Ich versuche zuschreien, bringe aber keinen Ton über dieLippen, versuche das Licht anzuknipsen, kann aber die Hand nicht heben, versuche, aus dem Bett zu springen, kann mich aber nicht bewegen. Ich bin stumm, taub, blindund bewegungsunfähig. Die Tür geht auf, ei-nen Spalt, und eine Hand wird sichtbar. Da wache ich auf.
Ich habe diesen Traum, regelmäßig, ingleicher Form, weit über die Zeit hinaus geträumt, als ich Linz schon längst verlassen hatte. Ungefähr mit 30 ist er abrupt verschwunden und nie mehr gekommen. Jeder Traum bleibt ein Rätsel. Ich habe lange versucht, das Rätsel zu entschlüsseln. Jetzt bin ich 55 und habe keine Lust mehrzum Rätselraten. Außerdem weiß ich inzwischen, dass kein Mysterium in seinem Kern zu erfassen ist. Es sind die Ränder und die Grenzen, der Vergleich und der Widerspruch, die eine Annäherung zulassen.
Ich verlasse meine Wohnung in Linz-Lustenau, in der Nähe des Andreas-Hofer-Platzes, und fahre mit meinem Mazda los, den ich unter anderem ganz einfach deshalb geleast habe, weil zu meiner Wohnung ein Parkplatz gehört. Die Orte, die ich aufsuchenmöchte, könnte ich mit den öffentlichen Verkehrsmitteln schlecht oder gar nicht erreichen. Die Wiener Straße ist von ausgesuchter Hässlichkeit, sie erstreckt sich jenseits der Kernzone Linz fast schnurgerade in östlicher Richtung bis Linz-Ebelsberg. Ich habe nicht gedacht, dass ich das Haus, von der Wiener Straße etwas zurückversetzt, sofort wiedererkennen würde. Immerhin ist es fast 40 Jahre her, als Hans und ich von seinen Eltern in ihrer Wohnung auf der Ausziehcouch im Flur, wo er nachts schlief, nackt überrascht wurden. Hinter einer Hausecke hatten wir abgewartet, bis sie zu ihrem Sonntagsausflug aufbrachen. Sie hatten ihren Aufbruch aber nur vorgetäuscht. Schon als ich den Schlüssel die Wohnungstür aufsperren hörte, stürmte ich mit meinen Kleidern ins Badezimmer, wo ich mich einschloss. Meine Lage erschien mir so schrecklich, dass ich aus dem Bad nicht mehr hinauswollte. Hans musste lange auf mich einreden. Als ich endlich das Badezimmer verließ, hatte seine Mutter bereits Kaffee gekocht und eine Buttercremetorte auf den Tisch gestellt. Sie redete sofort los. Dass es keine Schande sei, einander zu lieben, nur müsse natürlich an die Verhütungsmittel gedacht werden. Ob ich an die Verhütungsmittel gedacht hätte? Bevor ich antworten konnte, sagte sie, dass die Liebe etwas Wunderbares sei, sofern man an die Verhütungsmittel denke, dass ihr Hans immer ein braver Bub gewesen sei, sehr brav. Ob wir uns über die verschiedenen Möglichkeiten zu verhüten informiert hätten? Ich fühlte mich ungefähr so wie damals, als meine Mutter mich im Wohnzimmer auf der Wohnzimmercouch aufklärte, während mein Vater in seinem VOEST-Sportverein herumturnte. Am liebsten wäre ich unsichtbar gewesen.
Immer so ein lieber Bub gewesen, sagte die Mutter von Hans in meinen Unsichtbarkeitswunsch hinein, bis auf die letzte Zeit, seit er, durch linke Studenten, zum „Revoluzzer“ geworden sei. So ein lieber Bub, wiederholte sie mehrmals. Früher! So ein lieber Bub. (Ich weiß nicht, wie ich da wieder herausgekommen bin. Ich weiß nur, dass die Mutter von Hans ein rundes Gesicht hatte, dass sie überhaupt sehr rund war und klein. Und dass ihr Mund herzförmig war und ihre Dauerwellen beim Reden mitwippten.)
