Schnellauswahl

Mit den Wölfen gegen die Kirche heulen

Trotz der Krise ist die Kirche immer noch ein Anker der Vernunft und Barmherzigkeit in der westlichen Gesellschaft. Gerade auch in der Figur des Papstes.

Das war ein Vorgang, den man so noch nicht erlebt hat: Zwei Bischöfe schreiben fast zugleich einen öffentlichen Brief: Egon Kapellari von Graz ein „Hirtenwort“ an alle Gläubigen seiner Diözese, der Erzbischof von Wien, Christoph Schönborn, schreibt den Mitarbeitern seines Hauses und schüttet ihnen gewissermaßen sein Herz aus. Schönborn spricht von „Vorgängen, die Kopfschütteln, Trauer, Empörung und Unverständnis auslösen“. Kapellari sagt, was aus seinem Munde ein besonderes Gewicht hat, weil man weiß, wie gut er auch persönlich mit dem Papst steht, dass dieser „einen Fehler gemacht hat“. In flehendem Ton bitten sie die Katholiken in der Steiermark und die kirchlichen Mitarbeiter in Wien, sich nicht aus der Fassung bringen zu lassen.

Schönborn und Kapellari suchen das wohlfeile Wort von der Kirchenkrise zu vermeiden, das jetzt allen so leicht über die Lippen geht. Aber beiden steckt wohl die Erinnerung an die Achtziger- und Neunzigerjahre in den Knochen, als „wir unvermeidbare und vermeidbare kirchliche Probleme miterlitten und auch mitüberwunden haben“, wie Kapellari es ausdrückt. Ist womöglich alles schon einmal da gewesen? Déjà-vu sozusagen, immer dasselbe mit der Kirche? Die beiden fürchten, dass es wieder so kommen könnte, weil sie wissen und es jeden Tag lesen können, dass es genug Leute außerhalb der Kirche und auch nicht wenige innerhalb gibt, die sich klammheimlich oder ganz offen wünschen, dass es wieder so kommt. Die „Progressiven“, um die es in letzter Zeit ja still geworden ist, hätten dann wieder eine Aufgabe.

Konfrontiert werden die Bischöfe in diesen Tagen freilich nicht nur mit einem Fehler des Papstes, sondern auch mit eigenen Führungsproblemen, wie sie bei der Ernennung von Gerhard Maria Wagner zum Weihbischof von Linz wieder evident geworden sind. Das erste davon ist, dass es überhaupt so wenig Führungsnachwuchs in der Kirche gibt, dass man auf einen Quereinsteiger aus Windischgarsten verfällt, um ihn dem Bischof von Linz beizustellen, der mit seiner Aufgabe überfordert scheint.

Der Erwählte verbindet einen oberösterreichischen Sturschädel mit einer gewissen Cleverness und ist ganz so dumm auch wieder nicht. Neben dem theologisch und ethisch peinlichen Unsinn über Katrina und Tsunami als Strafen Gottes – keine ganz so neuen Figuren im religiösen Denken übrigens – hat er aber auch die ganz richtige Diagnose angestellt, dass in Oberösterreich – und nicht nur dort – eine Tendenz zur Laisierung des Priestertums und zur Klerikalisierung der Laien herrsche. Letztlich geht es dabei um die für die katholische Kirche unaufgebbare Exklusivität des Weihepriestertums.

In der „wunderbaren und pastoral mutigen Diözese Linz“ (ist Kärnten etwa nicht wunderbar? Oder Tirol? ), wie Paul Zulehner schreibt, kann man das allenthalben besichtigen: Eine Pastoralassistentin feiert die Messe, der Priester verfolgt das Geschehen aus der ersten Bankreihe und bemüht sich dann zur Wandlung für kurze Zeit an den Altar. Und da das Messelesen am Sonntag auch unter diesen Umständen so anstrengend ist, braucht der Pfarrer einen freien Sonntag im Monat. Aber zu glauben, mit einem Wagner könne man die Probleme in Oberösterreich überwinden, ist sträflich leichtsinnig.

 

Papst Benedikt – ein Weltdenker

Jetzt mit den Wölfen gegen die Kirche zu heulen ist keine Kunst und erfordert weder große intellektuelle Mühe noch sehr viel Mut. Die Verächter der Kirche und des Glaubens, die meinen, wenn man diese nur endlich beiseitegeräumt oder sie sich selbst bald beseitigt hätte, wie es ja den Anschein hat, werde das lichte Zeitalter der Liberalität und allgemeinen Menschenliebe anbrechen, täuschen sich: Der Verlust der Kirchenbindung hat ja hauptsächlich eine Unzahl von Obskurantismen hervorgebracht und nicht etwa eine vom Öl der Sanftmut und Toleranz glänzende Gesellschaft.

Aus Anlass der überraschenden Einblicke in den Islam-Unterricht könnte man sich einmal vergewissern, was diese Gesellschaft etwa am katholischen, evangelischen, israelitischen Religionsunterricht hat, von dem manche gemeint haben, jetzt sei eine günstige Gelegenheit, ihn aus der Schule zu verdrängen. Ganz abgesehen davon, dass dort nirgends demokratiegefährdende Inhalte verbreitet werden, trägt dieser Unterricht wesentlich dazu bei, Glaubenseinstellungen und Werthaltungen zu vermitteln, von denen die gesamte Gesellschaft lebt.

Generös konzedieren die Kommentatoren jetzt dem Papst, er sei zwar ein „großer Theologe“, aber kirchenpolitisch ein Reaktionär, der so etwas wie eine konservative Gegenreformation im Sinn habe, und sie nehmen dafür die Fälle Piusbruderschaft und Linz als jüngste Beweise. Unbestritten ist, dass er sein Umfeld suboptimal organisiert hat, aber das braucht einem nicht die Sicht auf die Bedeutung dieses Manns als Weltdenker zu verstellen. Von der Regensburger Rede haben manche leichtfüßigen Kritiker wohl gehört, sie aber wohl nie gelesen. Dass dieser Papst eine Theologie vertritt, wie Gott sich gewissermaßen der Vernunft unterwerfen lässt, und so den kühnsten Brückenschlag zwischen Glauben und modernem Denken gemacht hat, wird übersehen.

Und zum Anlassfall der Kritik: Es war ausgerechnet der Theologe und Präfekt der Glaubenskongregation, Ratzinger, der den Brückenschlag zum Judentum und die Anerkennung Israels durch den Vatikan gefördert hat. An seiner Haltung zur Shoah ist kein Zweifel anzubringen. Das haben seine jüdischen Freunde schneller anerkannt, als es seine europäischen Kritiker bemerkt haben.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.02.2009)