Finden Sie nicht, dass Werner Faymann wie der faule Willi aus „Biene Maja“ klingt?
Die rote Box mit dem satten Klang und den zwei Kindchen-Schema-Knöpfen vorne dran schien wie geschaffen für mich. Ich musste sie haben! Kaufrausch, sagte ich mir ohne das mindeste schlechte Gewissen, ist im tiefen Tal der Wirtschaftsmisere erste Bürgerpflicht. Gerne helfe ich also der dänischen Industrie, die Wert auf Design legt.
Die Box sieht aus, als ob Opa damit 1956 den Liveberichten von den olympischen Siegen Toni Sailers in Cortina d'Ampezzo gelauscht hätte, ein Senioren-Gadget auf den ersten Blick. Die Kiste aber hat es in sich. Weil es mir tatsächlich gelungen ist, diesen Radioapparat mit unserem Wireless-LAN zu verkuppeln, kann ich jetzt rauschfrei 15.000 Sender aus aller Welt empfangen. Nicht dass ich müsste, aber ich könnte eben jetzt Punkrock aus Angola oder eine evangelikale Messe aus Alabama hören.
Ich bin nämlich ein ausgesprochener Stimmenmensch. Wie sollte ich sonst rational erklären, dass ich mich täglich um sechs Uhr vom „Frühjournal“ auf Ö1 wecken lasse und den Abend mit Radio-Talk beschließe? Menschen erkenne ich zuverlässiger an ihrem Timbre als an ihrer Nase, deshalb schließe ich bei jenen, die mir vokal sympathisch sind, gelegentlich die Augen – nicht aus Missachtung oder Müdigkeit, sondern aus reiner Genusssucht. Der Minichmayr auf der Bühne höre ich zum Beispiel ebenso gern zu, wie ich sie anschaue.
Negativ ausgedrückt äußerst sich das so bei mir: Wenn Werner Faymann oder Maria Fekter im Rundfunk etwas verlautbaren, weiten sich meine Augen vor Schreck. Daran ist nicht nur der zuweilen ermattende Inhalt schuld. Finden Sie nicht, dass diese an sich ehrbaren Politiker wie der faule Willi und die Spinne Thekla aus „Biene Maja“ klingen?
Beim Radio hätten die keine Chance, in dieser Nische zählt Melos mehr als Macht. Die politische Landschaft sähe ganz anders aus, würden Mandatare nach ihrer Hörspieltauglichkeit gewählt, dann wären die Sanften und Sonoren an der Macht, und Ernst Grissemann wäre Präsident auf Lebenszeit.
Oder Inge Maria Grimm, eine Nachfahrin der Brüder Grimm. Diese reizende Dame war einmal vor langer Zeit meine Tischnachbarin und bezauberte mich durch ihre Konversation vollkommen. „Verzeihen Sie“, sagte ich schließlich beherzt, „wir kennen uns nicht, aber Sie kommen mir völlig vertraut vor.“ So eine Situation passiere ihr häufig, sagte Frau Grimm, vor allem bei Menschen, die in den Fünfziger- und Sechzigerjahren Kinder waren. Jahrzehntelang hat sie Woche für Woche fürs Radio Geschichten geschrieben und dort auch vorgetragen. „Seid mucksmäuschenstill!“ hieß eine ihrer Sendungen. Ich hatte meine Lieblingsmärchentante getroffen! Solche Erlebnisse sind heute nicht einmal mehr mit den raffiniertesten Designerradios möglich.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.02.2009)