Ich stehe vor dem leicht zurückversetzten Haus, in dem Hans und ich vor 40 Jahren von seinen Eltern überrascht worden sind; war „Walchshofers Imbisstube und Feinkost“ das Geschäft, in dem Hans' Vater 30 Jahre danach zehn Deka abgepackte Extrawurst gestohlen hat und dabei erwischt wurde? Er war damals schon in Pension gewesen, und Hans' Mutter war längst an einerlangwierigen Autoimmunerkrankung gestorben, nachdem sie am Ende wochenlang im Koma gelegen war. Der Vater von Hans litt keine materielle Not. Es ist Hans letztendlich gelungen, den Geschäftsinhaber nach der Begleichung der Rechnung und einer großzügigen Geldgabe von einer Anzeige abzuhalten.
Alle unsere Väter haben in der VOEST gearbeitet. Hans' Vater als Arbeiter, mein Vater als Buchhalter in der Verwaltung, die, ausdem Industriegebiet ausgelagert, in der Muldenstraße untergebracht war. Gegenüber dem Verwaltungsgebäude waren die VOEST-Siedlungen der Angestellten. Unsere Wohnung hatte 80 Quadratmeter und vier Zimmer. Damals ein Luxus! Die Eltern von Hans hatten eine 50 Quadratmeter große Zweizimmerwohnung. Seine Schwester schlief bei den Eltern im Schlafzimmer, später auf dem Sofa im Wohnzimmer, und Hans schlief auf dem Gang hinter einem Vorhang. Der Vater von Hans konnte in fünf Minuten mit dem Fahrrad in die Arbeit fahren. Hans und ich in die Trauner Auen. Dass die Trauner Auen so nahe sind, ahnt man von der Wiener Straße aus nicht.
Ich versuche, erstmals nach 40 Jahren wieder den Weg von der Wohnung in die Auen zu rekonstruieren. Was ich mir sehr schwierig vorstelle, ist ganz einfach: Ich gehe ein Stück die Straße hinunter, biege in die erste Straße rechts ein, dann links. In der Hans-Schnopfhagen-Straße ist die Zeit stehen geblieben. Nördlich Kleingartensiedlungen, südlich alte einstöckige Arbeiterhäuser aus der Jahrhundertwende. Es ist vollkommen still hier. Für einen Augenblick entsteht das Bild einer Zeit des Aufbruchs der Arbeiterbewegung. Diese Siedlung muss seinerzeit vorbildlich gewesen sein. Arbeiter mit Haus und Garten. An den Schildern ist allerdings zu sehen, dass in jedem Haus mindestens vier Wohnungen untergebracht waren. Von den Häusern fällt überall der Putz ab. Die Zeit ist doch nicht stehen geblieben. Die meisten Häuser sind unbewohnt. Nur die Fenster und Türen sind überall neu. Trotzdem steht fest, dass diese Siedlung dem Verfall überlassen wird. Vielleicht wollte man sie vor einigen Jahren renovieren und hat dann überlegt, dass es viel rentabler wäre, hier neue und höhere Häuser hinzubauen. Der Mann, der seine Gartenhecke beschneidet, gibt mir die Auskunft, die Häuser gehörten der Spinnerei, jetzt „Textil Linz“, eine expandierende, weltweit exportierende Firma, der Arbeitgeber Kleinmünchens.
