Skispringen: Nicht nur Frauen, die sich trauen

(c) AP (Barbara Gindl)
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Das WM-Debüt der Damen begann in Liberec mit einem Skandal – eine Zwölfjährige durfte beim Training abspringen und stürzte schwer. Alterslimits gibt es nicht.

LIBEREC/WIEN. Für Skispringer ist die Freiheit angeblich grenzenlos. Nichts soll schöner sein, als mit 90km/h eine Schanze hinunterzufahren und dann in die Tiefe abzuspringen. Während sich dazu Berufene des vermeintlich stärkeren Geschlechts seit Jahrzehnten in dieser Sportart messen, war es Frauen bei Großereignissen bis dato vorenthalten. FIS-Präsident Gian Franco Kasper soll (für sich) als Erklärung dafür sogar die Aussage gefunden haben, dass es Frauen „bei der Landung die Gebärmutter zerreißen“ würde. Gleichberechtigung, Intelligenz, Emanzipation und sportlicher Ehrgeiz ließen sich von ihm nicht aufhalten. Aus Promotion-Bewerben (1995, Thunder Bay) und Vorspringer-Shows wuchs ein Continental-Cup. Und heute feiern die Skisprung-Ladies in Liberec (10.30Uhr/ORF1) ihre WM-Premiere.

Kritik an Veranstalter und FIS

Doch ganz so glanzvoll, wie es sich der Internationale Skiverband und alle beteiligten 39 Starterinnen aus 13 Nationen vorgestellt haben, verläuft das WM-Debüt nicht. Denn nicht nur Damen springen ab, sondern auch Kinder! Der Blick auf die Startliste des ersten Trainings beweist es: Die Tschechin Natalie Dejmkova ist zwölf Jahre alt! Michaela Dolezelova ist 14 Jahre alt, Maren Lundby (NOR), Julia Kykkänen (FIN), Manja Pograjc (SLO) ebenso. Man findet noch zig weitere Teenager, und es nährt den Verdacht, dass es vielleicht doch nicht so viele Damen gibt, die unbedingt von Schanzen springen wollen.

Kritik müssen sich nun Veranstalter und FIS gefallen lassen, denn just mit Natalie Dejmkova stürzte im ersten – vom Wind gestörten – Training die jüngste Teilnehmerin schwer. Wenig später wurde die 15-jährige Tschechin Lucie Mikova ins Spital gebracht mit dem Verdacht auf eine Knieverletzung. Der Auftakt begann also mit einer Bauchlandung. „Es hat nicht sehr wehgetan“, sagte jedenfalls Dejmkova glucksend, als ihr Reporter Mikrofone unter die Nase hielten. Auch Trainer Jaroslav Sakala – einst selbst erfolgreicher Skispringer – bemühte sich um Worte. „Es war nicht dramatisch.“ Dennoch: Tschechiens Verband reagierte, Dejmkova wird bei der WM nicht mehr starten.

„Disziplin ist im Wachsen“

Bei den Sommerspielen von Peking wurde um das Alter von Chinas Turnerinnen regelrecht gestritten. Manche, so wurde kolportiert, hätten noch nicht einmal ihre Milchzähne verloren. Andere trugen Zahnspangen und irritierten aufgrund des tatsächlich kindlichen Erscheinungsbildes. In Liberec aber gibt es keine Proteste. Warum? FIS-Rennsportdirektor Walter Hofer erklärt, dass es „kein Alterslimit“ gebe, weder bei den Damen noch bei den Herren. Eingeführt wird es übrigens auch nicht, sagt Hofer. „Diese Disziplin ist noch im Wachsen.“ Ob Comtesse Paula Lamberg, 1911 sprang sie als erste Frau von einer Schanze, damit einverstanden wäre?

Als „absolut wertlos“ bezeichnet jedenfalls Finnlands ehemaliger Olympiasieger Toni Nieminen den Versuch, einen Damen-Bewerb bei dieser WM auszutragen. „Es müssen doch zuerst die Grundvoraussetzungen stimmen“, wird Nieminen, der 1992 selbst als 16-Jähriger die Tournee und zweimal Olympia-Gold gewonnen hat, in der finnischen Zeitung „Iltasanomat“ zitiert. „Und ist es überhaupt sinnvoll, so etwas zu veranstalten, wenn es weder ausreichend Bewerbe noch Springerinnen gibt?“ Echte Werbung für einen Sport sähe anders aus...

2011: Ein Mixed-Doppel?

Beim Österreichischen Skiverband sind derzeit 53 Athletinnen registriert. In Stams wurde in diesem Schuljahr sogar erstmals eine reine Mädchenklasse mit acht Springerinnen eingerichtet. Bei der WM aber stellen sich mit Jacqueline Seifriedsberger (18) und Daniela Iraschko (25) nur zwei Damen der Herausforderung, Sicherheit und Ausbildung haben Vorrang.

Im WM-Programm ist der Damen-Bewerb jedenfalls fix verankert, nur bei den Olympia-Granden sind die Ladies bislang abgeblitzt. Ob sie sich zu den Spielen in Vancouver einklagen können? Für ihre WM-Zukunft ist gesorgt: Sollte es 2011 nicht genug Teams geben, ist in Oslo ein Mixed-Bewerb nicht ausgeschlossen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.02.2009)

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