Biologie: Die Macht der linken Hand

(c) EPA (Shawn The)
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Dass die meisten von uns Rechtshänder sind, könnte von der Entstehung der Sprache kommen. Zwar schwankt der Anteil der Linkshänder von Ethnie zu Ethnie aber auf 50 Prozent geht er nirgendwo.

Barack Obama ist auch insofern bemerkenswert, als er ein Linkshänder ist und zugleich ein exzellenter Redner. Was? Was soll das eine mit dem anderen zu tun haben? Gemach, die Geschichte ist gewunden, sie beginnt früh: Wenn wir 15 Wochen alt sind – im Uterus –, beginnen wir, am Daumen zu lutschen, bei den meisten ist es der der rechten Hand. Sie wird auch später im Leben bevorzugt, nicht nur von uns, auch unsere Ahnen bis hinab zum Homo erectus hatten die Präferenz, man kann es ihren Steinwerkzeugen ablesen, auch den Verletzungen von Kämpfen.

Und es ist überall so. Zwar schwankt der Anteil der Linkshänder von Ethnie zu Ethnie – zwischen fünf und 25 Prozent –, aber auf 50 Prozent geht er nirgendwo. Umgekehrt sind die Linkshänder nicht ausgestorben, sie halten sich gegen harte kulturelle Unterdrückung: Im lateinischen „sinistra“ wird die linke Hand mit der „bösen“ und „unheilkündenden“ amalgamiert (Ausnahme: Für die Auguren war sie die „heilkündende“), in islamischen Ländern isst man mit der Rechten und wäscht sich mit der Linken das Gesäß, in Taiwan ist das Schreiben mit der Linken extrem tabuisiert – 0,7 bis 3,5 Prozent tun es doch –, aber Kinder von taiwanesischen Einwanderern in die USA bringen es auf 6,5 Prozent: Der soziale Druck ist geringer.

Wie groß er auch immer ist, er schafft die „böse“ Hand nicht aus der Welt, auch das mit ihr verbundene Risiko kann es nicht: Linkshänder – mehr Männer als Frauen – haben ein größeres Unfallrisiko, Maschinen sind für Rechtshänder konstruiert, Waffen auch, aber just dort, bei Kampfsportarten wie Fechten, sind die Linkshänder besser, sie finden sich auch überproportional in gewalttätigen Gesellschaften.

Aber auch in diesen gehen sie nicht auf 50 Prozent. Woran das liegt, ist ungeklärt, man weiß nur, dass Linkshändigkeit in Familien läuft. Man weiß aber wieder nicht, ob sie mit den Genen kommt oder erlernt wird; Violaine Llaurens (Montpellier) hat die Literatur durchmustert und schätzt grob, dass die Gene zehn bis 20 Prozent beisteuern (Philosophical Transactions B, doi: 10.1098).

Linke Hirnhälfte, rechte Hand

Auf die setzt Michael Corballis (Auckland), der den Siegeszug der rechten Hand mit dem der Sprache erklärt: Die für Lautbildung zuständigen Hirnregionen sitzen bei allen Tieren – Fröschen, Vögeln, Säugern – in der linken Gehirnhälfte; die ist zudem für die Bewegungen der rechten Körperhälfte zuständig. Deshalb wurde in der Gattungsgeschichte erst links im Gehirn Kommunikation gedacht, dann mit der Rechten gestikuliert und dann, rückwirkend, die gesprochene Sprache entwickelt (Behavioral and Brain Science, 26, S.199). Dazu passt, dass bei Kleinkindern der Wortschatz mit dem der Gesten wächst (Science, 323, S.951).

Aber keine Regel ohne Ausnahme, wir sind wieder beim US-Präsidenten, der so herausragend redet und doch die Linke bevorzugt. Vielleicht gehört auch sein Gehirn zu den Ausnahmen: Nicht bei allen sitzen die für Sprache zuständigen Regionen links. Zwar ist es bei Rechtshändern zu 95 Prozent so, aber bei Linkshändern nur zu 70 Prozent. Obama? Ins Gehirn schauen kann man ihm nicht.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.02.2009)

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