In die Lunzerstraße, in der vor den Einfahrten der VOEST von1990 bis 2002 eine der größten Betreuungseinrichtungen für Flüchtlinge und Asylwerber Oberösterreichs in vier Hochhäusern untergebracht war, fahre ich wieder mit dem Auto. Es weht ein kräftiger Wind. Die Farbe der Hochhäuser ist verschmutzt, aus einem halb offenen Fenster weht ein Vorhang nach draußen. Vor dem Häuserblock stehen lange blaue Anhänger der Transportfirma Zeller. Ich parke hinter dem Häuserblock. Das ist kein Problem, denn die riesigen Parkflächen sind fast leer. Das Tor des südlichsten der vier elfstöckigen Hochhäuser in der Lunzerstraße vor den Eingängen der VOEST steht offen. Ich betrete das Haus und steige hoch. In jedem Stockwerk ein großes Fenster ohne Glasscheiben im Stiegenaufgang, durch das man, je höher, desto besser, auf die Traun und die Auen schauen kann. Will man das Stockwerk selbst betreten, muss man vom Stiegenaufgang aus nocheine Milchglastür öffnen, nach der dann wie in einem Hotel ein langer schmaler Gang liegt, von dem eine Zimmertür nach der anderen abgeht, alle mit zwei- bis dreistelligen Zahlen versehen, deren erste das Stockwerk bezeichnet.
Überall der gleiche Anblick, nur die Böden sind in jedem Stockwerk verschieden, einmal Spannteppich, einmal Holz, einmal Stein. Es herrscht eine geradezu unheimliche Stille, kein Mensch ist zu sehen. Dabei müssen doch hier unzählige Menschen wohnen, nach den Zimmernummern zu schließen. Männer. Denn es gibt in allen Stockwerken nur Männertoiletten. Ab dem achten Stockwerk lässt sich die Tür neben dem Stiegenaufgang nicht mehr öffnen. Ab dem zehnten Stockwerk fällt der Putz von der Wand. Dabei ist gerade von hier die Aussicht überwältigend. Auen, wie eine Urwaldlandschaft. Der Wind reißt an meinen Haaren.
In diesen vier Hochhäusern waren also bis vor ein paar Jahren Flüchtlinge untergebracht, die um Asyl angesucht hatten. Die Hochhäuser waren berüchtigt. Ein Bekannter von mir hat hier eine Supervision durchgeführt, bei der es beinahe zu einer Messerstecherei gekommen wäre, eine Freundin, die im Sozialbereich tätig ist, erzählte von unverantwortlichen Wohnverhältnissen ohne jede Sensibilität für die Herkunft der Menschen. Mitglieder verfeindeter afrikanischer Stämme seien hier in einem Stockwerkuntergebracht gewesen, ebenso Serben, Bosnier und Kroaten, Polen und Russen. Manche Familien hätten zu sechst in einem Zimmer gewohnt. So viele von Kriegen, Terror, Vergewaltigungen traumatisierte Menschen auf so engem Raum, sagte die Freundin damals, seien ein Horror.
Der Mann in blauer Arbeitskluft mit dem dicken blonden Zopf, der einzige Mensch, dem ich auf meinem Weg rund um die Hochhäuser begegne, sagt, dass hier, bevor die Ausländer angesiedelt worden seien, die Pendler- und Lehrlingsheime der VOEST untergebracht waren. Obwohl er höchstens 40 Jahre alt ist, hat er offenbar damals schon hier gewohnt. Er komme aus dem Mühlviertel, sagt er. Auf einmal habe man die Ausländer hier untergebracht. Es habe ununterbrochen Streit und Schlägereien gegeben. Man habe extra eine Polizeistation neben den Hochhäusern eingerichtet damals. „Haus 1“ sei das der Afrikaner gewesen, „Haus 2“ das der „Jugos“, „Haus 3“ das der Polen, „Haus 4“ gemischt plus Inländer. Nur das „Haus 4“ sei heute noch bewohnt. Nach der Privatisierung der VOEST hätten verschiedene Firmen Stockwerke für ihre Pendler angemietet. Nach Auflösung der Hochhäuser als Asylantenwohnheime seien die Ausländer auf ganz Oberösterreich verteilt worden.
