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"Hexe Lilli": Kleiner Drache mit Kometen-Qualitäten

(c) Disney
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Stefan Ruzowitzky versuchte, dem Disney-Korsett zu entfliehen. Er lockerte aber auch eingefahrene Gewohnheiten des deutschen Kinderfilms charmant auf. Neues Kino für Minis, nett, aber nicht umwerfend.

Wer kennt Michael Mittermeier? So fragte der Moderator bei der Österreich-Premiere von Stefan Ruzowitzkys „Hexe Lilli“ Dienstagabend im Cineplexx Reichsbrücke. Da blieben nur wenige Kinderhände unten. Der Comedian aus Bayern (42), über den mancher Erwachsene die Nase rümpft, ist mit seinen manchmal derben Scherzen ein Liebling der Kids. Das wird sich noch steigern. Denn Mittermeier ist die Stimme des übergewichtigen Drachen Hektor, der gleich zu Beginn des Films durch Baumkronen herabstürzt, sich eine halbe Torte in den Mund stopft, dann aber immerhin die alte Hexe Surulunda (Pilar Bardem) vor dem Diebstahl ihres Hexenbuches bewahrt. Dieses will der böse Kollege Hieronymus (Ingo Naujoks) stehlen, um die Welt zu beherrschen. Bei Surulunda schleicht er sich als schönes Girl (Yvonne Catterfeld) ein ...

Bardin Catterfeld hat es weniger gut getroffen als ihre Kollegin Jeanette Biedermann, Zierde der Telenovela „Anna und die Liebe“. Eine knallrote Teufelszunge schnellt aus Catterfelds Mund, schon steht sie da in Fetzen, mit haarigen Männerhaxen.

Die Hexe ist seit Hatschi Bratschi und Kniesebein, wohl überhaupt seit ewigen Zeiten ein Klassiker der (Kinder-) Literatur. Das böse, für den Scheiterhaufen oder das Braten im Ofen (Hänsel und Gretel) bestimmte Weib wurde nun zurückverwandelt in die wundersame Magierin (Schamanin?) des längst verwehten Matriarchats. Neuere Hexlein heißen Bibi Blocksberg und Lilli. Die zwei wurden zur selben Zeit erfunden, als Nachklang der freiheits- und frauenbewegten Sechziger- und Siebzigerjahre, 1980.

 

Karl Markovics hat die falsche Rolle

Die animierte Bibi war herzig, die Realversion (2002) peinlich, wiewohl Corinna Harfouch als hundsgemeine Rabia (abgeleitet von der enorm erfolgreichen Cruella de Vil, Glenn Close, aus „101 Dalmatiner) sehr gefiel. Ingo Naujoks als Hieronymus in „Hexe Lilli“ ist da eher eine Knallcharge, die Rolle hätte man Karl Markovics geben sollen, der leider nur den Pferdehofbesitzer spielt.

Erstmals läuft ein deutscher Kinderfilm unterm Disney-Label. Das klingt wie eine gefährliche Drohung. Vieles von Disney schaut gleich aus. Mit dem deutschen Kinderfilm hat der amerikanische überdies gemeinsam, dass seine Botschaften auf lineare Pädagogik, plattes Gutmenschentum zielen.

Stefan Ruzowitzky ist diesem Schema F nicht entkommen. Trotzdem gelang es ihm, einen pfiffigen und charmanten Film zu drehen, mit einigen intelligenten Dialogen, reichlich Amüsement, auch für Erwachsene, und einer würdigen Botschaft, die an Michael Endes Klassiker „Momo“ erinnert: die Geschichte von den Zeitdieben, die den Menschen Lebenslust rauben. Etwa 15 „Hexe Lilli“-Bücher gibt es, da ist noch viel Stoff für Filme. Wie die im Detail ausschauen, wird den Kids egal sein. Hauptsache, der Drache Mittermeier bleibt – und kann dieser auch mit dem Urvater des Genres, Pumuckl (Hans Clarin), in puncto Originalität nicht mithalten, so bringt er doch einen zeitgemäß subversiven Ton ein.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.02.2009)