Europa, auch das imaginäre

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Karl-Markus Gauß über seine Erforschung untergehender Kulturen.

Die Presse: In Ihrem neuesten Buch schreiben Sie über Assyrer, Zimbern und Karaimen. Wird man melancholisch, wenn man viele Jahre in Europa aussterbende Völker besucht?

Karl-Markus Gauß: Ich bin immer begeistert, wenn ich die eigenartigsten Menschen treffe: Die möchten noch etwas bewahren, obwohl sie wissen, dass sie damit keinen Staat mehr machen. Ich habe eine ererbte Sympathie für Scheiternde. Es ist nicht Aufgabe der Literatur, Siegernaturen noch einmal zu feiern. Man soll denen Gerechtigkeit widerfahren lassen, die vom Sturmwind der Geschichte an den Rand gedrängt wurden. Die Nationalitäten, die ich besucht habe, sind lebensweise, strahlen eine gewisse Melancholie aus, aber auch Lebensheiterkeit.

Heiter geht es also in den Untergang?

Gauß: In meinen bisher vier Büchern, die von um ihre Existenz kämpfenden Minderheiten handeln, fällt ein Text stark heraus; der über die Assyrer in Schweden. Ausgerechnet im Exil denken diese orientalischen Christen daran, eine Nation zu gründen. In Schweden ist Christsein kein identitätsstiftendes Merkmal. Die Assyrer haben aber dort entdeckt, dass sie ihre eigene Sprache und Tradition haben. Ohne Territorium bilden sie eine Nation, auf virtueller Ebene.

In Södertälje südlich von Stockholm sind von 60.000 Einwohnern 40.000 Assyrer.

Gauß: Man hat dort das Gefühl, in einer orientalischen Stadt zu sein, nur laufen die Frauen nicht mit Kopftuch, sondern mit Minirock herum. Die Männer haben alle ein Kreuz umgehängt. Diese Flüchtlinge aus dem Libanon, Iran, der Türkei kultivieren einen levantinischen Lebensstil. Sie waren einst als Christen jahrhundertelang einigermaßen wohl gelitten, da der osmanische Staat religiös teilweise sehr tolerant war. Dann kamen die Laizisten und reduzierten die Bevölkerungsgruppe der Christen von 25% im gesamten Osmanischen Reich auf 0,01%.

Geben Sie also dem Papst recht, der immer wieder auf die missliche Situation der Christen im Nahen Osten hinweist?

Gauß: In gewissem Sinne schon, und gegen meine frühere Borniertheit, weil ich intellektuell eher atheistisch bin. Ich habe mich lange der Einsicht verweigert, dass derzeit die größten Religionsverfolgungen die gegen Christen sind. Sie sind in vielen Ländern unterdrückt, werden auch massakriert. Dort, wo man sie gerade noch duldet, müssen sie in sehr kleine Gemeinden flüchten, wo der Kirchturm nicht zu sehen sein darf.

Wie bereiten Sie sich auf diese Reisen vor?

Gauß: Ziemlich akribisch. Ich lese Bücher, auch schöne Literatur. Aber wenn ich dort bin, mit einem Haufen Adressen, muss ich die Hälfte von dem, was ich gelernt habe, wieder vergessen, damit ich nicht eine Illustration dessen schreibe, was ich ohnehin wusste. Die Welt ist meistens ganz anders, als ich es mir vorgestellt habe. Meine literarische Hauptfähigkeit ist die, dass ich privat sehr ungeduldig, dort aber irrsinnig geduldig bin. Das ist meine Arbeitshaltung. Ich gehe in ein Wirtshaus – keiner spricht mit mir. Ich gehe zum Dorfbrunnen. Nichts. Aber wenn es schon schmerzt, bleibt vielleicht eine alte Frau stehen und fragt mich, was ich hier mache.


War das Kennenlernen bei den Zimbern, einer deutschen Sprachinsel in Italien, leichter?

Gauß: Die Zimbern sind liebenswürdig. Sicher gibt es sie in 20 Jahren nicht mehr. Es gibt nur bis zu zwölf Leute in einem Ort, die das Zimbrische einigermaßen beherrschen. Nur in einem Dorf, Lusern, sind 350 von 400 Einwohnern Originalzimbern. Die sprechen das noch auf der Straße. Aber sonst herrscht die Melancholie der Erinnerung. Der 86-jährige Postbeamte, der am Ende ein Wörterbuch geschrieben hat, meinte: „Aussterben? Wir haben doch jetzt ein Wörterbuch!“ Ins Wort sind die Zimbern gerettet.

