Wenn man in Kürze 30 wird, passiert im Freundeskreis Folgendes.
Die einen (die Jüngeren) schauen mitleidig und versichern, dass man ja ü-ber-haupt noch nicht wie 30 aussehe. Die anderen (die Älteren) haben diesen triumphierenden „Jetzt bist du endlich auch dran“-Blick und versichern, dass man ja ü-ber-haupt noch nicht wie 30 aussehe. Und alle, die Jungen wie die Alten sagen, man müsse sich unbedingt den Doku-Film „Mein halbes Leben“ ansehen. Weil: „Da wirst du dich voll wiedererkennen.“ Sicher nicht. Ich verweigere. Eines meiner wenigen Prinzipien lautet nämlich: Dinge, die einem von allen Seiten empfohlen/aufgedrängt werden, gehören abgelehnt. Das können Sie jetzt stur nennen, abgesehen von meinem unnötig langen Harry-Potter-Boykott hat sich die Strategie bewährt. Und überhaupt: Der Untertitel des Films „Wenn man es heute bis 30 nicht geschafft hat, ist alles vorbei“ macht nicht wirklich Mut auf die bevorstehende 30-plus-Ära.
30 Jahre lassen sich ja sehr unterschiedlich nutzen. Lee Redmond etwa hat die Jahre seit 1979 dazu verwendet, ihre Nägel wachsen zu lassen. Viel mehr wird sie sonst nicht gemacht haben, denn mit ein Meter langen Nägeln wird's schwierig. Alles nämlich: Mails schreiben, Gitarre spielen, Frühstücksei köpfen. Redmond konzentrierte sich aufs Rekord-Halten und tingelte als kleines, Ekel auslösendes Weltwunder durch TV-Shows. Damit ist Schluss, die Nägel sind weg. Bei einem Autounfall (sie war Beifahrerin, oder glauben Sie, sie konnte mit diesen Ein-Meter-Dingern ein Auto lenken?) brachen die Rekordnägel ab. Ob Frau Redmond nun nagellos weitermacht, ist nicht bekannt. Vielleicht spekuliert sie mit einem neuen Guinness-Rekord und lässt die Fußnägel wachsen. Um ihr zu zeigen, was man in 30 Jahren so tun kann, könnte man ihr „Mein halbes Leben“ empfehlen. Soll ganz gut sein.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.02.2009)