Mit 14 hatte ich ganz kurze Haare und war dünn wie die Twiggy. In Traun, Wiener Straße, Kremstalstraße, sind meine Schulfreundin und ich zu unserem ersten Five o'Clock Tea gegangen. Es war ein Tanzcafé. Die Farbe Rosa dominierte. Ich wurde lange von niemandem aufgefordert. Wurde ich von niemandem aufgefordert? Vielleicht täusche ich mich ja. Und es gab gar kein Tanzcafé in Traun, und es gab auch die Schulfreundin nicht, und ich hatte auch nie kurze Haare. Vielleicht waren meine Eltern, wie ich damals, mit 14, sowieso vermutete, ja gar nicht wirklich meine Eltern, und ich bin in Wirklichkeit eine ganz andere, als ich bin. War diese Schulfreundin die Erste, die das Spiel von der Macht mit mir spielte? Liebst du mich wirklich und wahrhaftig? Und war sie, wie alle, die das Spiel von der Macht spielen, eine schwer Verletzte? Aber inwiefern?
Es heißt, München sei ein großes Dorf.Ich habe diese Ansicht übernommen. Meine Halbschwester wohnte in München, und es hat mich immer gewundert, dass eine so große Stadt so unaufregend sein kann. Linz-Kleinmünchen ist ein kleines Dorf. Aber wie in allen Dörfern und Gemeinden in Österreich ist man bemüht, aus einem Dorf oder Ort einen hässlichen Vorort zu machen. Das Zentrum des alten, ursprünglichen Kleinmünchen ist nicht mehr auszumachen zwischen all den Banken, Einkaufszentren, Handelsketten und Baustellen. Ich verfahre mich dauernd. Der Ort wird buchstäblich umgegraben zum Vorort.
Der Waldfriedhof, „Stadtfriedhof St. Martin“, wie er offiziell heißt, obwohl er eben nicht in der Stadt liegt: Hier wollten meine Eltern begraben werden. Wegen des Waldes. Und wegen der Ruhe. Sie haben bereits zu Lebzeiten ein Grab für zwei Urnen gekauft und ihre Namen und das Geburtsdatum in die Grabplatte meißeln lassen. Alle zehn Jahre muss ich das Grab wieder mieten, sonst werden meine Eltern ausgegraben und die Urne kommt in ein Sammellager. Falls die Asche nicht einfach in der Aschenlade landet und die gereinigten Urnen womöglich wieder in Umlauf kommen.
Ich bin im Jahr nach dem Tod meiner Mutter nach Linz zurückgekehrt. Meine Eltern haben sich darum gesorgt, was die anderen, Lebenden, von ihrer Tochter halten würden, wenn sie ein verwahrlostes Grab der Eltern sähen. Ich habe einen Spezial-Grabpflegekoffer für €103 gekauft.
Mit dem Auto geht es schnell, ich fahre immer den gleichen Weg zum Grab meiner Eltern: Unionstraße, dann links in die Landwiedstraße und rechts in die Salzburger Straße. Es ist überall das Gleiche. Sobald ich die Kernzone Linz verlasse, lande ich abrupt in hässlich verbauten, halbindustriellen Vorstädten. So, als wäre den Menschen die Ausdehnung ihres Lebensraums über den Kopf gewachsen. Im Grunde ist es Wildwuchs. Hauptsache, alles Hässliche ist draußen aus dem Stadtkern. Und hässlich ist heute das Nützliche. Wenn ich da an die alten Spinnereien von Kleinmünchen und Traun denke, da war es genau umgekehrt. Das Nützliche war das Schönste. Es ist so, als wollten wir heute die Fabriken, Büros und Einkaufsmärkte unsichtbar machen, als wäre längst alles Notwendige virtuell und nur der Luxus real. An der Salzburger Straße entlang also: Happy shopping, Baumax, Maximarkt, Lidl, Merkur, Hofer, Conrad, Saatgut Linz (ein großer Komplex), Eduscho, Libro, Fussl, Autohändler (Audi), Waschanlagen. Als Wohngegend ist die Salzburger Straße schrecklich, trotzdem stehen überall zwischendurch Hochhäuser mit Fenstern an der mittlerweile stark befahrenen, inzwischen zur Welser Straße gewordenen Ausfallstraße. Der Waldfriedhof liegt links und ist groß. Wahrscheinlich eine grüne Lunge für diese Gegend, gedüngt von seinen Toten. Ich parke gleich zu Beginn des Waldfriedhofs neben einem Schild mit einem durchgestrichenen Hund, da habe ich nur ein paar Schritte zu den Urnengräbern. Ich habe eine elektrischeKerze mit Batterien dabei, die bis zu drei Monaten flackert wie eine echte Kerze. Ich setze mich auf die Bank vor dem Grab und rauche. Eine alte Frau mit blau-weiß getupftem Kopftuch schleppt eine viel zu große Gießkanne. Sie geht gebückt und scheint mit der Gießkanne zu sprechen.
