Philharmoniker-Vorstand Clemens Hellsberg wünscht sich, dass die Salzburger Festspiele Nummer eins in der Welt sind. Er lobt Markus Hinterhäuser – und die Marketingerfolge beim Neujahrskonzert.
Die Presse: Am 28.Februar 2009 läuft die Bewerbungsfrist für die Intendanz der Salzburger Festspiele aus. Sie sind für die Wiener Philharmoniker in der Findungskommission. Was wünscht sich das Orchester?
Clemens Hellsberg: Die Festspiele müssen den Anspruch erheben, das Festival Nummer eins der Welt zu sein – wenn man jetzt einmal Bayreuth beiseite lässt. Das Umfeld hat sich natürlich enorm verändert. Aber es war immer und zu allen Zeiten schwierig, an der Spitze zu sein.
Die Philharmoniker waren vor bald 20 Jahren auch in der Findungskommission für Gerard Mortier gewesen, der dann den Musikern die Hölle heiß machte, zu geringe Probenzeiten kritisierte usw. Wieso sind Sie trotzdem neuerlich in so eine Kommission gegangen?
Clemens Hellsberg: Peter Radel (früher ORF-Finanzdirektor, Kuratoriumsmitglied der Festspiele) hat mich gefragt. Ich bin also seitens des Finanzministeriums (für das Radel im Kuratorium sitzt) in der Kommission. Ich habe das aber nicht allein entschieden, sondern erst Rücksprache mit dem zwölfköpfigen Verwaltungsausschuss der Philharmoniker gehalten. Ich habe auch klar gemacht, dass es in Salzburg nicht nur um Personen gehen kann, sondern auch zu klären ist, wie es weitergehen wird. Nur der Ordnung halber: Bei der Berufung Mortiers war nicht ich, sondern der damalige Philharmoniker-Vorstand Werner Resel in der Kommission.
Wenn ein Stardirigent wie Daniel Barenboim oder Simon Rattle die Festspielintendanz übernimmt. Würden Sie das wollen?
Hellsberg: Für die Philharmoniker bedeutet ein Dirigent in einer Intendantenfunktion immer eine besondere Situation: Man ist Partner am Podium und bei den Verhandlungen. Das ist ein Vorteil. Allerdings kommt ein Dirigent nur infrage, wenn er bereit ist, einen Lebensmittelpunkt in Salzburg zu haben. Um den Vergleich mit Herbert von Karajan kommt man da nicht herum. Er hat Salzburg zu seinem zweiten Lebensmittelpunkt gemacht. Wer ihn Opern dirigieren hören wollte, musste nach Salzburg kommen.
Barenboim ist ja Generalmusikdirektor der Berliner Lindenoper. Aber Simon Rattle könnte sich für Oper in Salzburg interessieren.
Hellsberg: Die Chance, Oper zu dirigieren, hat Simon Rattle wohl überall. Daniel Barenboim hat außer der Lindenoper auch noch das West-Eastern-Divan-Orchester, das er nicht im Stich lassen kann.
Als möglicher Kandidat für die Festspielleitung wird auch immer wieder der Pianist und Konzertdirektor der Festspiele, Markus Hinterhäuser, genannt. Schätzen Sie ihn?
Hellsberg: Ich kann nur sagen, was unsere Programme anlangt, hat sich Hinterhäuser mit großer Akribie, Liebe zum Detail und Sachkenntnis die Dinge überlegt. Es ist überzeugend, was er da macht.
Hat das Orchester eine Mitsprache bei der Programmgestaltung der Festspiele? Also, wenn Ihnen der Intendant eine schwere Oper aufbrummt, können Sie dann Nein sagen?
