Konzentriertes Gift von Thomas Bernhard: Sieben noch immer aktuelle Dramolette.
Vor circa 30 Jahren war Thomas Bernhard, der in der Zurückhaltung immer eher zurückhaltend war, gegen Personen der Öffentlichkeit besonders angriffslustig. Alte deutsche Exnazis wie die Politiker Filbinger und Scheel waren sein Ziel, aber auch der österreichische Bundeskanzler Kreisky und der Dichter Canetti. Dafür wurde der 1989 verstorbene Bernhard angefeindet. Erich Fried empfahl ihm gar das Studium der Psychoanalyse.
Bernhard aber verarbeitete seinen Zorn über die Naziverbrecher und ihre Nachkommen von 1978 bis 1981 in sieben Dramoletten. Die sind von „Der deutsche Mittagstisch“ bis „Freispruch“ von hoher Präzision und auch noch immer beängstigend aktuell. Im Burgtheater-Kasino kamen am Dienstag und Mittwoch die giftigen Döschen, die von 1987 bis 1999 höchst erfolgreich an verschiedensten Häusern gespielt wurden, zur Wiederaufführung. Zwölf Burgtheater-Stars zelebrierten in szenischer Lesung ein Hochamt Bernhard'scher Boshaftigkeit.
Das böseste aller Ehepaare
Gertraud Jesserer singsangt minutenlang mit Sylvia Lukan, dass „A Doda“ am Straßenrand liegt. Doch es sind nur die illegalen Naziplakate, die ihrem Mann vom Moped gefallen sind und die sie nun entschlossen aufkleben wird. Branko Samarovski und Libgart Schwarz spielen in „Freispruch“ das böseste aller Ehepaare: „...in Buchenwald haben mein Mann und ich geheiratet / das war gar nicht leicht / ein weißes Kleid aufzutreiben“. Mit zwei befreundeten Helfershelferpaaren (Detlev Eckstein und Elisabeth Augustin, Paul Wolff-Plottegg und Brigitta Furgler) wird gefeiert, dass der massenmörderische Nazirichter von seinen massenmörderischen Kollegen vor einem Prozess bewahrt wurde. Am Schluss stimmt die Mörderbande wie selbstverständlich „Die Fahne hoch“ an. Dieses Dramolett ist von Harald Brückner nur sparsam inszeniert, das erhöht jedoch mithilfe dieser exzellenten Sprecher nur die Wirkung.
Fremdenfeindlichen Stumpfsinn spielen Robert Reinagl und Sylvia Haider; „Match“ wirkt wie eine Reportage vom Stammtisch. Kann man im richtigen Leben so bigott sein wie Ulli Fessl in „Maiandacht“, so schäbig und beschränkt wie Franz J. Csencsits als Ministerpräsident in „Eis“? Aber ja. Bernhard ist Realist. Das furiose Finale „Alles oder nichts“ wirkt wie die Vorwegnahme dümmster Reality-Shows im TV. Man möchte schreien: „Holt mich hier raus!“. Oder wie im „Mittagstisch“ ganz einfach sagen: „Nazisuppe! Nazisuppe! Nazisuppe!“
BERNHARD GANZ KURZ
■Harald Brückner (*1972) hat sieben Dramolette von Thomas Bernhard (1931 bis 1989) für eine szenische Lesung arrangiert. Der Zyklus „A Doda“, „Maiandacht“, „Match“, „Freispruch“, „Eis“, „Der deutsche Mittagstisch“, „Alles oder nichts“ wurden zwischen 1978 und 1981 geschrieben.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.02.2009)