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Kärnten: Wahlen im Land der fließenden Übergänge

ZERNATTO AMBROZY WAGNER HAIDER
(c) AP (Gert Eggenberger)
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Ein starkes drittes Lager, eine schwache ÖVP, eine rechte SPÖ – wie Kärnten wurde, was es ist. Und warum die Biografien von Gerhard Dörfler, Reinhart Rohr und Co. exemplarisch dafür sind.

Nur zwei Wochen lagen zwischen dem Tod des einen und des anderen. Jahrzehnte hatten sie das politische Geschehen im Land dominiert, erst der eine, dann der andere. Der Sozialdemokrat Leopold Wagner starb am 26.September 2008, der Freiheitliche Jörg Haider verunglückte am 11.Oktober 2008.

Der Kärntner sei zuerst national und dann erst sozialistisch. So hatte Leopold Wagner am Höhepunkt seiner Macht die politische Befindlichkeit seiner Landsleute erklärt. Von Wagner, sagte Jörg Haider später, habe er viel gelernt. Und er hat ihm auch viele seiner früheren Wähler abgenommen.

Jörg Haider hat seine Partei zur stärksten im vormals roten Kärnten gemacht. Dreimal wurde er zum Landeshauptmann gewählt. Die halbe Welt blickte seinetwegen gebannt auf diesen eigentümlichen Stamm im Süden Österreichs. Doch nicht erst durch Jörg Haider wurde Kärnten zum politischen Sonderfall. Er hat die Gegebenheiten nur in außergewöhnlicher Weise für sich genützt.

 

Haiders Ahnen in Erster Republik

Bereits bei den ersten freien Reichsratswahlen nach dem allgemeinen Wahlrecht im Jahre 1907 waren die deutschnationalen Parteien in Kärnten auf 40,9Prozent der Stimmen gekommen. In der Ersten Republik stellte das dritte Lager, obwohl die Sozialdemokratie stets die stärkste Einzelfraktion war, dann sogar drei Landeshauptleute: Arthur Lemisch, Vinzenz Schumy und Ferdinand Kernmaier.

Der St.Veiter Großbürger Lemisch, „Landesverweser“ von 1918 bis 1921, führte Kärnten durch die Wirren des Abwehrkampfs. Er gilt als Ahnherr des dritten Lagers in Kärnten. Ein reicher Mann, der sozial dachte und handelte. Seine Bedeutung in der Zwischenkriegszeit lässt sich mit jener Jörg Haiders in späteren Zeiten durchaus vergleichen. „Sofern man von der breiteren medialen Komponente bei Haider absieht“, wie der Historiker Lothar Höbelt meint. Seine zweite Amtsperiode als Landeshauptmann absolvierte der über die Lagergrenzen hinweg angesehene Lemisch – im Internetlexikon Wikipedia irrtümlich als zeitweiliger Sozialdemokrat geführt –, von 1927 bis 1931.

Schumy und Kernmaier waren wie Lemisch Vertreter des Landbundes, einer Gruppierung freisinniger Bauern. Kernmaier, 1934 vom austrofaschistischen Bundeskanzler Engelbert Dollfuß als Landeshauptmann abgesetzt, ging danach zu den Nationalsozialisten und machte dort Karriere. Schumy wiederum wandte sich dem Ständestaat zu, wurde sogar Vizekanzler in Wien und schloss sich nach 1945 der ÖVP an.

 

Das antiklerikale Kärnten

Das christlich-soziale Lager war in Kärnten traditionell schwach. Das zur Zeit der Reformation überwiegend protestantische Kärnten war nach der Gegenreformation vielfach antiklerikal, anti-monarchistisch und deutsch-liberal eingestellt. Nicht zuletzt die größeren Bauern aus Oberkärnten. Ein typisches Beispiel: die Familie des Kärntner BZÖ-Chefs Uwe Scheuch. Katholisch und konservativ waren vor allem die Slowenen. Die ÖVP konnte vom Landbund, der nach 1945 nicht mehr wiederbelebt wurde, immerhin die Kleinbauern und Kleinbürger aus Unterkärnten gewinnen. „Die Oberkärntner Bauern und jene aus dem St.Veiter Raum hingegen gingen großteils zur FPÖ“, so Höbelt.

