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Filmkritik: "Milk" - Was nach der Wut bleibt

Publicity photo of actor Sean Penn in scene from Milk
(c) REUTERS (HO)
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Gus Van Sants Bio-Film "Milk" über den Mord am ersten offen homosexuellen Politiker der USA ist für acht Oscars nominiert. Kein zorniger, ein zärtlicher Film. Große Kunst mit Sean Penn.

Es ist kein zorniger, es ist ein zärtlicher Film. Das ist überraschend, denn immerhin spricht im achtfach Oscar-nominierten Milk ein offen homosexueller Regisseur von der Ermordung des ersten offen homosexuellen Politikers der USA. Da gäbe es genügend Gründe, um die Anti-Diskriminierungskämpfe des Harvey Milk anzubinden an das gegenwärtige gesellschaftspolitische Klima in den USA: 2008 ist etwa gleichgeschlechtlich liebenden Menschen in Kalifornien das Recht auf Heirat wieder aberkannt worden.

Aber Gus Van Sant verzichtet in Milk auf Polemiken, verwehrt Helden- wie Schurkenkonstruktionen. Und zeigt damit auch, dass er die Hauptfigur seines Biografiefilms, den „Bürgermeister der Castro Street“, nicht nur respektiert, sondern verstanden hat. Denn Milk, der in der Homosexuellenbewegung einen ähnlichen Märtyrerstatus einnimmt wie Martin Luther King für die farbigen Bürgerrechtskämpfer, musste sich immer ausbalancieren zwischen der Knallbuntheit der Schwulenszene im San Francisco der Siebziger und der Tonlage im politischen Establishment, in dem er zu funktionieren hatte.

 

Brauner Dreiteiler statt Hippie-Tracht

Van Sant zeigt dies deutlich, wenn sich der Ex-Hippie über Nacht in einen gescheitelten Bürgerrepräsentanten verwandelt: Milk steckt im braunen Dreireiher, verhält sich den Regeln entsprechend, weil er weiß, dass sein Kampf nur so zu gewinnen ist. Man sieht hier keinem politischen Utopisten zu, keinem Revolutionär, sondern einem nonchalanten Mittvierziger, der schachern muss für die Rechte der Homosexuellen. Van Sant, dessen Filme wie Elephant (reale Grundierung: das Columbine-Massaker) oder Last Days (reale Grundierung: die letzten Tage Kurt Cobains) schwerfällig und todessehnsüchtig zwischen Wirklichkeit und Imagination taumelten, dieser avantgardistische Geschichtenerzähler also inszeniert mit Milk einen klassischen Biografiefilm – allerdings weit entfernt von Konventionen.

Gemeinsam mit Kameramann Harris Savides lässt er die dokumentarischen Aufnahmen – viele stammen aus Rob Epsteins Oscar-gekrönter Doku The Times of Harvey Milk (1984) – in die fiktiven Szenen münden: Oft kann der Zuschauer keinen Unterschied mehr erkennen, so penibel sind Farben, Materialen, Gesichter aufeinander abgestimmt.

Milk trifft Anfang der Siebziger in New York City auf den jungen Scott (James Franco), gibt ihm auf der Treppe zur U-Bahn-Station einen Kuss, wirft einen schnellen, ängstlichen Blick zurück. Beide ziehen nach San Francisco, eröffnen einen Fotoladen in der Castro Street: Vom Hinterzimmer aus koordinieren sie ihre ersten erfolglosen Wahlkämpfe, dann geht die Beziehung in die Brüche. Beim nächsten Anlauf, 1977, gewinnt Harvey Milk. Es folgen Discodancing und Kämpfe gegen Homosexuellenhasser wie Anita Bryant.

Milk bleibt bei all dem ruhig und sachlich, argumentiert mit Verve und Verstand: wie Van Sants Film, der auch durch die Oscar-nominierte Darstellung von Sean Penn zum Ereignis wird. Wie plastisch er diese schwer zu fassende Figur in ihrer ganzen Öffentlichkeit, Privatheit und auch in den liebevollen und tragischen Beziehungen zu Scott und Jack (großartig: Diego Luna) auf die Leinwand bringt, ist große Kunst. Denn Milk soll hier kein Held, muss Alltagsmensch sein: mit Mut, Rückgrat, Menschenliebe. Wenn er trotz Morddrohung aufs Podium steigt und zu „his fellow degenerates“ spricht, wenn er einen zornigen Mob von einer Straßenschlacht abbringt, läuft das ohne Pomp, ohne Fanfaren ab. Jeder hat das Zeug zum Harvey Milk.

Und jeder hat das Zeug zum Dan White. Josh Brolin legt den durchschnittsamerikanischen Familienvater und Milk-Mörder, der so leicht zur Persiflage, zum Hassobjekt hätte werden können, unscheinbar an. Man erfährt von seinen finanziellen Schwierigkeiten, sieht den Schmerz in seinen Augen, wenn er sich gedemütigt fühlt, versteht seine Wut: wenn er unter der Wucht der uramerikanischen Familienwerte zusammenbricht und im Nebenraum eine neue, progressive, alternative Gesellschaft tanzt, lacht und feiert.

 

Dem Mörder über die Schulter blicken

Für Minuten ist Van Sant ganz bei ihm: folgt ihm ins Bürgermeisterbüro, wo er George Moscone erschießt, pflanzt die Kamera hinter ihm, wenn er durch die Gänge schreitet. „No!“, schreit sein zweites Opfer und hält die Hände schützend vor sich: Dann bricht Milk zusammen. Und White blickt aus dem Büro auf das gegenüberliegende Opernhaus. Gezeigt wird „Tosca“. Der Film endet nicht mit den „White Night Riots“, den Ausschreitungen, nachdem White nicht wegen Mords, sondern Totschlags verurteilt wird und mit der Mindeststrafe davonkommt. Er schließt mit dem Trauerzug Zehntausender über die Castro Street, einem friedlichen Bild, einer Ahnung von Hoffnung. Milk ist ein zärtlicher, ein grausamer und trauriger Film. Über das, was nach der Wut kommt. Über das, was nach der Wut bleibt. We have overcome.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.02.2009)