Es heißt, „Die fröhlichen Untergeher von Roana“ sei Ihr letztes Buch über Minderheiten.

Gauß: Das Projekt ist damit beendet. Ich habe Material für 40 Volksgruppen in Europa gesammelt. Jetzt ist es so weit, dass die Minderheiten einander strukturell ähneln.

Sie haben dadurch auch Erfahrung mit Assimilation, mit Asyl. Welche Modelle funktionieren, und wie bewerten Sie Österreich?

Gauß: Eher schlecht. Eine schlechte Einwanderungspolitik beraubt uns aber so vieler Möglichkeiten. Flüchtlinge kommen nicht aus Jux und Tollerei. Bevor man von zu Hause weggeht, hat man ja dort etwas erlitten, jetzt hat man den Biss, dass man sich etabliert. Da wurde bisher viel versäumt, aus ideologischer Blödheit oder aus Verblendung. Für diese Kinder muss ein viel stärkerer Sprachunterricht in Deutsch her. Trotzdem sollte ab dem Kindergarten akzeptiert sein, dass man Deutsch besser lernt, wenn man auch die Muttersprache beherrscht.

In Ihrem Buch zitieren Sie den Satz von Isaiah Berlin, jede Nation werde von Menschen gebildet, die sich in einem gemeinsamen Irrtum über ihre Herkunft befänden. Was sind die großen Irrtümer hier in Österreich?

Gauß (lacht): Der große Irrtum ist der, dass die Österreicher über ihre Herkunft gar nicht reden. Wir wissen natürlich, dass ein großer Prozentsatz der Österreicher in der Monarchie in anderen Nationalitäten seine Wurzeln hatte und von Wien angezogen wurde. Diese Menschen haben dann genau das gemacht, was Zuwanderer machen: Sie waren extrem tüchtig. Was wäre Wien ohne die tschechischen Arbeiter, die um 1890 gekommen sind und die Ringstraße und viel mehr gebaut haben? Nur, sie vergessen es eben, um beflissen den Aufstieg zu vollziehen. Die Sprache hat aber eine bessere Erinnerung als die Menschen. An den Namen kann man es natürlich noch erkennen. Von Klestil bis Cap.

Das gilt im Besonderen auch für Kärnten.

Gauß: In Kärnten ist es fast traumatisch: 1910 gab es eine Volksabstimmung, da waren 120.000 Slowenen, dann 46.000, und bei der nächsten – sollte es eine geben – werden es wohl nur noch 7000 sein. De facto stirbt diese Volksgruppe aus. Trotzdem kann man gegen sie mobilisieren. Bei den herkunftsmäßigen Slowenen wurde irgendwann der Wechsel zur deutschen Nationalität vollzogen. In ihnen drinnen bleibt ein Hauch von schlechtem Gewissen – den Großvater verrät man nicht. Deshalb muss ich erst recht drauf prügeln, um mir das selber auszutreiben. Unser größter Kriegsverbrecher war Odilo Globotschnig. Die Namen sind genial: Odilo ist germanisch, und Globotschnig hat er in seiner Karriere fünfmal anders geschrieben, gleichzeitig die Säuberung von den Slowenen durchgeführt. Es gibt den gleichen Prozess bei den Slowenen. Einer ihrer großen Nationalisten im 19./20.Jahrhundert hat Gottfried Schnuderl geheißen. Er hat sich mit S und Há?ek geschrieben.

Was kommt jetzt, nach Abschluss dieses Projekts? Welches Buch reizt Sie?

Gauß: Ich werde weiter Tagebuchjournale schreiben. Im Herbst 2010 wird das erscheinen, was man mein Opus magnum nennen kann. An diesem Buch arbeite ich schon zwei, drei Jahre. Das wird alles enthalten, wofür ich stehe – ganz Europa, auch die imaginären Teile dieses Kontinents, jene, die sich nicht ganz durchgesetzt haben.

ZU PERSON UND WERK

Karl-Markus Gauß hat seine Reportagen, die ihn zu Minderheiten in ganz Europa führten, in vier Büchern zusammengefasst. Der abschließende Band ist im Februar erschienen: „Die fröhlichen Untergeher von Roana“ (Zsolnay, 160 Seiten, € 18,40). Der 1954 in Salzburg geborene Autor zählt zu den wichtigsten deutschsprachigen Essayisten, ist Herausgeber der Zeitschrift „Literatur und Kritik“. [APA]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.02.2009)

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