Alle Bälle der Steiermark!

Unter den von Ballberichterstattern am häufigsten falsch geschriebenen Wörtern ist „Dekolleté“.

Daran ist wohl auch schuld, dass das zugehörige Objekt mit einer gewissen Du-Es-Ich-Über-Ich-Dissonanz behaftet ist, weniger geschwollen gesagt: Man soll hinsehen, soll aber nicht hinsehen.

Wenn es heuer in den Opernballberichten besonders häufig falsch – oder, wer weiß, ungewöhnlich oft richtig – geschrieben wird, dann wird das aber am Vornamen des heurigen Gastes von Baumeister Richard Lugner liegen: Nicollette Sheridan.

Nicolette ist eine Verkleinerung des schönen Namens Nicole, einer weiblichen Form von Nikolaus (von „nikáo“ = siegen und „laós“ = Volk); es gibt keinen vernünftigen Grund, diesen Namen mit „ll“ zu schreiben.

Von Herzmanovsky-Orlando wissen wir, dass der Stadt Scheibbs – im Gegensatz zum ebenfalls beantragten zweiten Donnerstag – das zweite b bewilligt wurde, um peinliche Schreibfehler zu vermeiden; dergleichen ist hier doch auszuschließen.

Man möchte also wirklich gern wissen, was sich der zuständige Standesbeamte in Worthing, England, gedacht hat. Wahrscheinlich so wenig wie die Stümper, die Lipizzaner mit „pp“ schreiben! Insofern passt es gut, dass Elisabeth Gürtler, die Chefin der Spanischen Hofreitschule, den Wunsch Nicollette Sheridans nicht erfüllen wollte, im Zuge ihres Wien-Besuchs auf einem Lipizzaner zu reiten. Jeder Wiener wird das verstehen.

Im Gegensatz zur Entscheidung der Opernball-Organisatorin, die Choreografie der Eröffnungspolonaise der weltberühmten Wiener Anstandsmanufaktur Elmayer (ohne „ll“!) zu entziehen und der Grazer Tanzschule Kummer zuzusprechen. Scharfe Beobachter sehen darin einen weiteren Schritt zur steirischen Weltherrschaft, die sich auch durch das schleichende Comeback des Schilcherweins äußert und dadurch, dass der Grazer Diözesanbischof (mit „p“ und „ll“) bei der Doch-nicht-Installation eines Linzer Weihbischofs ein gewichtiges Wörtlein in Rom mitgeredet haben soll.

Wen wundert es da, wenn im heurigen Fasching der Kalauer „St.Eiermark“ wieder zu den beliebtesten Flüsterwitzen gehört? Ich selbst, der ich seit 17 Jahren treu einem steirischen Verlag diene, habe mich dabei ertappt, darüber verschämt zu lachen.


Aber ich lache ja auch, wenn jemand „Sauce trara“ sagt oder einen Neurobiochemiker und „Ramones“-Fan mit „Gaba, gaba, hey!“ grüßt (wobei dieser Scherz daran krankt, dass er nur von Neurobiochemikern verstanden wird, die zugleich „Ramones“-Fans sind). Wenn sich jemand am Würstelstand „eine Genickwurst“ bestellt. Wenn eine noble Speisekarte in Frankfurt am Main „Handkäs mit Balsamico-Musik“ anbietet. Wenn ein Wiener Wirt „Spaghetti polonaise“ auf die Tafel schreibt.

Wenn, wie einst die „Presse“ berichtete, bei einem Wiener Ball in Hongkong eine „Bolognese“ getanzt wird. Eine Wiederholung ist zu befürchten, wenn wahr wird, was die U-Bahn-Illustrierte „Heute“ erfahren haben will: „Es soll ein exakter Sabotage-Plan für die Eröffnung existieren. Ein Tohuwabohu bei der Quadrille – megapeinlich...“ Der Opernball als Zentrum einer antisteirischen Weltverschwörung: Das darf nicht sein!

Im Übrigen bin ich für die Einführung des zweiten Donnerstags.


thomas.kramar@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.02.2009)

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