„Wiedersehen mit Brideshead“ erreicht nicht die intellektuelle Tiefe des Romans von Evelyn Waugh, aber die Schauspieler glänzen in diesem edlen Kostümfilm.
Die Gretchenfrage wird in Wiedersehen mit Brideshead von der Mutter gestellt. Lady Marchmain (Emma Thompson), streng katholische Aristokratin, will vom aufstrebenden Maler Charles Ryder (Matthew Goode) wissen, wie er es mit der Religion hält. Er eröffnet ihr, Atheist zu sein. Das disqualifiziert ihn (neben dem bürgerlichen Makel) für eine Verbindung mit Marchmains Tochter Julia Flyte (Hayley Atwell). Rasch wird seine Verbindung zum Adel, die durch die Freundschaft mit Julias Bruder Sebastian (Ben Whishaw) beim Studium in Oxford begann, gekappt. Der Intimus der Jungen muss Schloss Brideshead noch am Abend verlassen, als Julias Verlobung mit dem Unternehmer Rex Mottram (Jonathan Cake) bekannt gegeben wird, und der betrunkene Bruder beim Fest einen Skandal auslöst.
Es gibt aber ein Wiedersehen mit Brideshead, eine Fortsetzung der Affäre, erzählt wird sie in komplexen Rückblenden von Ryder, mit elegischem Grundton; die Jungen können nicht zueinander finden, weil eine mächtigere Mutter wirkt als nur die strenge Lady von Brideshead. Das Katholische an sich verhindert die Bindung, am Schluss herrscht allseits Frustration.
Homophil und konvertiert
Was aber bei Waugh (er trat 1930 zum Katholizismus über) als raffiniertes Ringen von Sündern um Glaube, Gnade und Sinn dargestellt wird, wirkt in Julian Jarrolds Film etwas platt. Die Religionskritik ist so eindimensional wie die Darstellung der Homosexualität der beiden Studenten. Waugh (der selbst in Oxford Affären mit Männern gehabt haben soll) deutet sie nur zart an, Whishaw muss im Film eine eitle Tunte spielen. Auch das ist platt. Es gibt aber einige Stärken bei Jarrold: Im Roman wird in allen Schattierungen der Niedergang des britischen Empire und seiner Klassengesellschaft porträtiert. Dieser Aspekt kommt auf der Leinwand in wunderschönen Bildern einer dekadenten Gesellschaft zur Geltung. Glanzpunkte setzen Michael Gambon als Vater Marchmain und Greta Scacchi als Cara, mit der der Lord vor seiner frommen Frau ins liederliche Italien geflohen ist. Seine Sterbeszene ist ein später Angelpunkt des Romans. Der alte Sünder flieht, wie man an seiner finalen Handbewegung zu erkennen glaubt, zurück in den Schoß der Kirche. Im Film wirkt dieser Moment wie ein Strafgericht mit der verhärmten Emma Thompson als himmschlischer Richterin.
Die Abschiede zählen zum Schönsten. Charles lässt Jahre nach dem Zerwürfnis den sterbenskranken Sebastian, den er auf Bitten seiner Mutter zurückholen sollte, auf dessen Wunsch in Marokko zurück, weil der dort seinen Frieden gefunden hat. Auch die Trennung von Julia vollzieht sich diskret. Besonderen Reiz erhält dieser mit wunderbaren Schauspielern besetzte Film durch die Frische der Jungen in ihrer erlesenen Umwelt, die seltsam mit ihrer Melancholie und der Bitterkeit der Lady kontrastiert.
Ein schmucker Kostümfilm mit schönen oder charaktervollen Darstellern also – nur im Vergleich mit dem Text (er zählt zu den besten im 20. Jahrhundert) wirkt er etwas blass. Und so mancher mag sich noch nostalgisch daran erinnern, dass Jeremy Irons 1981 in einer elfteiligen TV-Produktion als Mr. Ryder doch viel stärker beeindruckte.
Autor und Werk
■Evelyn Waugh (1903–1966) hat den Roman „Brideshead Revisited“ 1945 veröffentlicht, geschrieben hat er das autobiografisch anmutende Buch bereits als Offizier im Krieg. 1959 gab es eine revidierte Fassung. Es gehe darin um die Wirkung der Gnade, schrieb Waugh. Sein Opus magnum zählte „Time“ zu den 100 besten Romanen aller Zeit. Der Exzentriker schrieb auch prächtige Satiren wie „Decline and Fall“ oder „Scoop“ und die Trilogie „Sword of Honour“.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.02.2009)