Wien barrierefrei? „Irgendwie“

(c) Die Presse (Clemens Fabry)
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Wie kommt man im Rollstuhl in Wien voran? Busfahren ist mühsam, Behinderten-Eingänge oft schwer zu finden, WCs zu eng. „Man fühlt sich oft als Bittsteller“, sagt Maria Grundner, die im Rollstuhl sitzt.

Erst mal so tun, als ob nichts wäre. Die junge Frau, die da bei der Haltestelle in der Herrengasse in ihrem Rollstuhl sitzt, übersieht der Busfahrer der Linie 3A, oder er will sie nicht sehen. Er ahnt wohl: Die bedeutet Arbeit.

„Entschuldigung, könnten Sie bitte die Rampe legen?“, ruft sie plötzlich. Jetzt geht das mit dem Ignorieren nicht mehr. Der Busfahrer steht auf, kippt eine silberne Rampe aus der Fahrertür auf den Gehsteig. Und lächelt sogar nett. Geht ja doch. Die Frau im Rollstuhl, Maria Grundner, lächelt zurück, und lässt sich von ihrer Helferin ins Businnere schieben. Die meisten anderen Fahrgäste wissen nicht, wie sie reagieren sollen: Die einen schauen auffällig nicht hin, die anderen beobachten Grundner ein bisschen zu penetrant. Einen Menschen im Rollstuhl beim Busfahren sieht man nicht jeden Tag.

Das hat einen Grund. Als Rollstuhlfahrer „versucht man unangenehme Situationen zu vermeiden“, sagt Grundner, während der 3A-Bus durch die City fährt. Das Einsteigen in den Bus sei so ein Beispiel dafür, dass „man sich oft als Bittsteller fühlt. Das ist natürlich sehr schlimm“, sagt sie, und wirkt kurz erschöpft und nachdenklich. Einer der wenigen solcher Momente an diesem Nachmittag.

Warten auf den Ulf

Denn die meiste Zeit über gibt sich die 27-Jährige fröhlich, selbstbewusst. Erzählt von den kleinen und großen Hürden, die man als Rollstuhlfahrer in der Stadt bewältigen muss. Es klingt nicht anklagend, vieles funktioniere gut, sagt sie. Dass schon jede dritte Straßenbahn eine barrierefreie Ulf-Garnitur sei, etwa. Man könnte auch sagen: Nur jede dritte. Es dauert, bis am Schwarzenbergplatz (wo der Busfahrer die Rampe zum Aussteigen ungefragt ausgeklappt hat) endlich eine Ulf-Garnitur kommt. Es ist kalt, wahrscheinlich friert Grundner, die beim Warten nicht auf und ab gehen kann, noch mehr. „Die“, sagt Grundner und deutet auf einen 2er der alten Garnitur, der mit seinen steilen Stufen so ziemlich das Gegenteil von Barrierefreiheit darstellt, „die lassen wir lieber aus.“

Zeit, die braucht man, wenn man mit dem Rollstuhl unterwegs ist. Zeit, und oft auch Hilfe. Der Bankomat am Stubentor unweit ihres Arbeitsplatzes etwa, ist, wie die meisten anderen, zu hoch. Maximal 1,10 Meter darf die Höhe betragen, damit man den Bankomaten (oder einen Ticketautomaten, eine Klingel) im Rollstuhl erreichen kann. Zu hoch sind oft auch Verkaufspulte in Geschäften oder Banken. „Da sieht man nicht drüber. Oft wird man dann unbemerkt in der Menschenmenge stehen gelassen.“

Hürden auch vis-à-vis beim Museum für angewandte Kunst (MAK). Vor dem Museumseingang, wie auch vor dem Aufgang zum Restaurant „Österreicher“: Überall Stufen. Grunder blickt ein wenig hilflos einer Frau nach, die die Stiegen hinauf ins Lokal nimmt. Für sie undenkbar. „Die signalisieren damit, dass sie nicht wollen, dass man mit dem Rollstuhl reinkommt“, sagt sie.

Wenn sie wollte, könnte sie hier trotzdem essen. Im Museum gibt es einen rollstuhltauglichen Zugang zum Lokal. Dafür muss Grundner auf die Rückseite des Gebäudes. Der Weg ist alles andere als optimal: Bergab (!) über Kopfsteinpflaster (!) zwischen Lieferwagen zum Personaleingang, der auch für die Rollstuhlfahrer gedacht ist. Nur steht das nirgendwo. „Eigentlich“, meint sie, „ein schlechtes Beispiel für ein Museum. Die meisten sind relativ gut durchdacht.“ (Details im „Wien Barrierefrei entdecken“-Führer, siehe Infokasten).

Schwierig seien oft auch Lokalbesuche. Das Restaurant, sagt Grundner und deutet auf das „Max“ gegenüber, habe vor dem Eingang Stufen. „Die haben hinten ein Rampe, die sie extra holen müssen“. Das sei „mühsam“. Andere Cafés hätten zwar einen stufenlosen Eingang, dafür sei das WC zu schmal für den Rollstuhl. „Irgendwie barrierefrei“ nennt das Grundner, und dafür fallen ihr viele Beispiele ein. Bei Neubauten etwa werde häufig eine Rampe miteingeplant. Dass dann oft direkt danach eine schwere Doppeltür das Weiterkommen für Körperbehinderte unmöglich macht, wird nicht bedacht. Barrierefrei zwar. Aber irgendwie.

Oder auch gar nicht. Shoppen auf der Mariahilfer Straße vermeidet Grundner, sagt sie, weil sie bei vielen Geschäften jemanden brauchte, der ihr die Türe aufhält. Daher weicht sie lieber auf die meist barrierefreien Einkaufszentren aus. Bis 2016 müssen sämtliche Gebäude für Behinderte problemlos zugänglich sein, so will es das Behindertengleichstellungsgesetz. Grundner, die beruflich Architekten und Ämter bei barrierefreien Planungen berät, bezweifelt, dass das zeitgerecht erreicht wird. „Viele Großunternehmen hätten längst beginnen müssen.“ Haben sie aber nicht. Auch hier: So tun, als ob nichts wäre.

BARRIEREFREIES WIEN

„Wien barrierefrei entdecken“ heißt ein Stadtführer, der barrierefrei zugängliche Hotels, Lokale, Museen etc. auflistet. Die neue Ausgabe wird morgen, Dienstag (14-16 Uhr), in der „Österreichischen Arbeitsgemeinschaft für Rehabilitation“ (1., Stubenring 2) präsentiert. Das Buch liegt dort zur freien Entnahme auf.

Der Wienführer wurde vom Arbeitsintegrationsprojekt ITS Wien produziert: Die Vermessungen von Eingängen, Behinderten-WCs, etc. wurden von Menschen, die auf dem Arbeitsmarkt schwer vermittelbar sind, durchgeführt.
Infos: www.oear.or.at

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.02.2009)

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