Ich folge ihr. Sie überquert eine Straße, biegt in eine Seitengasse ein, und auf einmal stehe ich vor dem Elternhaus meiner Schulfreundin. Es gibt keinen Zweifel, hier ist es! Auf einem kleinen Schild an der Gartentür steht immer noch ihr Nachname. Ein Kreis schließt sich. Ich bin vor mehr als 40 Jahren an dem Grab meiner Eltern, das es damals noch nicht gab, vorbeigegangen, wenn ich vom Elternhaus meiner Schulfreundin zum Bus nach Linz gegangen bin.
Ich fahre durch das Nadelöhr Linz-Ebelsberg. Auf Höhe der Ebelsberger Kaserne biege ich rechter Hand in einen Güterweg ein, der zum Ebelsberger Wald führt. Mir ist mulmig, als ich das Auto abstelle und zu Fuß in den Wald einbiege. Der Ebelsberger Wald beziehungsweise der Schiltenberg, zu dessen Füßen ich mich befinde, ist ein besonders finsterer Wald. Aber vielleicht liegt es ja auch nur an dem Wetter, es ist grau und regnerisch. Die Wege sind nicht gekennzeichnet. Gleich nach der zweiten Weggabelung habe ich die Orientierung verloren. Mich wundert es, welche Panik das in mir auslöst. Ich verlasse den Weg und versuche, durch das Gestrüpp zum Auto abzukürzen.
Kletten bleiben an meinem Mantel und besonders an dem langen roten Seidenschal haften. Die Panik wächst, als ich eine Mulde mit weichem Gras durchquere. Jetzt schwitze ich, und zugleich sind meine Handflächen eiskalt. Jenseits der Mulde ist zwar Brombeer- oder Himbeergestrüpp, aber Gott sei Dank lichtet sich der Wald etwas, ich sehe eine Wiese durchschimmern. Als ich hinter mir etwas rascheln höre, beginne ich zu laufen. Ich reiße Gestrüpp und weitere Kletten mit. Als sich der Wald öffnet, sehe ich gleich mein Auto. Dort laufe ich hin, schnappe nach Luft, starte mit zittrigen Händen und fahre los. Da mir die Tränen übers Gesicht laufen und ich fast nichts mehr sehe, parke ich unten an der Hauptstraße. Ich denke plötzlich, ich hätte nicht hierherfahren dürfen. Nach drei Zigaretten habe ich mich wieder beruhigt.
In meiner Kindheit wurden wir ständig vor dem Ebelsberger Wald gewarnt. Es lägen dort noch unentschärfte Bomben herum, in „Trichtern“. Ich habe versucht, im Internet Informationen darüber zu finden, vergeblich. Außer, dass am 3. Mai 1809 bei Ebelsberg ein schweres Gefecht mit Napoleon stattfand, das für die österreichischen Truppen verheerend endete, und dass Munitionslager am Ebelsberger Schiltenberg angelegt wurden, wofür zwischen 1938 und 1942 Kaufverträge vorliegen, und dass es ebendort Schächte und Bunkeranlagen gebe. Ach ja, und: Aus dem Jahresbericht 1967 der Polizei Linz an die Staatsanwaltschaft ist zu entnehmen, dass ein Josef F. (jawohl, der Josef F. mit dem Amstettener Kellerverlies) am 4. September 1967 in Linz-Ebelsberg versuchte, eine junge Frau in den Wald zu zerren und zu vergewaltigen. (Das könnte während der Zeit gewesen sein, als Josef F. seinen Präsenzdienst in der Bundesheerkaserne ableistete.)
