In den USA wird darüber gestritten, ob eingekreuzte Rindergene die Reinheit der Art stören.
Bisons sind zäh. Sie überlebten als einzige Art das rätselhafte Massensterben, das vor 12.000 Jahren alle großen Tiere Nordamerikas – Elefanten, Kamele etc. – hinwegraffte, sie nahmen das Land in Besitz und wuchsen zu den größten aller Herden der Erde heran, 60 Millionen Stück sollen Mitte des 19. Jahrhunderts durch Nordamerika gezogen sein. Dann begann die große Jagd: Alle Staaten Europas rüsteten nach dem deutsch/französischen Krieg 1870/71 auf und brauchten unter anderem Stiefel für ihre wachsenden Armeen – aus Büffelhaut. Dafür, und nur dafür, wurden sie gejagt; in den USA wurden Eisenbahntrassen durch die Prärien gezogen, die Jäger konnten bequem anreisen und vom Abteil aus feuern, sie arbeiteten mit zwei Gewehren, damit je eines abkühlen konnte; schließlich mischte auch das US-Militär mit, das den Indianern ihre traditionellen Ressourcen abschneiden wollte: Die Bisons wurden fast ausgerottet, zur Jahrhundertwende gab es noch ein paar hundert, die meisten davon im Yellowstone-Park, in dem ab 1883 die Jagd verboten war.
Dann kamen Rettungsaktionen, Charles Goodnight, ein texanischer Rinderzüchter, übernahm die Initiative und holte Bisons auf sein Land. 1905 gründete US-Präsident Theodore Roosevelt mit Tierschützern die American Bison Society, die die verbliebenen Tiere einsammelte und in Reservaten neue Herden aufbaute. Heute gibt es wieder eine Million Individuen – in 18 staatlichen und etwa 50 privaten Herden –, sie alle stammen von weniger als 200 Ahnen ab.
Entscheidet Genom oder Lebensweise?
Aber sind sie wirklich Bisons? Darüber ist in den USA ein Streit entbrannt. Denn Pioniere wie Goodnight sicherten den Bisons nicht nur das Überleben, sie kreuzten sie auch mit Rindern. Das geht: Die Arten paaren sich zwar nicht aus freien Stücken, aber man kann sie dazu bringen. Deshalb haben fast alle Herden in geringen Anteilen Rindergene, James Derr, Genetiker an der A&M University in College Station, hat es erhoben – und er will wieder echte Bisons. Für ihn zählt das Genom: „Was wir derzeit erhalten, ist nicht die Art, sondern etwas völlig anderes – ein Schatten.“
Allerdings sieht der Schatten exakt so aus wie das Original, die genetischen Einsprengsel verursachen nur eine äußerliche Differenz: Fünf Jahre alte Bisons mit Rindergenen sind 4,5 Kilo leichter als reine Bisons (ein Männchen bringt es auf 900 Kilo). Deshalb wollen andere lieber ihren Augen trauen als Gen-Analysen: „Ob ein Bison null oder zwei Prozent vom Rind hat, ist für mich eher unerheblich“, erklärt Greg Wilson vom Canadian Wildlife Service, und Rurik List, Ökologe der University of Mexico, der eine Herde an der mexikanischen Grenze betreut, ergänzt: „Es gibt wichtigere Dinge als Gene. Die Tiere verhalten sich seit 80 Jahren wie Bisons und erfüllen deren ökologische Rolle.“ Zudem haben sie das Wissen – etwa, wo die Wasserlöcher sind –, das neu aufgebaute reine Herden erst erwerben müssten.
Drei reine Herden gibt es, ihre Hüter schließen sich Derr an und wollen jeden Zuzug genetisch testen. Aber sind das Bisons? Die Tiere sind zahm wie Rinder, sie haben mit Menschen zu leben gelernt, lassen sich von Touristen nicht schrecken und lecken etwa deren Autos unten ab, wenn dort im Winter Streusalz hängt. (Nature, 457, S.950)
BISON: Kein Buffalo
■Die Nordamerikaner nennen den Bison (Bison bison) auch „American buffalo“ (und einen seiner berühmtesten Jäger „Buffalo Bill“). Aber echte Büffel gibt es nur in Asien und Afrika. Enger verwandt ist der Bison mit dem europäischen Wildrind, dem Wisent.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.02.2009)