Hellsberg: Was Werkauswahl und Dirigenten betrifft, haben wir ein totales Mitspracherecht. Wir haben einen Vertrag mit den Festspielen, der immer auf fünf Jahre befristet ist und derzeit bis 2011 läuft. Ein echtes Problem ist die Vorausplanung. Wir sind jetzt bereits mitten in der Saison 2012/13. Wenn die neue Festspielführung im heurigen Sommer bestellt ist, rechnen wir damit, dass es mit uns gleich Gespräche gibt über die Zeit ab 2012. Es ist auf jeden Fall zu überlegen, ob man die Laufzeit der Verträge der Festspielintendanten nicht von fünf auf sechs Jahre verlängert, unter der Voraussetzung, dass spätestens drei Jahre vor Vertragsende der Neue bestellt wird. Bei Jürgen Flimm gab es die Verlängerungsdiskussion schon nach zwei Jahren. Das ist ungünstig.
Ist Salzburg, wie zuletzt gern behauptet, nur mehr Kommerz und Society, das Mekka der Erben, der Adeligen und der Selfmademen?
Hellsberg: Ich weiß, dass sich darunter auch viele Musikfreunde befinden.
Vor ein, zwei Jahren gab es eine große Debatte, ob die Philharmoniker von der Staatsoper weggehen sollen, weil die Gagen dort zu gering sind. Davon hört man jetzt nichts mehr. Der neue Kollektivvertrag ist bis 2010, wenn auf Ioan Holender Dominique Meyer folgt, auf Eis gelegt. Die Probleme aber bleiben.
Hellsberg: Der neue KV ist aufgeschoben. Das stimmt. Im Übrigen ist die Staatsoper Sache des Betriebsrates. Die Diskussion über den Ausstieg aus der Staatsoper wurde geführt, damit diese Idee nicht immer so vor sich hin schwelt. Es war aber immer klar– und das wird auch von einer eindeutigen Mehrheit der Mitglieder so gesehen –, dass das Spielen in der Oper für die Musiker große Bedeutung hat. Erstens ist es ein Riesenbereich in der Musikliteratur, zweitens ist die ständige Korrespondenz mit der Bühne wichtig. Das schult die musikalischen Reflexe. Ein Konzertmusiker spielt Oper vielleicht einmal bei einer konzertanten Aufführung. Er lernt keinen Wagner, keinen Verdi, keinen Puccini und auch einen wesentlichen Teil des kompositorischen Schaffens von Mozart und Richard Strauss nicht.
Die Debatte über das Weggehen aus der Staatsoper ist also anscheinend beendet.
Hellsberg: Die Staatsoper ist für unser Orchester eine künstlerisch essenzielle Sache. Allerdings muss man immer wieder darauf hinweisen, dass die Gage mit internationalen Opernhäusern nicht zu vergleichen ist.
Die Philharmoniker lassen das Neujahrskonzert von der Schweizer Firma Team, die auch die Champions League hat, vermarkten. Hat sich diese Idee bewährt?
Hellsberg: Die Produktion bleibt beim ORF, da sind wir Partner. Das Produkt als solches war immer hervorragend. Team hat einen Sponsor gebracht: Rolex. Die Zahl der Länder, die das Neujahrskonzert übertragen, ist von 57 auf 72 gestiegen.
Da müssen die Einnahmen für die Musiker ja sprunghaft in die Höhe geschnellt sein.
Hellsberg: Es ist etwas anderes, ob Deutschland überträgt oder etwa Peru, Tobago, die Philippinen. Da verdient man nicht mehr. Unsere Kooperation mit Team trägt der Globalisierung Rechnung. Im Team-Gebäude in Luzern gibt es 120 Angestellte aus verschiedenen Ländern. Die machen den ganzen Tag nichts anderes, als Fernsehrechte zu verkaufen. Das ist schon beeindruckend.
Rolex als Sponsor, wirkt das nicht ein bisschen neureich? Würde zu den Philharmonikern nicht besser Patek Philippe passen?
Hellsberg: Rolex ist nicht börsenotiert, sondern eine Stiftung. Ein interessantes Unternehmen, das sich exemplarisch für Kultur engagiert. Wir passen gut zusammen.
Der ORCHESTER-vorstand
■Clemens Hellsberg (56) ist seit 1978 Primgeiger der Wiener Philharmoniker und seit 1997 Orchester-Vorstand.Der gebürtige Linzer studierte Musikwissenschaft, Alte Geschichte. Über die Philharmoniker schrieb er das Buch „Die Demokratie der Könige“.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.02.2009)