Hinzu kam, dass nach dem Kärntner Erbhöfegesetz dem Erstgeborenen der ganze Hof zustand, die Geschwister mussten sich oft als Landarbeiter verdingen oder fristeten als Nebenerwerbsbauern ihr Dasein. So entstand ein ländliches Proletariat, das den Sozialdemokraten zugeneigt war. Reinhart Rohr, der Kärntner SPÖ-Chef, entstammt diesem Milieu. Der Bergbauernsohn aus Stockenboi begann seine politische Karriere auch als Sekretär der SPÖ-Bauern.

In der nationalen Frage dachten Sozialdemokraten lange ähnlich wie die Deutsch-Freiheitlichen. Das Deutschtum galt als fortschrittlich, das Slowenische als rückschrittlich. „Lieber den deutschen Liberalen als den slowenischen Klerikalen“, hieß es unter Kärntner Sozialdemokraten zu Monarchiezeiten, wie der Historiker und frühere Chefredakteur des SPÖ-Organs „Kärntner Tageszeitung“, Hellwig Valentin, in seinem Buch „Der Sonderfall“ schreibt.

 

Kärntner „Punschkrapferl“

Auch nach 1945 kam es zu einer Annäherung zwischen Sozialdemokraten und Nationalen, obwohl die SPÖ-Genossen kurzzeitig auch Gespräche mit KPÖ-Vertretern über die Bildung einer Einheitspartei führten – doch die SP-Rechte setzte sich durch. Die SPÖ, wieder stärkste Kraft im Land, verfügte nach dem Zweiten Weltkrieg über zu wenig akademisches Personal, um die höheren Posten im Landesdienst besetzen zu können. So griff man – vor allem über den Bund Sozialistischer Akademiker – auf ehemalige minderbelastete Nationalsozialisten zurück. Auf diese Weise entstand das Bonmot vom „Kärntner Punschkrapferl“ – außen rot und innen braun. Der sozialistische Langzeit-Landeshauptmann Leopold Wagner, unter dem die SPÖ nach einer linkeren und minderheitenfreundlicheren Phase unter Hans Sima nach rechts rückte, tat später ein Übriges dazu, indem er stolz bekannte, ein „höhergradiger Hitlerjunge“ gewesen zu sein.

Die Entwicklungsgeschichte NS-Sympathisant – SPÖ-Wähler – Haider-Fan findet sich nicht selten in Kärnten. Wobei freilich auch die ÖVP um frühere Nazis warb. Und jene Ehemaligen, die sich nicht bei Rot und Schwarz assimilieren wollten, zogen ohnehin die FPÖ vor, da diese weltanschaulich die größte Kontinuität zu garantieren schien. Liberale Freiheitliche vom Schlage Arthur Lemischs waren eine Rarität. Auch der Machtwechsel 1945 erfolgte übrigens fließend: Die Nazis übergaben noch vor Kriegsende die Regierungsgeschäfte den neuen bzw. alten Kräften.

 

Dörfler – von Rot zu Orange

Exemplarisch für die Kärntner Eigenheiten ist die Biografie des Landeshauptmanns Gerhard Dörfler. Er stammt aus armer, eigentlich sozialdemokratischer Familie. Sein Vater fand Arbeit im Sägewerk des früheren Kärntner FPÖ-Obmanns Reinhold Huber, Vater von Kriemhild Trattnig und einst hoher NS-Funktionär. Auch Dörfler selbst begann dort als Ferialpraktikant zu arbeiten. Unter dem Einfluss Hubers geriet die Familie Dörfler immer mehr ins FPÖ-Umfeld. Der Senior wandte sich dann wegen Bruno Kreisky, der ihm zu elitär war, von der SPÖ ab. Der Junior wurde zum Haider-Anhänger, als er diesen persönlich kennenlernte.

Diese „Haider-Koalition“ trägt heute das BZÖ – repräsentiert von Dörfler, dem Arbeiterbuben, der in Jörg Haiders Sog mit aufstieg, auf der einen Seite und dem Großbauernsohn Uwe Scheuch aus altem, erzfreiheitlichem Adel auf der anderen. Möglich, dass sie nach dem 1.März 2009 auseinanderbricht.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.02.2009)