Neoliberalismus ist heilbar

Im Sprachsupermarkt meines Vertrauens habe ich Freitag um eins nach Restposten von Wörtern gesucht, aus denen sich ein belebendes „Gegengift“ fertigen ließe.

Ich musste feststellen, dass nach einer anstrengenden ideologischen Woche, die ich anfangs noch unbelastet von News aus Wien, Paris oder Rom am Erzberg auf Skiern verbringen konnte, die schönsten Markenwörter ausverkauft waren. Ganze Regale mit „Weihbischof“, „verstockt“ und „schwul“ waren leer geräumt, als ob linke Laien und rechte Priester, die mit den Fersen zum Volk die Messe zelebrieren, gemeinsam Hamsterkäufe organisiert hätten. Sogar „Seibersdorfer“, „Neonazi-Sau“ und „Politjustiz“ waren aus. „Tridentinum“ und „Denkmalschutz“ würden erst am Samstag wieder lieferbar sein, hieß es freundlich.

Gott sei Dank aber gibt es die USA. Dort findet man immer Stoff. Aus Ohio ereilte mich gerade rechtzeitig das „World Press Photo“ des Jahres. Es sprach Bände. „Wurde denn bei unserem Faschingsfest im Feuilleton heimlich fotografiert, oder sind gar die Streitereien in der geschützten Werkstätte des ORF am Küniglberg eskaliert?“, dachte ich mir im ersten Schreck. Doch der Text unter dem Siegerbild von Anthony Suau klärte mich über eine konsequente Delogierung auf: „US-Wirtschaft in der Krise: Nach einer Räumung muss Kriminalbeamter Robert Kole sicherstellen, dass die Bewohner ihre Räume in Cleveland tatsächlich verlassen haben.“

Das führt mich jetzt ins Grundsätzliche. So also sieht eine Gebäude aus, in dem George W. Bush junior acht Jahre lang Hausmeister war. Wer also ist dieser Herr Bush? Für die Jüngeren, die sich nicht mehr erinnern können und alle Schuld am Elend dieser Welt recht bald US-Präsident Barack Obama zuschieben werden: Bush war jener verstockte, fundamentalistische Republikaner, der den freien Markt predigte, zugleich aber Schulden machte wie der ärgste New Dealer. Er zelebrierte sein Amt aus Prinzip mit dem Hintern zur Welt.

Deshalb schaut es heute in manchen Gegenden der USA so unheilbar krank aus wie in Bagdad. Deshalb erübrigt sich auch die in dieser globalen Krise fast theologisch anmutende Frage, ob Neoliberalismus heilbar sei. Er kränkelt, weil er sich bei den übelsten Fremdenlegionären schwer infiziert hat und dadurch in Verruf gebracht worden ist. Liberalismus mit menschlichem Antlitz ist an sich keine Schande, man sollte auf diese tapfere Idee ebenso wenig verzichten wie auf soziale oder konservative Werte. Weder in den USA noch hier oder gar in Rom.


norbert.mayer@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.02.2009)

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