Alle Warnungen waren also berechtigt. Der Ebelsberger Wald – beziehungsweise der Schiltenberg – erstreckt sich auf rund 555 Hektar südlich zur Ebelsberger Kaserne, die im Zweiten Weltkrieg stark bombardiert wurde. Nördlich von ihm verläuft jetzt die Westautobahn. Und gerade die Trichter, denen man ja nicht ansieht, dass sie Bombentrichter gewesen sind, sind weiche Grasmulden, ideal als Verstecke, sowohl für Kinder als auch für Liebespaare. Eine Zeit lang gehörte es zu den Mutproben, mindestens durch fünf Trichter zu laufen.
Der erste Tod meiner Eltern muss vor den Mutproben gewesen sein, aber nach den Warnungen. Eines frühen Sonntagnachmittags brachen sie zu einem Spaziergang im Ebelsberger Wald auf. Ich war verkühlt und musste ausnahmsweise nicht mit. Mir wurde zum Nachmittagskaffee eine Marzipankartoffel versprochen, die sie auf dem Rückweg kaufen wollten. Ich muss damals fünf oder sechs oder sieben Jahre alt gewesen sein, jedenfalls konnte ich noch nicht richtig lesen und schreiben. Ich spielte mit meinen Puppen. Ungefähr um vier Uhr Nachmittag erwartete ich meine Eltern zurück. Aber sie kamen nicht.
Ich dachte sofort an die Bombentrichter im Ebelsberger Wald. Es wurde fünf und dann sechs Uhr. So lange hatten mich meine Eltern noch nie alleine gelassen, und es war klar, dass irgendetwas Außergewöhnliches passiert sein musste. Ich versuchte mir einzureden, sie hätten Bekannte getroffen oder säßen in der Konditorei, in der sie mir eine Marzipankartoffel kaufen wollten, und tränken noch schnell Kaffee. Um halb sieben Uhr begann es zu dämmern. Die folgenden Stunden gehörten zu den schrecklichsten meines Lebens. Ab halb sieben Uhr war der Gedanke, dass meine Eltern sich im Ebelsberger Wald verirrt hatten und in der Dämmerung in einen Bombentrichter geraten waren, nicht mehr zu verdrängen. Ab sieben Uhr war es dann für mich Tatsache: Meine Eltern waren tot, zerrissen von einer nicht entschärften Bombe. Da meine Verwandten alle schon steinalt waren, war ich sicher, in einem Waisenheim zu enden. Daraufhin muss ich einen Nervenzusammenbruch erlitten haben.
Als meine Eltern um acht Uhr abends heimkamen – sie hatten sich tatsächlich im Ebelsberger Wald verirrt und waren nach stundenlangem Im-Kreis-Gehen schließlich auf ein erleuchtetes Haus gestoßen –, da hörte ich schon die Türglocke nicht mehr läuten. Meine Eltern hatten nämlich überdies den Schlüssel vergessen. Nachher erzählten sie mir, dass sie lange geläutet, gegen die Tür getrommelt und meinen Namen gerufen hätten.
Ich habe meinerseits nach wie vor nur in Erinnerung, dass ein Mörder in unsere Wohnung hatte eindringen wollen. Schließlich gelang es dem Sohn unserer Nachbarn, mich von seinem Balkon aus durchs Fenster zum Öffnen der Tür zu bewegen. Als meine Elternhereinkamen, konnte ich nicht mehr sprechen, bekam kaum Luft und hatte 40 Grad Fieber. So ist es gekommen, dass ich den Tod meiner Eltern schon als Fünf-, Sechs-, Siebenjährige erlebt habe. Als Kriegsfolge. ■
("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.02.2009)