Das Schauspielhaus Hamburg mit Johann Wolfgang Goethes „Faust I“ zu Gast in Wien: höchst anschauliches Spiel. Joachim Meyerhoff ist Mephisto Superstar.
Diese Inszenierung von „Faust I“ wird der neue Burgtheater-Direktor Matthias Hartmann mit seiner Eröffnungsregie im kommenden Herbst nur schwer überbieten können: Am Wochenende war Regisseur Jan Bosse mit seiner gut vier Jahre alten Interpretation aus Hamburg in Wien zu Gast. Seine Stars Joachim Meyerhoff als Mephistopheles und Edgar Selge als Faust boten dreieinhalb Stunden herrliches Theater.
Ermöglicht wurde dieses anschauliche, gar nicht mit der Getragenheit des Klassikers behaftete, sondern zum Lachen und Weinen reizende Spiel durch einen Kunstgriff. Stéphane Laimé hat die Vierte Wand eingerissen. Auf der großen Bühne des Burgtheaters wurde eine Tribüne fürs Publikum (durchsetzt auch mit Nebendarstellern) gebaut, statt der vorderen Reihen des Parketts gab es ein kleines Rund, auf dem sich das Welttheater zumeist abspielte. Sehr oft aber durchbrachen die Schauspieler diese Grenze. Es war wundervoll anzusehen, wie sie mit den Zusehern kokettierten, diese manchmal sogar ermunterten, die schönsten Sentenzen Goethes mitzusprechen.
Faust schwätzt mit den Zusehern
Die Szene beginnt nicht im Himmel, sondern direkt mit dem Teufel. Meyerhoff ist ein schwarzer gefallener Engel mit riesigen Flügeln und Kapuze, der auf der sich drehenden Planetenbahn kauert und die feierliche Einleitung, die Wette, das Wort Gottes in einer Person mit wechselnder Stimmlage spricht; eine Paraderolle für diesen wandlungsfähigen, fantastischen Darsteller. Dieser Teufel hat alles unter Kontrolle. Ein Fingerschnippen, schon verstummt die Musik oder geht das Licht aus.
Faust sitzt indes im Parkett und schwätzt mit Zuschauern, ehe er („Lass mich mal raus!“) zum ersten Wortgefecht auf die kleine Bühne klettert. Selge, der anfangs wie ein frustrierter, grauer, zynischer 68er-Soziologe wirkt, wandelt sich später zum Leipziger Ossi-Rocker, der leichtes Spiel mit der herrlichen Landpomeranze Gretchen im Minirock (Julia Nachtmann wird in ihrer Rolle immer besser) hat, er ist das passende geniale Pendant zu Mephisto. Höchstes und Niederes fügen sich zusammen, als wäre es eine schwarze Shakespeare-Komödie. Auf Bach-Choräle folgen Schnulzen, gar „Sympathy for the Devil“ von den Rolling Stones. Man darf mitsingen, als wäre es ein Fest der Volksmusik.
Die Methode, diesen schwierigen, weil bis zum Ermüden bekannten Großtext aufzuschließen, ist raffiniert einfach. Ein Beispiel: Der Text reimt sich feierlich, da blitzen die Augen des Faust, er sagt erstaunt lächelnd: „Das ist ja ein Gedicht! Ist das schön!“ Schon wird gelacht wie selten bei dieser Nationaldichtung. Bosse geht an die Grenzen des Geschmacks. Die Szene mit dem verführten Schüler (ein Kind) ist übel pädophil, Mephisto hat die rote Unterhose fast schon herunten, ehe Faust mäßigend eingreift. Er und der Teufel sind nicht nur Vertragspartner, sondern auch ein schwules Liebespaar, das sich küsst und blutig beißt.
Wagner als vorlauter Zuseher
Angenehm zurückhaltend aber sind die sonst oft verstaubten Szenen, die Hexenorgien, die Geisterbeschwörungen. Da werden die Choristen im Publikum aktiv. Sie hecheln den Teufelshund, flüstern den Erdgeist, wie ein vorlauter Zuseher meldet sich Besserwisser Wagner (Tilbert Strahl-Schäfer) mit seinen Gelehrtentiraden und reizt zum Widerspruch.
In dieser Aufführung ist das meiste im Lot, Bosse liefert Präzisionsarbeit, bis auf einige verschmerzbare Längen in den Szenen auf Bergeshöhen, als sich die Protagonisten zum Forschen in ein Zelt zurückgezogen haben. Diskret und doch vielsagend sind die Liebesszenen mit den Frauen. Regina Stötzel als Marthe Schwerdtlein treibt es mit Mephisto hoch oben in einer Prachtloge, Gretchens kurzer Akt mit ihrem geilen Heinrich wird vom Teufel unterbrochen. Alles ist öffentlich, es gibt keinen Raum für einen Rückzug. Ganz ernst wird es im Theater, als sich Gretchen zu einer Zuseherin flüchtet, sich an sie klammert: „Bitte hilf mir!“, schreit sie. Da steigert sie sich in dieser sonst etwas blassen Rolle.
Es wird ernst, „Dies Irae“ naht. Mephisto, nun im roten Anzug, nötigt Faust zur Flucht und zum Verrat an Kindsmörderin Gretchen, die irre im Gefängnis hockt, in beliebigen Zusehern, nicht aber in Faust ihren Heinrich sieht. Der ist ein Teufel, und das Stück ist bei Bosse tatsächlich eine Tragödie. Am Anfang wurde das Wort Gottes vom Teufel gesprochen, am Schluss schweigt der Herr. „Sie ist gerichtet!“, heißt es. „Heinrich! Heinrich!“, jammert die Dirn. Das erlösende „Sie ist gerettet!“ bleibt aus.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.02.2009)