Ein lustvolles Gastspiel im Landestheater Niederösterreich: Yasmina Rezas „Der Gott des Gemetzels“.
Vor gut zwei Jahren wurde Yasmina Rezas Gesellschaftskomödie „Der Gott des Gemetzels“ im Schauspielhaus Zürich uraufgeführt. Sie erhielt den Wiener Nestroy-Preis für das beste Stück des Jahres. Inzwischen ist diese Vernichtungsschlacht zweier Pariser Ehepaare omnipräsent. Im Burgtheater läuft eine köstliche Inszenierung, die beste, im Schauspielhaus Bochum gab es 2007 die Erstaufführung für Deutschland. Diese Arbeit war nun am Wochenende in St.Pölten zu Gast – und wurde ausgelassen gefeiert. Nicht nur vom Publikum. Selbst das Quartett auf der Bühne konnte sich gelegentlich das Lachen nicht verkneifen. Ein lustvoller Abend voller gemeiner Pointen.
Was ist das Raffinierte an Rezas Text? Die in Paris lebende Autorin (*1959) mixt die Plattitüden der Wohlhabenden zu einem ernüchternden Cocktail. Die banale Handlung: Véronique und Michel Houillé (Imogen Kogge und Felix Vörtler) empfangen in ihrem Wohnzimmer Annette und Alain Reille (Ulli Maier und Klaus Weiss), weil ihr elfjähriger Sohn deren gleichaltrigen Sohn mit einem Stock traktiert hatte – das Gesicht zerschmetterte, behauptet Véronique. Schaden: zwei lädierte Schneidezähne.
Nun wird in schickem Ambiente – geflochtene Sessel, ein bisschen Ethno-Look, ein kleiner Barwagen, Vasen voller Tulpen (Bühne: Bernhard Siegl) – verhandelt, und weil die vier Erwachsenen zwar der Klasse der Besitzenden angehören, aber sonst nicht viel gemein haben, ergeben sich komische Dialoge in Serie. Michel ist ein Großhändler für Hausrat, seine nur dem Schein nach fürsorgliche Frau will Afrika retten, indem sie etwa ein Buch über Darfur schreibt. Die Kontrahenten: ein Anwalt, der gerade die krummen Geschäfte einer Pharmafirma schützt, wie man aus seinen ständigen Mobiltelefonaten erfährt, eine freundliche Anlageberaterin.
Alle vier Darsteller treffen den von Reza evozierten Phänotyp genau, sie neigen dabei unter der versierten Regie von Burghart Klaußner auch zu publikumswirksamen Übertreibungen, je stärker der Rumkonsum wird. Fast ist es ein Volksstück: Der dickliche Michel kaschiert seine Verzweiflung mit Gemütlichkeit, die zuweilen in Cholerik endet. Véronique ist unerträglich gut, eine Gesinnungsterroristin, die Fundi-Härte in Kunstbeflissenheit verpackt. Annette ertränkt die Frustration einer vereinsamten, von Beruf und Familie doppelt belasteten Mutter erst in Alkohol, um sie schließlich auf den kostbaren Kunstbänden der Gastgeberin auszukotzen. Die schlimmste Figur scheint der smarte Anwalt zu sein, doch ausgerechnet er, der professionelle Verschleierer, sagt brutal die Wahrheit. Die Tünche der Zivilisation ist hauchdünn, darunter lauert die Barbarei, die dem Gott des Gemetzels opfert. Zuweilen auch in schicken Pariser Salons. Ein gelungener Abend in St.Pölten.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.02.2009)